Quid statis aspicientes in caelum: Was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?

Christi Himmelfahrt im Spiegel von Palestrinas Mottete Viri Galilaei

| 978 klicks

Von Daniel Kretschmar*

SALZBURG, 16. Mai 2012 (ZENIT.org). - „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?‟ (Apg 1,11). Diese Frage der zwei Männer in weißen Gewändern, wie es die Heilige Schrift schildert, greift augenblicklich die ganze Stimmung dieses Himmelfahrtstages auf. Christus fährt, die Jünger segnend und ihnen Seine Wiederkunft verheißend, in den Himmel auf. Und doch hat diese Situation, die sich auch auf die Liturgie der Kirche übertrug, etwas Trauriges an sich. Zum einen ist die Freude über die Auferstehung des Herrn und Seine Erscheinungen vierzig Tage hindurch groß. Zum anderen aber ist den Jüngern dennoch während dieser Zeit klar, daß Er nicht in der Weise bei ihnen bleiben wird, wie sie es denken. Und natürlich ist auch der Gedanke an einen Fortgang gegenwärtig. Nun also ist der Augenblick gekommen. Der Herr fährt zum Himmel auf. Staunend, fragend und betrübt bleiben die Jünger zurück und verfolgen mit ihren Blicken Christus, bis Er von einer Wolke aufgenommen und nicht mehr zu sehen ist. Und in genau diesem Moment sprechen die Engel zu ihnen und sagen, daß dieser Jesus wiederkommen werde.

Giovanni Pierluigi da Palestrina (1526−1594) hat diese Szene in seiner 1569 entstandenen und im gleichen Jahr im Liber Primus Motettorum herausgegebenen Motette Viri Galilaei auf unübertreffliche Weise in Musik umgesetzt. Dabei hielt er sich nicht streng an den liturgischen Text des Introitus der Messe, sondern kombinierte mehrere Berichte über die Himmelfahrt Christi aus dem Introitus, Alleluia und dem Offertorium, die allesamt der Apostelgeschichte und Psalm 46 entnommen sind. Im ersten Teil der Motette, der Prima Pars, bezieht sich Palestrina auf Apg 1. Der ganzen Komposition, einem Meisterwerk des Komponisten, ist der Charakter der Entrückung und des Vom-Boden-Gelöstseins zu eigen. Von den sechs Stimmen ist nur eine dem Baß zugeteilt, zwei jeweils dem Tenor und Alt, eine dem Sopran. Die ganze Musik strebt somit zum Himmel und stellt gleichsam die Auffahrt des Herrn wie auch das Zum-Himmel-Blicken der Jünger dar. Die Stimmen erklingen einzig bei „Hic Jesus‟ und der Antwort „sic veniet‟ gemeinsam, ausgenommen das Alleluia am Ende eines jeden Abschnittes. Die Secunda Pars greift Psalm 46, 6 auf: „Aufgefahren ist Gott unter Jubelklang, der Herr beim Schall der Posaunen‟. Palestrina nutzt alle Freiheiten der Kunst, um den Text seiner syntaktischen Struktur nach zu vertonen und dadurch optimal nach den Regeln der Rhetorik darzustellen.

Rupert von Deutz weist in seinem Werk „De Divinis Officiis‟ bei der Betrachtung des Festtages darauf hin, daß die Ankündigung der Wiederkunft den Verweis auf das kommende Gericht beinhaltet. Der Schall der Posaunen wird auf die Fanfaren des Weltgerichts bezogen, zu welchem der gerade Aufgefahrene wiederkommen wird. Aber diejenigen, welche dem Herrn folgen, haben mit Seiner Auffahrt eine Gewißheit, daß, um mit der Oration der Messe zu sprechen, auch sie selbst mit ihrem Geist im Himmel wohnen werden, da sie glauben, daß dieser ihr Erlöser zum Himmel aufgefahren ist. Rupert folgert daraus: „…und in der Gewißheit der Hoffnung besitzen wir schon jetzt das Ziel, zu dem zu unserer Freude er nunmehr
gelangt ist‟ (9,7). Ebenso spricht er vom Glanz dieses Tages. Und in der Tat haben wir drei Feste, an denen dieser göttliche Glanz, das „wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet‟ (Joh 1,9), besonders strahlt: Weihnachten, Ostern und Himmelfahrt, denn Gott tritt wundersam in diese Welt ein, Er erlöst und fährt wiederum auf in den Himmel. All dieser Glanz, diese Stimmung, spiegelt sich auf einzigartige Weise in Palestrinas Vertonung des Himmelfahrtssujets, denn die Musik kann dem Menschen helfen, die Immanenz der materiellen Welt zu übersteigen und in die Sphäre Gottes einzutauchen und Ihn zu betrachten. Wenn das Herz bei Gott und der Mensch mit Christus verbunden ist und bleibt, dann hat dieser den Einzelnen bereits bei Seiner Auffahrt mit in den Himmel genommen, wie Er es beispielhaft mit Maria, Seiner Mutter getan hat.

*Daniel Kretschmar, 1980 in Offenbach am Main geboren, studierte Katholische Kirchenmusik A an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main, im Rahmen dessen er eine rege Konzerttätigkeit als Organist entfaltete. Mit dem Eintritt ins Priesterseminar nahm er das Studium der Katholischen Theologie an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz auf, welches einen längeren Studienaufenthalt in Rom beinhaltete und das er 2010 mit dem Diplom und einer Arbeit über die Trinitätslehre Thomas von Aquins abschloss.  Im Juni 2011 empfing er in Rom die Priesterweihe und wirkt derzeit in Salzburg.