Qualität der Evangelisierung umso höher, je mehr der Verkünder mit Gott vereint ist

Kardinal Ouellet bei der Vollversammlung der europäischen Bischöfe

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Von Anita Bourdin

ROM, 2. Oktober 2012 (ZENIT.org). - „Die Qualität der Evangelisierung ist umso höher, je mehr der Verkünder mit Gott vereint ist,“ – so Kardinal Marc Ouellet, Präfekt der Bischofskongregation bei der dritten Vollversammlung des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE), die vom 27. – 30. September in Sankt Gallen (Schweiz) getagt hat.

Am Samstag, den 29. September traf sich der Kardinal bei einer Pressekonferenz mit Vertretern verschiedener Nachrichtenagenturen (ZENIT war dabei). In der Folge bieten wir eine Zusammenfassung des Austauschs in seinen wesentlichen Punkten.

ZENIT: Bei Ihrer Predigt sprachen Sie davon, dass Europa unter einer Krise der Hoffnung leidet: Welche Rolle kann dieser Kontinent zugunsten einer Wiederentdeckung von Werten nicht nur im europäischen, sondern im weltweiten Kontext spielen? Muss Europa noch immer eine Aufgabe erfüllen? Welche?

Kardinal Ouellet: Europa ist Träger der christlichen Zivilisation, es ist ihr Mutterschoß: Europa wird immer verantwortungsvoll dafür sorgen müssen, weiterhin für die Wurzeln seiner Identität Zeugnis abzulegen, denn es ist ein Kontinent, auf dessen Gestalt sich das Geschenk Christi und der Kirche prägend ausgewirkt hat. Und in diesem Sinne stellt sich die Gegenwart der Kirche und ihr augenblickliches Mühen dar, dass sie nämlich versucht, den europäischen Ländern dabei zu helfen, das Bewusstsein der universalen Mission Europas nicht zu verlieren, denn es ist Träger der Botschaft vom Evangelium sowie der Weisheit, die darin hinsichtlich der Würde der Person und der Menschenrechte, enthalten ist. Es scheint mir, dass Europa eine Mission und ein Bewusstsein besitzt, die erhalten werden müssen. Deshalb versucht die Kirche auch, Politikern und den die wirtschaftliche Zukunft bestimmenden Entscheidungsträgern hilfreich zur Seite zu stehen. Von ihrem Standpunkt des Glaubens aus versucht sie, Anstrengungen, die dem Gemeinwohl und der universalen Mission Europas dienen, zu unterstützen.

ZENIT: In Bezug auf Europa: Worin besteht ist Ihre erste Sorge als Präfekt der Bischofskongregation?

Kardinal Ouellet: Erziehung ist eine dringende Aufgabe. Wenn man den Sinn für die Familie verliert, wenn im Bereich der Ethik Debatten entstehen, bei denen es um das Wesen der Ehe geht, dann fragt man sich, in welcher Weise denn die Eltern und die Schule das christliche Erbe an die neuen Generationen weitergeben – das ist eine große Sorge. Denn – wie diese Versammlung unterstrichen hat – steckt hinter der wirtschaftlichen und finanziellen Krise eine Krise, die das Menschenbild betrifft. Die Kirche versucht die Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was hier auf dem Spiel steht.

Wenn man den Menschen nicht mehr als Geschöpf und Abbild Gottes sieht – was zur Grundlage christlicher Erziehung gehört –, dann haben wir keine Modelle mehr, und das hat bei Jugendlichen schwerwiegende Folgen: Es gibt keine Ideale, keine Bezugspunkte, keine Menschen, die als Beispiel dienen.

Dies ist eine große Sorge, und deswegen kümmert sich meine Kongregation darum, der Kirche dabei behilflich zu sein, Männer des Glaubens auszuwählen, Männer, die eine klare Vision von jener biblischen Anthropologie besitzen, die die Kirche der Welt von heute verkünden und anbieten muss.

Je nach den Umständen wird die Botschaft angenommen oder auch nicht. Doch was den Begriff des Menschseins, was die Anthropologie angeht, ist Europa derzeit ein großer Kampfplatz. Und unsere Hoffnung ist, dass die christliche Anthropologie, die in diesem europäischen Kontext entstanden ist, in diesem Kampf auch erhalten bleibt, vor allem in Bezug auf ethische Fragen. Und auf diese Weise werden die anderen Kontinente von Europa weiterhin das empfangen können, was sie immer von Europa empfangen haben.

ZENIT: Kann die Neuevangelisierung eine Antwort der Kirche auf diese europäische Krise sein, und wenn ja, in welchem Sinne?

Kardinal Ouellet: Sicher doch. Der Heilige Vater hat in seiner Botschaft betont, wie nahe diese Versammlung jener der Synode über die Neu-Evangelisierung steht. Wir müssen die ethische Debatte in ihrem Fundament, das heißt in Christus, verwurzeln und festmachen.

Wenn von Neu-Evangelisierung die Rede ist, spricht man im Wesentlichen von einer Begegnung – von einer Begegnung mit Christus. Man spricht über die persönliche Erfahrung Christi. Wenn diese Erfahrung noch nicht lebendig ist, dann wird alles kompliziert, denn das ist wirklich die Grundlage, und genau darauf wird meiner Meinung nach die Synode einen Akzent legen: Die Verkündigung des Kerygmas der Apostel ist eine Grundlage, die man allzu oft als selbstverständlich voraussetzt, doch man muss dieses Kerygma immer wieder als Wort für die Gegenwart entdecken, es neu aussprechen und auf den heutigen Stand bringen, um so seine Stimmigkeit zu erkennen; das bezieht sich auch auf all das, was ich vorher über die ethischen Fragen und die Fragen zum Menschenbild gesagt habe.

Ich glaube, dass die Synode über die Neu-Evangelisierung uns alle um die „Quelle“ vereint sehen wird, das heißt um die persönliche Begegnung. Und das wird meiner Meinung nach nicht nur deshalb geschehen, weil wir uns um den Glauben derjenigen sorgen, die sich entfernt haben, sondern auch weil wir uns um unseren eigenen Glauben sorgen – ja, um unseren eigenen Glauben – denn der kann auch mehr oder weniger lebendig sein.

Die Qualität der Evangelisierung ist umso höher, je mehr der Verkünder mit Gott vereint ist. Ich hoffe, dass die bevorstehende Synode ein intensives Pfingstereignis sein wird, das heißt ein Moment, in dem der Heilige Geist sich verschenkt, denn er allein kann in uns der Kühnheit, Reinheit und Tiefe des Glaubens sowie dem Mut zur Verkündigung neues Leben verschaffen.

[Übersetzung des italienischen Originals von P. Thomas Fox LC]