Professor Walter Brandmüller über die Aufhebung des Templer-Ordens

„Erschütternde Tatsachen der Kirchengeschichte“: Französische Kirchenmänner als Handlanger des Königs

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WÜRZBURG, 23. Oktober 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Am Donnerstag veröffentlicht der Vatikan eine reichhaltige Edition des Kirchenprozesses gegen die Tempel-Ritter. Guido Horst fragte Professor Walter Brandmüller, den Präsidenten des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften, was es mit der Aufhebung dieses Ritterordens auf sich hat.



Gibt es für den Historiker noch irgendwelche Geheimnisse, die diesen Ritterorden umgeben?

Natürlich ist auch die gewissenhafte historische Forschung niemals in der Lage, alle Fragen zu klären, die uns Heutige in Bezug auf die Templer interessieren würden. Aber Geheimnisse der Art, von denen Sie sprechen, gibt es gewiss nicht. Nur, in diese „Lücke“, wo die Wissenschaft aufhört, dringt die History-Fiction ein, der es um Unterhaltung und um Verkaufserfolg geht. Die Spekulation auf die Sensations- beziehungsweise Enthüllungssucht des Publikums geht immer auf!

In dieser Woche stellt der Vatikan die Publikation der 2002 wieder entdeckten Prozess-Akten vor, die bei der Befragung der Ordens-Elite entstanden sind. Waren die Akten tatsächlich fast siebenhundert Jahre verschollen?

Davon kann keine Rede sein! Das Verhör von Chinon liegt seit den Forschungen von Schottmüller 1886/87 gedruckt vor. Von der „Entdeckung“ ist also nichts zu erwarten. Was der Öffentlichkeit am Donnerstag vorgestellt wird, ist lediglich eine luxuriöse und mit fünftausend Euro auch entsprechend teure Faksimile-Edition des Dokuments von Chinon und eines Auszugs aus dem Register Clemens V. Beides ist seit mehr als hundert Jahren Gemeingut der historischen Zunft!

Was zeigen diese Aufzeichnungen des Verhörs? War der Orden der Häresie verfallen?

Dass der Orden keineswegs der Häresie verfallen war, bestätigt Clemens V. selbst in der Bulle „Vox in excelso“ vom 22. März 1312. Deswegen wurde der Orden weder verurteilt noch aufgehoben, sondern nur suspendiert – vielleicht in Erwartung besserer Zeiten. Grund für die Maßnahme war vielmehr der Erfolg der infamen Kampagne, mit der es Philipp dem Schönen gelungen war, den Orden in allgemeinen Verruf zu bringen.

Wie würden Sie die Rolle des damaligen Papstes Clemens V. kennzeichnen?

Papst Clemens V. – schwächlich und krank – befand sich im Augenblick, da die Templer-Angelegenheit anstand, in einer aussichtslosen Lage. Der König erpresste ihn mit der Drohung eines postumen Häresieprozesses gegen Papst Bonifaz VIII., ja sogar einer Kirchenspaltung. Gewiss hat der Papst versucht, dieser Zwangslage zu entkommen. Da er sich seit der Übersiedelung nach Frankreich – seit 1309 Avignon – de facto in der Gewalt Philipps des Schönen befand, bestand dafür keine Chance. Der Papst hatte angesichts der realen Machtverhältnisse keine Möglichkeit, die Templer zu retten. Dass eine Reihe hoher französischer Kirchenmänner sich als Handlanger des skrupellosen Königs erwies, gehört – wie die ganze Templer-Tragödie – zu den erschütternden Tatsachen der Kirchengeschichte.

Eine letzte Frage: Stehen die Tempelritter im 12- bis 14. Jahrhundert für ein finsteres Mittelalter oder für eine Blüte christlicher Ordens-Kultur?

Orden kommen und gehen, meist entsprechen sie einer Forderung ihrer Zeit. So auch die Ritterorden der Kreuzzugszeit. Was die Templer anlangt, so könnten diese sich auf den heiligen Bernhard von Clairvaux berufen, der nicht nur ihre Ordensregel verfasst, sondern über sie auch „De laude novae militiae“ – „Ein Lob des neuen Rittertums“ – geschrieben hat.

[© Die Tagespost vom 23. Oktober 2007]