Protector sanctae Ecclesiae: Geistliche Bildbetrachtung zum Josephstag

Georges de La Tour (1593 1652) - Der Engel erscheint dem hl. Joseph im Traum

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Von Nicki Schaepen*

TÜBINGEN, 19. März 2012 (ZENIT.org). -

Georges de la Tour, um 1640, Öl auf Leinwand 93x81cm, Musée des Beaux-Arts, Nantes.

Das Bild findet sich hier.

Der Betrachter des Bildes von Georges de la Tour wird Zeuge einer intimen Begebenheit. In einem nur vom Licht einer Kerze erleuchteten Innenraum, befindet sich, aufgestützt an der Kante eines mit Tuch ausgelegten Tisches, der schlummernde Joseph. Auf seinem Schoß befindet sich ein großes aufgeschlagenes Buch, dessen knarrende Seiten der Greis noch im Begriff war umzublättern, als ihn, wohl beim Erwägen seines Inhaltes, der Schlaf übermannte. Auf der linken Seite tritt ein anmutend gekleideter Engel in Gestalt eines Kindes herzu, dessen von der Kerzenflamme hell erleuchtetes Antlitz dem Heiligen zugewandt ist. Der rechte Arm des Engels ist ausgestreckt, man könnte meinen, dass seine Hand den Puls des Schlafenden fühlen wolle, hat sie doch fast dessen Handgelenk erreicht. Seine Linke hingegen scheint sich nach oben zu erheben. Es entsteht der Eindruck, als schaffe die Gestik des Engels eine Beziehung zwischen dem Schlafenden, der Lichtquelle auf dem Tisch und den höher befindlichen, unseren Augen verborgenen Dingen.

Wie bekannt, berichtet uns das erste Buch des Matthäusevangeliums von dieser Begebenheit (Mt 1,19 25). Joseph war im Begriff darüber nachzudenken, wie er mit Maria verfahren solle, deren rechtmäßig angetrauter Gemahl er war. Da er sie nicht berührt hatte, sie aber schwanger geworden war, konnte er unmöglich der Vater des Kindes sein. Der heilige Joseph, der Maria gut genug kannte und sie hoch verehrte, wusste wohl, dass dieses reinste und demütigste unter allen Geschöpfen nicht in der Lage gewesen sein konnte, ihn auf eine solche Weise zu hintergehen. Doch augenscheinlich musste es anders gewesen sein. Wie sehr musste Joseph wohl mit sich gerungen haben! Wie groß muss diese innere Versuchung gewesen sein, jene Stimme, die ihm einzureden versuchte: „Sie hat dich betrogen“.

Es ließ sich keine vernünftige Erklärung für die Schwangerschaft Mariens finden. Wie sehr er auch abwog, er konnte und wollte nicht an ihr zweifeln. Und doch, wie war dies möglich? Da er sie aber liebte und von ihrer Unschuld überzeugt war, entschloss er sich, „in aller Stille von ihr zu trennen“. Selbst hierin erzeigte der hl. Joseph seine innige Liebe gegen Maria, um deren Ruf er besorgt war und den er schützen wollte. Nicht nur deshalb bezeichnet der Evangelist Matthäus Joseph als „gerecht“. Dies ist ein hohes und im Evangelium nur wenigen verliehenes Prädikat.

Doch der Bericht des Evangelius fährt fort: „Während er noch darüber nachdachte, erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum“. De la Tour hat dieses Nachdenken des hl. Joseph mit einem wichtigen Utensil verbunden: der heiligen Schrift. Sie liegt aufgeschlagen auf dem Schoß des Heiligen. Der gerechte und im Glauben gefestigte Joseph suchte im Wort Gottes nach einer Lösung. Wahrscheinlich betete er die halbe Nacht und flehte zu Gott, er möge ihm zur rechten Entscheidung verhelfen. Vielleicht hatte er unmittelbar vor seinem Schlummer in Jesaja gelesen und die Worte des Propheten erwogen: „Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, einen Sohn wird sie gebären, und man wird ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott ist mit uns“ (Jes 7, 14).

Konnte dies möglich sein? Sollte die alte Prophezeiung wahr werden? Gerade bei ihm, dem einfachen Handwerker aus Nazareth? Sollte Maria diese unvergleichliche Jungfrau sein? Mit diesen Worten im Herzen überfiel Joseph der Schlaf. Und „Es erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist. Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen.“

Und dann bestätigte der Engel die Erfüllung der alten Prophezeiung. Wie groß muss da die Freude des erwachten Joseph gewesen sein! Wie klar stellte sich ihm diese Botschaft des Engels, die er mit der unerschütterlichen Einsicht des göttlichen Lichtes vernommen hatte, nun dar. Er hatte sich nicht getäuscht. Es ist tatsächlich wahr: Gott wird Mensch, aus einer Jungfrau! Und er sollte sein Nähr- und Pflegevater sein! Er, Joseph von Nazareth. Und „als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.“

So ist der hl. Joseph für seine weltverborgenes, unscheinbares Wirken, für seine stete Treue und seinen Gehorsam zu einem Vorbild des beschaulichen Lebens geworden. Da er alle Versuchungen und Anfechtungen treu bestanden und sich als gerecht erwiesen hatte, wurde er erhoben zum Schutzherrn der Kirche, jener Arche des neuen Bundes, die den fleischgewordenen Logos in sich trägt und zu den Menschen bringt.

Rufen wir ihn an als besonderen Fürsprecher für die Kirche, die Familien, die Arbeiter, die Sterbenden und als wirkmächtigen Beschützer gegen den bösen Feind, mit dem Gebet:

„O Gott, der du den hl. Joseph zum Bräutigam der seligsten Jungfrau Maria und zum Pflegevater deines geliebten Sohnes, unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus, erwählt hast: Wir bitten dich, du wollest uns durch seine Fürbitte die Reinigkeit der Seele verleihen, damit wir frei von aller Makel und geschmückt mit dem hochzeitlichen Gewande zum himmlischen Hochzeitsmahle zugelassen werden. Durch unseren Herrn Jesus Christus, deinen Sohn, der mit dir lebt und regiert in Einigkeit des Heiligen Geistes, Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen“.

*Nicki Schaepen, 1977 in Hechingen geboren, studierte Kunstgeschichte und neuere Geschichte an der Humboldt-Universität in Berlin und der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen und schloss sein Studium mit einer Arbeit über Anton van Dycks Selbstbildnis mit der Sonnenblume ab. Im Jahr 2007 trat er in das Bischöfliche Theologenkonvikt in Tübingen ein, wo er zurzeit seine Priesterausbildung vollendet, in deren Rahmen er sich auch für längere Zeit in Rom aufhielt.
Buchtipp: Artikel von Nicki Schaepen im Lexikon der Bautypen,
hrsg. von Ernst Seidl, Reclam Stuttgart 2006.