Putin und Franziskus

Besuch des russischen Staatspräsidenten eröffnet eine neue Epoche

Rom, (ZENIT.org) P. Alfonso M. A. Bruno FI | 358 klicks

Manche zeitlichen Übereinstimmungen beinhalten, so zufällig sie auch scheinen mögen, eine tiefere Botschaft.

Gestern feierte der Papst den Abschluss des Jahres des Glaubens mit der erstmaligen öffentlichen Verehrung der Reliquien des Apostels Petrus, des ersten seiner Vorgänger.

Heute empfängt der Heilige Vater in einer Audienz den russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin, das weltliche Oberhaupt des „Dritten Rom“ und zugleich sein Beschützer, Erbe einer Tradition, die auf Zar Peter den Großen zurückgeht, der das Patriarchat abschaffte und sich selbst zum Oberhaupt der autokephalen russisch-orthodoxen Kirche machte.

Doch hätte Moskau nie zum „Dritten Rom“ werden können, wenn es nicht ein erstes Rom gegeben hätte, das seine Vorrangstellung innerhalb der christlichen Welt eben dem heiligen Petrus verdankt.

Die Geschichte der Beziehungen zwischen dem Vatikan und dem revolutionären Russland ist durch mehrere Phasen gegangen.

Eine erste Annäherung geschah anlässlich des Zweiten Vatikanischen Konzils, als Papst Johannes XXIII. auch Vertreter der verschiedenen nicht-katholischen christlichen Kirchen als Beobachter einlud.

Das Moskauer Patriarchat reagierte, indem es zwei hohe Prälaten entsandte, von denen man später erfuhr, dass sie zugleich auch hohe Offiziere der politischen Polizei waren, was damals recht normal für russische Würdenträger war, denen eine derartige Mission im Ausland anvertraut wurde.

Dass die beiden Prälaten trotzdem ihre Rolle als Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche ernst nahmen, beweist die Tatsache, dass sie alle weltlichen Treffen mieden und es vorzogen, ihre Zeit im Gebet in den römischen Basiliken zu verbringen, deren Geschichte mit dem Gedächtnis der Apostel Peter und Paul verbunden ist.

Man gab ihnen auch eine Petition mit, worin der Vatikan um die Freilassung des Kardinals Slipyj bat, der als Oberhaupt der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche schon seit Stalins Zeiten im Gefängnis saß. Die beiden Geistlichen antworteten, dass sie zwar nichts versprechen könnten, aber die Bitte an die zuständigen Personen weiterleiten wollten. Wenige Monate später empfing eine jubelnde Menschenmenge den ukrainischen Metropoliten am Hauptbahnhof „Termini“ in Rom, wo er aus dem Zug stieg, der ihn den ganzen langen Weg von Moskau über Wien nach Italien gebracht hatte.

Das Eis war gebrochen. Ein weiterer historisch bedeutsamer Schritt war die Audienz, die Roncalli dem Schwiegersohn Chruschtschows gewährte, der mit seiner Frau in Rom weilte, offiziell als Journalist (was er von Beruf auch wirklich war).

Noch schnellere Fortschritte machten in jenen Jahren die Beziehungen zwischen den Kirchen. Unter den Orthodoxen waren die Griechen diejenigen, die die größten Vorbehalte gegen eine Zusammenarbeit mit dem Vatikan hatten, doch gelang es trotzdem, einen Dialog aufzubauen, nicht zuletzt auch durch die Rückgabe mancher Reliquien, die im Mittelalter von den Kreuzrittern aus dem Orient mitgebracht worden waren. Die Russen hingegen erwiesen sich geradezu als Vorreiter des ökumenischen Dialogs; so ist es auch dem Einfluss ihrer Kirche, der zahlenmäßig stärksten in der orthodoxen Welt, zu verdanken, dass der Weg zur Begegnung des Papstes mit dem ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel Athinagoras in Jerusalem geebnet wurde. Das war vor fünfzig Jahren.

Im Laufe dieses letzten halben Jahrhunderts hat es zahlreiche Treffen zwischen den Päpsten und den verschiedenen orthodoxen Patriarchen gegeben. Nur einem ist kein Papst jemals persönlich begegnet: ausgerechnet dem Patriarchen der russischen Kirche, dessen Amt paradoxerweise durch die Februar-Revolution neugegründet worden war.

Die Gründe, die eine solche geschichtsträchtige Begegnung bisher verhindert haben, sind eher politischer als religiöser Natur, denn die russisch-orthodoxe Kirche hat schon lange ihre große Bereitschaft zum Dialog mit der katholischen Kirche bewiesen.

Die politischen Hürden hingegen hängen mit dem Ausgang des Zweiten Weltkriegs zusammen. Stalin verschob Polen damals buchstäblich von Osten nach Westen und machte dadurch die ehemals deutschen Gebiete, die die römische Kirche seit der Reformation verloren hatte, wieder katholisch.

Gleichzeitig jedoch wurden die ukrainischen Katholiken des byzantinischen Ritus, die mehrheitlich in den nun sowjetisch besetzten Teilen Ostpolens lebten, gezwungen, sich mit der orthodoxen Kirche zu vereinigen und alle ihre Kultstätten auszuhändigen.

Nach dem Fall des Kommunismus hat die mit Rom unierte griechisch-katholische Kirche der Ukraine sich neu formiert und fordert nun ihren weltlichen Besitz zurück.

Was aus Sicht der Katholiken die Wiedergutmachung eines aufgezwungenen Verlusts ihrer Autonomie bedeutet, ist aus Sicht der Orthodoxen eine Spaltung.

Da dieser Streit noch nicht gelöst ist, konnte Johannes Paul II. zu Lebzeiten nie seinen Wunsch verwirklichen, nach Moskau zu reisen.

Doch ein wichtiger Schritt erfolgte unter dem Pontifikat Johannes Pauls II.: die Rückgabe an den russischen Patriarchen der vermeintlichen Ikone der Jungfrau von Kasan – man diskutiert noch darüber, ob die vom Vatikan zurückgegebene Ikone authentisch ist –, deren Schutz die Russen den Sieg über die Schweden in der Schlacht von Poltawa 1709 zuschreiben, der es Peter dem Großen ermöglichte, Sankt Petersburg zu erbauen.

Und nun kommt Putin, der in seiner Rolle als weltlicher Machthaber und zugleich Beschützer der orthodoxen Kirche – und neuerdings, zusammen mit Frankreich und England, auch Beschützer der Christen im Nahen Osten – sicher daran interessiert ist, den Dialog zwischen dem Papst und dem Patriarchen zu fördern.

Franziskus, wie schon seine Vorgänger, erwartet nicht unbedingt, zu einem Treffen mit dem Patriarchen nach Moskau eingeladen zu werden, sondern ist bereit, für diese Begegnung überallhin zu reisen.

Im Gespräch stehen Wien, aber auch Bari, denn seit einigen Jahren haben die Russen wieder angefangen, in diese süditalienische Stadt zu pilgern, die das Grab des heiligen Nikolaus, des Schutzheiligen Russlands, beherbergt.

Putin seinerseits hat auf Staatskosten die neue orthodoxe Kathedrale in Rom erbauen lassen, die der heiligen Katharina von Alexandrien geweiht ist.

Was könnte jetzt zum Funken werden, der den Dialog zwischen den beiden Kirchen neu zündet?

Möglicherweise die Meinungseinheit zwischen Vatikan und Moskau zum Thema eines möglichen amerikanischen, oder jedenfalls „westlichen“ Militäreingriffs im Nahen Osten, den der Papst scharf kritisiert hat.

Diese Haltung des Heiligen Vaters ist aber auch eine Folge der größeren Annäherung des Heiligen Stuhls an die nicht-westlichen Mächte. Die Papstwahl Bergoglios stellt unter diesem Gesichtspunkt eine historisch bedeutsame Wende dar.

Putin wird es sicherlich nicht gefallen, dass diese neugeborene Freundschaft mit dem Vatikan durch einen nebensächlichen Streit über den Besitz einiger historischer Gebäude getrübt wird, die ehemals der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche gehört haben.

Der Präsident kann sich, im Sinne der Tradition seines Landes, gegenüber dem Patriarchen durchsetzen.

Damit endet eine Epoche, die der Wiedergutmachung der Wunden der Vergangenheit gewidmet war, und es eröffnet sich eine neue, die dem Aufbau einer gemeinsamen Zukunft gewidmet sein wird.