Psychologie kann auch für Katholiken hilfreich sein

Interview mit der amerikanischen Psychologin Gladys Sweeney

| 244 klicks

WASHINGTON, D.C., 24. Januar 2005 (Zenit.org).- Eine Psychologie, die im katholischen Menschenbild verwurzelt ist, kann zugleich wissenschaftlich und gottgetreu sein, erklärt Gladys Sweeney, Dekanin des "Institute for the Psychological Sciences" in Arlington (USA).



Erklärtes Ziel dieser Lehrstätte ist es, eine Brücke zwischen Wissenschaft und Glaube zu schlagen. Wie hilfreich die Psychologie in der Kirche sein kann, wenn sie den Menschen dabei hilft, freier zu werden, die Wirklichkeit objektiver wahrzunehmen und durch einen fruchtbareren Empfang der Sakramente zu einem besseren Christen zu werden, darüber sprach die Wissenschaftlerin mit Zenit.

--Wie kann Katholiken, die an Depression oder einer mentalen Krankheit leiden, geholfen werden?

--Gladys Sweeney: Zuweilen behindern Depression und andere Formen von Gemütskrankheiten den freien Willen. Deswegen ist wirksame psychologische Betreuung eine große Hilfe, weil sie nicht nur darauf abzielt, die betroffene Person so frei zu machen, dass sie das "Gute" wahrheitsgetreu als solches erkennen kann, sondern ihr auch hilft, überhaupt fähig zu werden, dieses "Gute" zu wählen.
Traditionellerweise gibt es zwischen Psychologie und gläubige Katholiken ein gegenseitiges Misstrauen. Psychologie war geneigt, Glaube als abergläubisches Verhalten abzutun, während religiöse Menschen Psychologie als eine für sie unnötige Wissenschaft betrachtet haben. Ausreichender Glaube sollte mit allen Problemen fertig werden können.

Keine der beiden Haltungen entspricht der Wahrheit. Eine Psychologie, die im katholischen Verständnis der menschlichen Person verwurzelt ist, ist nicht nur wissenschaftstreu sondern auch treu zu Gott. Die Psychologie kann solchen Menschen, die einen beeinträchtigten freien Willen haben, viele Hilfestellungen anbieten.

Nehmen wir zum Beispiel den Fall einer Person her, die an übertriebenen Skrupeln leidet. Es könnte sein, dass es sich in Wahrheit um eine "Zwangsneurose" handelt. Diese psychologische Störung kann, wenn es keine geeignete Behandlung gibt, derart stark werden, dass sie ein normales menschliches Verhalten unmöglich machen kann.

Es könnte sogar sein, dass gute und gläubige Katholiken damit aufhören, zur Beichte zu gehen, um nicht mehr das Gefühl zu haben, ihre Beichte sei ungültig, weil sie vergessen hätten, "alle Sünden" zu beichten. Es könnte sein, dass sie damit aufhören, zur Kommunion zu gehen, weil sie einfach Angst davor haben, den Herrn unwürdig zu empfangen. Eine solche Störung kann schnell diagnostiziert und leicht behandelt werden.

Die Psychologie dient der Kirche. Sie hilft der betroffenen Person, wieder ein normales Leben zu führen, indem sie sie von der Neurose befreit. Allerdings ist Freiheit nicht nur eine "Freiheit von", sondern auch eine "Freiheit für" – Freiheit, um ein besserer Christ zu werden und fähig zu sein, vom sakramentalen Leben zu profitieren.

Versteht man es richtig, so gibt es also zwischen einer Psychologie, die sich auf eine gesunde Anthropologie stützt, und der Lehre der Kirche keinen Konflikt. Die Herausforderung besteht eher darin, gut ausgebildete Psychologen in diesem Sinn zu finden, die die religiösen Anschauungen ihrer Patienten respektieren und sie nicht untergraben.

--Was sind die bekanntesten Fehler in der derzeitigen Behandlung der Depression?

--Gladys Sweeney: Eine der größten Fehler in der Behandlung von Depressionen liegt in der Auffassung, man könne sie durch Medikamente "allein" heilen.

Auch wenn es stimmt, dass Antidepressiva den an einer solchen Gemütsstörung leidenden Menschen enorme Erleichterung gebracht haben, ist ein ausschließliches Vertrauen auf die medikamentöse Behandlung, die traditionellere Formen der Psychotherapie ausschließt, nicht die beste Behandlung.

Eine der wirkungsvollsten Formen der Behandlung ist, so nennen sie die Fachleute, "Kognitive Restrukturierung". Dabei handelt es sich um den Versuch, die Gefühle im Einklang mit dem Verstand neu zu ordnen.

Häufig übermannt den Depressiven ein so starkes Gefühl von Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit, dass es sein ganzes Wesen bestimmt und er nicht mehr fähig ist, die Wirklichkeit objektiv zu betrachten. Es ist, als sähe man die Welt durch eine schwarze Brille. Ein depressiver Mensch könnte ein völlig neutrales Ereignis als negativ und als persönlich verletzend "interpretieren", obwohl es in Wahrheit keineswegs so ist.

Die Behandlung besteht darin, depressiven Menschen zu helfen, ihr Denken zu restrukturieren und von ihren verdrehten negativen Schemata wegzukommen. Mit ihnen trainiert man, Gefühle vernunftmäßig zu ordnen und Situationen objektiver einzuschätzen. Diese Behandlungsform für depressive Menschen hat sich als äußerst wirkungsvoll herausgestellt.

Allerdings muss man betonen, dass Depressive nicht immer gleich zu Beginn auf diese Therapie anspringen. Vor allen Dingen nicht dann, wenn es sich um eine schwere Form von Depression handelt. In solchen Fällen ist die beste Behandlung eine Kombination aus medikamentöser Behandlung und Kognitiver Therapie. Erstere allein ist jedoch nur in den allerseltensten Fällen eine gute langfristige Lösung.

--Inwieweit kann ein christliches Leben – Teilnahme an den Sakramenten, Gebetsleben, Inanspruchnahme einer geistlichen Leitung – dabei helfen, psychische Beschwerden zu heilen?

--Sweeney: Die Teilnahme an den Sakramenten, das persönliches Gebet und das geistliche Gespräch sind alles Dinge, in denen man göttliche Gnade empfängt.

Die christliche Spiritualität besteht in einem Leben in Christus, und zwar durch die Gnade, die uns der Heilige Geist schenkt. Dadurch bestärkt er uns im Glauben und in einer Hoffnung, die sich auf den Glauben stützt. Vor allem bestärkt er uns in der Liebe, die die Fülle des Glaubens ist, und dank der wir schnurstracks der Gemeinschaft mit der heiligsten Dreifaltigkeit entgehen können.

Da die Gnade die menschliche Natur vervollkommnet, lässt sich diese Spiritualität mit der psychologischen Gesundheit völlig vereinen. Aber geistliche und psychologische Gesundheit sind nicht ein und dasselbe und stehen auch nicht immer in einem direkten Verhältnis zueinander.

Jemand, der unter einer Zwangsneurose leidet und nicht fähig ist, beichten zu gehen oder die heilige Kommunion zu empfangen, der braucht eine Behandlung, damit er die Heiligmachende Gnade aus den Gnadenmitteln empfangen und aus ihnen Nutzen ziehen kann. Aber für die Heiligkeit ist weder mentale Gesundheit noch körperlich Gesundheit eine notwendige Voraussetzung.

Jemand, der unter Angstzuständen leidet, muss nicht in erster Linie deshalb behandelt werden, damit er die Tugend der Stärke und des Mutes entwickeln oder im Vertrauen auf Gott wachsen kann. Sicherlich kann eine Behandlung helfen, aber sie ist keine Notwendigkeit und keine "conditio sine qua non" für ein Wachsen in den menschlichen Tugenden. Psychische Schwierigkeiten können tatsächlich manchmal auch dabei helfen, gewisse Tugenden zu entwickeln. Sie können ein Anlass sein, verstärkt die Gnade und eine tiefere Beziehung mit Gott zu suchen.

Wird sie nicht durch ihre psychologischen Beschwerden davon abgehalten, so ist es von großer Bedeutung, dass die betroffene Person weiter aktiv an den Sakramenten teilnimmt, sogar wenn sie eine Therapie besucht. Der Therapeut muss diese Notwendigkeit bemerken und die Person auch dahingehend ermutigen.

Zusammen mit den Wirkungen der Gnade kann eine gesunde psychologische Behandlung sehr wirksam sein, um den Heilungserfolg zu erwirken. Jeder Katholik, der an einer mentalen Krankheit leidet, sollte die Sakramente häufig empfangen, und, soweit das möglich ist, unbedingt ein gewohnheitsmäßiges, ausgeglichenes Gebetsleben beibehalten.

Ein guter geistlicher Begleiter kann sehr nützlich, um Orientierung und Hilfestellungen zum geistlichen Wachstum zu geben. Ob Therapie oder Spiritualität – immer ist es der Herr, der heilt.

--Warum sollen Katholiken mit psychischen Problemen katholische Therapeuten aufsuchen?

--Gladys Sweeney: Jede psychologische Theorie enthält auch bestimmte Postulate über die Natur und das Ziel des Menschen. Diese Theorien sind in ihrem Wesen ausnahmslos weltlich und manchmal ausgesprochen antireligiös. Zuweilen leugnen sie dei Existenz menschlicher Freiheit, moralischer Normen und darum auch die Wirklichkeit der Sünde.

Deshalb schreibt der Heilige Vater in "Reconciliatio et Paenitentia", Abschnitt 18: "Dieses Sündenbewusstsein schwindet in der heutigen Gesellschaft auch aufgrund der Missverständnisse, zu denen man kommt, wenn man gewisse Ergebnisse der Humanwissenschaften übernimmt. Gestützt auf bestimmte Aussagen der Psychologie, führt die Sorge, von Schuld zu sprechen oder die Freiheit nicht zu beschränken, zum Beispiel dazu, überhaupt kein Vergehen mehr anzuerkennen."

Deshalb sollten Katholiken stets sehr vorsichtig sein, wenn es darum geht, psychologische Hilfe zu beanspruchen oder zu erlauben, dass psychologische Vorgehensweisen ihr Leben beeinflussen.

Im Allgemeinen sehen viele Psychologen Religion als etwas Negatives, und das ist eine Tatsache, die für Katholiken schwerwiegende Probleme mit sich bringt: Während einer Psychotherapie kann der Therapeut den Patienten derart beeinflussen, dass sich seine religiösen Überzeugungen langsam aber sicher verflüchtigen.

Ein guter katholischer Therapeut unterstützt Glaube und religiöse Praktiken des Patienten und die religiöse Frage kann während der Sitzungen auch Gesprächsthema werden. Ein solcher Therapeut geht bei seiner Arbeit von einem wahren Verständnis der menschlichen Person aus, das auf den Lehren der Kirche beruht und durch gesunde psychologische Ansätze bereichert wird. Ein solcher Zugang ist für jeden Katholiken, der Hilfe sucht, absolut wichtig.

--Welche Hilfestellungen bietet die Kirche ihren Gläubigen an, die mit diesen Fragen der mentalen Gesundheit zu tun haben?

--Gladys Sweeney: Die Kirche bietet uns Christus an, der die Selbstoffenbarung der Liebe des Vaters ist und zugleich dem Menschen zeigt, wer er eigentlich ist.

Christus offenbart uns den Sinn unserer Existenz und antwortet auf die Sehnsucht in unserem Herzen. Indem sie uns Christus schenkt, gibt die Kirche uns das, was wir am meisten ersehen und was uns letztlich als Einziges zu erfüllen vermag.

In diesem "Jammertal", in dem es immer Enttäuschungen, Tragödien und Leiden geben wird, verweist uns die Kirche stets heraus, in den Schoss der Dreifaltigkeit, dorthin, wo uns Christus eine Wohnstätte bereitet hat. Christus verweist uns also auf den erlösenden Sinn des Leidens. Durch die Sakramente der Kirche begegnen wir Christus und erneuern und verwandeln uns fortwährend in dem Maße, in dem unsere Gemeinschaft mit ihm wächst.

Die Kirche muss sich über den Nutzen der Psychologie im Klaren sein, besonders wenn sie in den Händen gut ausgebildeter Therapeuten ruht, die die Lehren der Kirche zur Freiheit und zur Würde der Person verstehen und teilen.

Die Zusammenarbeit zwischen Humanwissenschaften und seelsorgliche Arbeit ist sehr wichtig. Geschieht sie harmonisch, so kann sie Seelen zu Christus führen und das Reich Gottes auf dieser Erde vorantreiben.