Prinz Reza Pahlavi über den Iran: "Dieses Regime ist äußerst anti-religiös"

Interview mit dem ältesten Sohn des letzten Schahs von Persien

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BONN, 31. März 2010 (ZENIT.org).- Konvertiten zum Christentum werden im Iran verhaftet und gefoltert, ohne jegliche rechtliche Grundlage. Am vergangenen Wochenende prangerte dies erneut die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) bei ihrer Jahrestagung in Bonn an. Eine iranische Gesetzesvorlage sieht vor, Übertritte vom Islam zu einer anderen Religion mit dem Tode zu bestrafen. Während Präsident Mahmud Ahmadinedschad weltweit gegen Blasphemie in Bezug auf Religionsstifter Mohammed vorgeht, verkündete er unlängst, der iranischen, evangelischen Pastorin Mahim Mousapour zufolge, er werde der Taube, die den Heiligen Geist symbolisiert, den Kopf abreißen.

Über die Fragen, wie Religionsfreiheit im Iran verwirklicht, der interreligiöse Dialog gefördert werde und wie der Aggressionspolitik des derzeitigen Regimes Einhalt geboten werden kann, sprach Michaela Koller bei der IGFM-Versammlung mit Prinz Reza Pahlavi, dem ältesten Sohn des letzten Schahs von Persien. „Es ist Zeit, den Dialog mit dem Volk zu beginnen", mahnte er in seiner Rede in Bonn, in der er Demokratie und Menschenrechte für den Iran forderte. Schon zu lange rede der Westen nur mit der Regierung.

ZENIT: Kaiserliche Hoheit, wie könnte der Iran eines Tages zur internationalen Zusammenarbeit für einen globalen Frieden beitragen?

--Prinz Reza Pahlavi: Zunächst einmal würde ich sagen, dass Demokratien nicht gegeneinander Krieg anzetteln. Um auf Ihre Frage einzugehen: Ein demokratischer Iran würde definitionsgemäß zu Frieden und Stabilität beitragen, anders als im umgekehrten Fall unter der aktuellen Herrschaft. Demnach ist die Investition in Demokratie die beste Versicherung, um diese Zukunft voranzubringen. Weil ich das iranische Volk hinsichtlich seiner Bestrebungen kenne, versichere ich, dass es in der Lage sein will, in Frieden zu leben, mit seinen Nachbarn zusammenzuleben. Und, wie schon während vergangener Jahrhunderte, möchte es seinen Beitrag für die Welt in Wissenschaft sowie Kultur leisten, über die eigenen Grenzen hinaus. Nun, der einzige Weg, wie wir dies erreichen können, ist durch ein repräsentatives System.

ZENIT: Können Sie bitte Ihre Mission für den Iran schildern?

--Prinz Reza Pahlavi: Das ist sehr einfach. Sie besteht darin, die Freiheit, über die ich gerade gesprochen habe, zu erreichen, dass das iranische Volk zu den Wahlen gehen kann und frei wählen darf.

ZENIT: Ist der Iran der Ort, an dem Sie wirklich zu Hause sind?

--Prinz Reza Pahlavi: Natürlich, ich meine damit, dass dies meine Heimat ist, dies ist mein Land! Alle anderen Orte sind nur vorübergehende Aufenthaltsorte, nicht meine Heimat.

ZENIT: Aber in Ihrer Heimat herrscht noch das Regime des Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad. Wie ist dort die Stellung der religiösen Führer innerhalb des politischen Systems?

--Prinz Reza Pahlavi: Zunächst einmal sei gesagt, dass das eine interessante Frage ist, die Sie mir stellen, denn Sie müssen verstehen, dass ganz anfänglich die Mehrheit des traditionellen Klerus gegen das war, womit Khomeini als sogenanntem klerikalen Establishment auf der Bildfläche erschien. Es war eine Verletzung des schiitischen Islam. Der Schia zufolge bricht die einzige Ära, in der eine göttliche Regierung denkbar ist, erst mit dem wahren Erscheinen des Zwölften Imam an, als einem, der nicht sündigt. Khomeini meinte, dass es eine Gottesherrschaft vorher geben müsse, mit ihm als Repräsentanten Gottes auf Erden und dem Interpreten seines Willens.

Die zweite Verletzung betraf die Hierarchie. Anders als bei der katholischen Kirche mit dem Papst kann es im schiitischen Islam mehrere „Päpste" zugleich geben. Als schiitischer Muslim hätte ich etwa das Recht zu entscheiden, welchem dieser Großayatollahs ich folgen möchte. Aber das sagte Khomeini wieder: ‚Nein, ich bin der Einzige, der diese Rolle spielen darf, die Übrigen von euch dürfen dies nicht'.

Nun, definitionsgemäß ist dieses sogenannte islamische Regime äußerst anti-religiös, nicht allein nach seinen Prinzipien zu urteilen, sondern auch aufgrund seines Verhaltens. Eine Mehrheit der Kleriker standen ganz zu Beginn bereits außerhalb des Systems, viele von ihnen sind unter Hausarrest gestellt worden, einige von ihnen starben unter Hausarrest. Einer von ihnen, Ayatollah Boroujerdi, wird derzeit im Gefängnis festgehalten und gefoltert.

ZENIT: Lassen Sie uns auf einen dieser Ayatollahs des Regimes schauen, der Ratgeber von Ahmadinedschad, Ayatollah Mesbah Yazdi. Woran glaubt der Ihrer Überzeugung nach? Ist das schiitischer Islam? Oder etwas anderes?

--Prinz Reza Pahlavi: Alle diese haben sich der radikalsten Version des politischen Islam angeschlossen, der dieses Regime meiner Meinung nach auszeichnet. Ich bin kein Vertreter unseres traditionellen Klerus. Ich verstehe dies im Namen unseres Glaubens. In der Tat ist es so, dass sie es ein anti-islamisches Regime nennen, weil sie ebenso wie der Gesellschaft im Ganzen als auch der Religion viel Schaden zugefügt haben. Demnach hat jeder, der sich diesem Regime angeschlossen hat, sich an etwas angeschlossen, das gegen die Menschenrechte gerichtet ist, gegen Demokratie und gegen den wahren Glauben und die Religion ist.

ZENIT: Wen empfehlen Sie denn Christen als Partner für den interreligiösen Dialog unter den schiitischen Klerikern?

--Prinz Reza Pahlavi: Wenn Sie über den Iran sprechen, so stellt sich dieses Regime zwischen das Volk und der übrigen Welt, auch zwischen die Kleriker, mit denen Sie sprechen könnten und dem Rest der Welt. Die Kleriker, mit denen Sie sprechen sollten, sind keine Vertreter der Regierung. Sie wird ihnen nicht gestatten, in der Lage zu sein mit der Außenwelt Kontakte zu pflegen. Einige von ihnen sperren sie ein und foltern sie, wenn sie reden. So ist es sehr schwierig, einen Dialog mit einem Vertreter des schiitischen Glaubens anzufangen, solange dieses Regime dort ist.

ZENIT: Es gibt im Iran eine Bewegung, die sich Hojjatieh nennt und sich besonders gegen religiöse Minderheiten hervortut. Können Sie die Rolle dieser Bewegung beschreiben?

--Prinz Reza Pahlavi: Ich hoffe, dass wir ein System als Alternative zu dieser Klerusherrschaft einführen können, das eine säkulare Demokratie sein wird, und nochmals betone ich das Wort „säkular", eine klare Trennung von Religion und Regierung. Wenn Sie zudem eine Verfassung haben, die auf der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte fußt, ist dies noch eine eingebaute, kodifizierte Garantie des Rechtsschutzes für jeden Bürger hinsichtlich der Volkszugehörigkeit, der Religion, der politischen Meinung und sexuellen Ausrichtung. Sie müssen dies gesetzlich absichern und Sie müssen eine lebendige Zivilgesellschaft und andere Schutzmechanismen haben, die diese Grundsätze verteidigen und Sie so sicher gehen können, dass kein Iraner wegen seines Glaubens, seiner politischen Überzeugung oder wegen was auch immer diskriminiert wird oder Misshandlungen oder Ungerechtigkeit unterworfen wird. Dafür kämpfen wir, das ist es, was wir haben wollen.

ZENIT: Wie kann der Iran eine pluralistische Gesellschaft werden? Was ist Ihre Strategie?

--Prinz Reza Pahlavi: Der Iran war, über Jahrhunderte hinweg, traditionell eine pluralistische Gesellschaft, vielleicht nicht unter modernen Bedingungen. Der Iran ist ein Mosaik so vieler ethnischer Gruppen und religiöser Minderheiten, Kurden, Sunniten, Bahai, Zoroastrier, Christen, alle zusammen. Wir lebten Seite an Seite unter demselben Schirm. Es gibt nur wenige Länder, die so vielfältig sind, schauen Sie und denken Sie darüber nach.

ZENIT: Aber wie wollen Sie denn für alle diese Gruppen Menschenrechte durchsetzen? Denken Sie, dass Herausforderer Mir Hossein Mussawi erfolgreich oder zumindest hilfreich diesbezüglich sein kann?

--Prinz Reza Pahlavi: Bitte schauen Sie über Einzelne hinaus auf die grüne Bewegung. Blicken Sie auf die Millionen von unbekannten jungen Männern und Frauen im Iran heute. Das sind die Führer von morgen. Sie sind Gewerkschaftsführer, Journalisten, Blogger, Künstler. Sie haben verstanden, was es braucht, um Freiheit zu erreichen und sind bereit, dafür einen Preis zu zahlen. Sie verstehen, dass wir Pluralismus brauchen sowie Vielfalt und warum wir eine Demokratie benötigen, damit jedermanns Meinung und Rechte geschützt werden. Ich sorge mich nicht darum, ihnen das beizubringen. Die richtige Frage ist doch die, wie man ihnen die Gelegenheit gibt, dies einzusetzen. Sie müssen die Umstände dafür schaffen. Ein Teil des Problems ist die Beseitigung des Hindernisses, namentlich des Regimes.