Pure Fiktion: Zum kurzen Traum, die embryonale Stammzellforschung mit der Ethik versöhnen zu können

Von Stefan Rehder

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WÜRZBURG, 31. August 2006 (ZENIT.org/ Die-Tagespost.de).- Nur zehn Monate nach dem Betrugs-Skandal um den südkoreanischer Klonforscher Woo suk Hwang hat die Stammzellforschung nun einen weiteren Skandal. Vergangenen Mittwoch berichtete das britische Wissenschaftsmagazin "Nature", Forscher des börsennotierten Bio-Tech-Unternehmens "Advanced Cell Technology" (ACT) mit Firmensitz in Worcester im US-Bundesstaat Massachusetts sei es gelungen, aus künstlich erzeugten Embryonen embryonale Stammzellen zu gewinnen, ohne diese dabei zu töten. Die Nachricht von der vermeintlichen Sensation verbreitete sich wie ein Lauffeuer. "Ethisch unbedenkliche Stammzellen", "Stammzellen gewonnen – Embryo lebt" titelten etwa die Internetportale der Magazine "Focus" und "Stern". Auch die so genannten Qualitätszeitungen berichteten umgehend über den angeblichen Erfolg der Forscher. So meldete etwa die Tageszeitung "Die Welt": "Forscher gewinnen Stammzellen ohne Zerstörung eines Embryos." Und selbst die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" überschrieb einen entsprechenden Beitrag mit "Ethisch entschärfte Stammzellen – Zerstörungsfreie Gewinnung aus Embryonen des Menschen".



Am Montag kam dann die Korrektur. In einer Pressemitteilung teilte "Nature" mit, dass die Embryonen bei den Experimenten der Forscher um Robert Lanza "nicht intakt" geblieben seien. "Tagespost"-Bezieher konnten freilich schon am Samstagmorgen lesen, dass die Embryonen die Experimente unmöglich unversehrt überlebt haben konnten (DT vom 26. August). Der Grund: Da sich die sechzehn Embryonen, die von den Forschern für ihre zehn Einzelexperimente benutzt worden waren, laut der Studie im Acht- beziehungsweise Zehn-Zellstadium befunden hätten, konnten sie zum Zeitpunkt der Biopsie aus 128 bis 158 einzelnen Zellen, den so genannten Blastomeren, bestehen. Da die Forscher nach eigenen Angaben jedoch 91 von ihnen für die Gewinnung von zwei Stammzelllinien verbraucht hatten, könne – urteilte die "Tagespost" – "sicher ausgeschlossen werden, dass sich alle sechzehn Embryonen noch bester Gesundheit erfreuen".

Dass "Nature" nun die Schuld für die Falschmeldung ganz auf sich nimmt und behauptet, die Forscher hätten selbst keine falsche Angaben gemacht, mag dem Versuch geschuldet sein, dem neuerlichen Skandal den Wind so schnell wie möglich aus den Segeln zu nehmen. Völlig korrekt ist aber auch das nicht. Zwar trifft es zu, dass die Forscher in der von "Nature" publizierten Studie keine Aussage über das weitere Schicksal der Embryonen machten, und insofern auch nicht explizit behauptet hatten, diese hätten die Experimente überstanden. Gleichwohl hat aber auch ACT selbst offenbar genau diesen Eindruck erwecken wollen. So hatte etwa ACT-Vizepräsident Robert Lanza in einer Pressemitteilung des Unternehmens erklärt: "Wir haben zum ersten Mal nachgewiesen, das embryonale Stammzellen gewonnen werden können, ohne das Lebenspotenzial des Embryos zu beeinträchtigen." Tatsächlich "nachgewiesen" haben die Forscher nur, dass bei ihren Experimenten kein einziger Embryo am Leben blieb.

Doch damit nicht genug: Das Foto, das als "Fig. 1b" die erste Seite von Lanzas Artikel in "Nature" zierte, zeigte einen intakten Embryo im Blastozysten-Stadium. Die Bildlegende wies ihn als Embryo nach der Zellentnahme aus. Da die Fotos üblicherweise von den Forschern der Redaktion zur Verfügung gestellt und als Beleg für die in dem Artikel gemachten Aussagen betrachtet werden, kann man sich des Eindrucks des versuchten Betrugs nur schwer erwehren.

Selbstverständlich hätte der Redaktion des Wissenschaftsmagazins "Nature" auffallen müssen, dass es sich bei der ACT-Studie um kaum mehr als "sehr geschickt verpackte heiße Luft" handelte, wie es der deutsche Stammzellforscher Hans Schöler, Direktor des Max-Planck-Instituts für molekulare Biomedizin in Münster, treffend formulierte. Dies gilt umso mehr, als die Forschung mit embryonalen Stammzellen nicht nur ethisch hoch umstritten ist, sondern auch bereits einen handfesten Skandal erleben musste.

Nachdem die geradezu unglaublichen Fälschungen des Südkoreaners Hwang, dessen Studien vom Nature-Konkurrenten "Science" publiziert wurden, entdeckt worden waren, hatten die beiden Wissenschaftsmagazine unisono erklärt, die Unterlagen der Forscher in Zukunft noch genauer prüfen zu wollen. Und dann das: Da behaupten Wissenschaftler großspurig nicht weniger, als die "letzten rationalen" ethischen Bedenken gegen die Forschung mit embryonalen Stammzellen mit ihren Ergebnissen aus dem Weg geräumt zu haben, und dann entpuppt sich auch diese Ankündigung als unhaltbar.

Für wie bedeutsam der Markt die inzwischen wieder zurückgenommene Behauptung grundsätzlich hält, zeigt auch die Entwicklung des Aktienkurses von ACT. Aufgrund der um den Globus gehenden Meldung hatte sich der Kurs der ACT-Aktie zeitweise verzehnfacht. Nicht wenige wüssten nun sicher gerne, ob Lanza oder andere sich just zu diesem Zeitpunkt von nennenswerten ACT-Aktien-Paketen getrennt haben. Dass dem einen oder anderen ein solcher Gedanke überhaupt durch den Kopf geht, mag nicht zuletzt daran liegen, dass es an Motiven mangelt, die eine derart unseriöse Darstellung von Forschungsergebnissen plausibel zu erklären in der Lage wären.

Denn gerade Forscher wie Lanza dürften wissen, dass die "Kollegen" zugleich erbitterte Konkurrenten sind, wenn es darum geht, Gelder für die jeweils eigenen Forschungsprojekte einzuwerben und es daher nicht lange dauern würde, bis die vermeintliche "Sensation" von ihnen auf das gebührende Maß zurückgestutzt wird. Und das nimmt sich im Falle von Lanza besonders mickrig aus: Gerade mal zwei Stammzelllinien aus 16 getöteten Embryonen – das stellt selbst für jene, für die der menschliche Embryo nichts weiter als ein "Zellhaufen" ist, eine viel zu geringe Ausbeute dar.

Bedauerlicherweise wird das von den ACT-Forschern erzielte Ergebnis andere Forscher nicht davon abhalten, den von Lanza verfolgten Ansatz selbst zu erproben. Und das, obwohl auch sie wissen dürften, dass selbst wenn die Embryonen in ihren Experimenten die Biopsie überleben würden, die ethischen Probleme, die mit der embryonalen Stammzellforschung verbunden sind, alles andere als gelöst wären. Ein Grund: Im frühen Stadium gilt jede einzelnen Zellen des Embryos als "totipotent". Das Besondere an totipotenten Zellen ist, dass aus ihnen prinzipiell ein weiterer Embryo entstehen kann, was tatsächlich auch jedes Mal dann passiert, wenn sich aus einer befruchteten Eizelle eineiige Zwillinge entwickeln. Was bei der natürlichen Zeugung relativ selten geschieht, kommt bei der künstlichen Befruchtung schon häufiger vor. Und weil man immer erst hinterher weiß, ob eine totipotente Zelle sich zu einem weiteren Embryo entwickelt oder nicht, schützt etwa das deutsche Embryonenschutzgesetz nicht nur den Embryo als Ganzes, sondern auch jede seiner totipotenten Zellen. Ergo kann, selbst wenn Lanzas Methode einmal so weit gereift wäre, dass einem Embryo eine Blastomere zur Stammzellgewinnung entnommen werden könnte, ohne ihn zu schädigen, nicht ausgeschlossen werden, dass mit der Blastomere für die Gewinnung von embryonalen Stammzellen ein Zwilling verbraucht worden wäre. Davon abgesehen würde, wenn der Embryo die Biopsie überlebte, eine ganz neue Problematik entstehen: Nach europäischer Rechtsprechung ist nämlich jede fremdnützige Forschung an nichteinwilligungsfähigen Patienten verboten. Da der Embryo der Entnahme einer seiner Blastomere aber nicht zustimmen konnte, dürften die daraus gewonnenen Stammzellen allenfalls zur späteren Therapie desjenigen Menschen eingesetzt werden, dem diese Zelle im Embryonalstadium entnommen wurde. Jeder andere Einsatz, erst recht die Patentierung solcher Stammzelllinien, wäre regressfähig.

Andere ethische Probleme, wie das im Tierversuch nachgewiesene nahezu hundertprozentige Krebsrisiko von transplantiertem Gewebe, das aus embryonalen Stammzellen gezüchtet wurde, die Tatsache, dass mit dem Ersatz abgestorbenen Gewebes durch frisch gezüchtetes die Krankheit, die das Absterben der Zellen verursacht, ja noch in keiner Weise kuriert worden wäre, sowie der Umstand, dass die künstliche Befruchtung selbst ein Übel ist, machen deutlich, welche gewaltigen Probleme derjenige zu lösen hätte, der statt mit den ethisch unbedenklichen adulten Stammzellen, verantwortlich mit embryonalen Stammzellen forschen wollte.

Es mag vielen Forschern, manchen Politikern und sogar dem ein oder anderen Katholiken nicht passen – und doch ist es eine Tatsache: Eine mit der Ethik versöhnte embryonale Stammzellforschung bleibt pure Fiktion. Und falls es etwas geben kann, was dem Tod der bei den ACT-Experimenten sechzehn getöteten Embryonen nachträglich noch einen Sinn zu geben vermag, dann wäre dies womöglich, wenn dies endlich begriffen würde. Die Chancen dafür stehen freilich schlecht.

[© Die Tagespost vom 31.08.2006]