Rabbi Neusner verteidigt veränderte katholische Karfreitagsfürbitte für die Juden

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WÜRZBURG, 27. Februar 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Rabbi Jacob Neusner, Professor in New York und einem internationalen Publikum bekannt durch die häufige Zitation im Buch „Jesus von Nazareth“ des Papstes, hat Benedikt XVI. gegen Kritik von jüdischer Seite an dessen Änderung der alten Karfreitagsfürbitte für die Juden in Schutz genommen.



Wie er in einem Kommentar für die in Würzburg erscheinende katholische Tageszeitung „Die Tagespost“ (Ausgabe vom Samstag) schrieb, liege die Revision in der Logik des Monotheismus. Auch Israel bete in seinem Gottesdienst täglich dafür, dass Gott die Völker erleuchte und in seinem Reich zusammenführe.

Das katholische Karfreitagsgebet bringe dieselbe großherzige Haltung zum Ausdruck, die für das Gebet des Judentums charakteristisch sei. „So wenig wie das Christentum und der Islam Anstoß am israelitischen Gebet nehmen, sollte auch das heilige Israel keinen Einwand gegen das katholische Gebet erheben“, so Neusner wörtlich.

Das vatikanische Staatssekretariat hatte am 6. Februar in einer Note bekanntgegeben, dass der Text der Fürbitte für die Juden in der Karfreitagsliturgie nach den Büchern von 1962 durch einen neuen Text zu ersetzen sei.

Der Kommentar im Wortlaut:

Monotheistische Logik
Von Rabbi Jacob Neusner

Israel betet für die Nichtjuden, also sollten die anderen Monotheisten – einschließlich der katholischen Kirche – gleiche Rechte haben, ohne dass jemand sich dadurch verletzt fühlte. Jedes andere Verhalten gegenüber den Nichtjuden würde diesen den Zugang zu dem einen Gott verwehren, den Israel aus der Torah kennt. Das katholische Karfreitagsgebet bringt dieselbe großherzige Geisteshaltung zum Ausdruck, die für das Gebet des Judentums charakteristisch ist. Gottes Reich öffnet seine Tore der gesamten Menschheit, und wenn die Israeliten für das baldige Kommen von Gottes Reich beten, dann bringen sie die gleiche großherzige Geisteshaltung zum Ausdruck, die den Text des Papstes für das Gebet für die Juden – besser das „heilige Israel“ – am Karfreitag kennzeichnet. Lassen Sie mich das erklären.

Die Anhaltspunkte für die Theologie des Judentums gegenüber den Nichtjuden möchte ich aus dem normalen Gottesdienst in der Synagoge ableiten, der dreimal am Tag abgehalten wird. Der Text entstammt dem Buch „The Authorised Daily Prayer Book of the United Hebrew Congregations of the British Empire” (London 1953), dem offiziellen Gebetbuch der Vereinigten Jüdischen Gemeinden des Britischen Königreichs, das die englische Übersetzung eines Gebets für die Bekehrung der Nichtjuden enthält, welches an jedem Tag im Jahr dreimal den öffentlichen Gottesdienst beschließt. Dieser Text ist für alle Gottesdienste des Judentums einheitlich. In ihm dankt das heilige Volk Israel (nicht zu verwechseln mit dem Staat Israel) Gott dafür, dass er Israel von anderen Völkern unterscheidet. Im Gebet bittet das heilige Israel darum, dass die Welt vervollkommnet wird, wenn die gesamte Menschheit den Namen Gottes anruft und weiß, dass jeder vor Gott sein Knie beugen muss.

Das Gebet „An uns ist es, den Herrn aller Dinge zu preisen“ dankt Gott dafür, dass er Israel von anderen Völkern der Welt unterscheidet. Israel hat sein eigenes „Schicksal“, das darin besteht, sich von den anderen Völkern zu unterscheiden. Gott wird darum gebeten, „die Erde von den Gräueln zu befreien, wenn die Welt unter der Herrschaft des Allmächtigen vervollkommnet sein wird“. Dieses Gebet für die Bekehrung „aller Gottlosen auf der Erde“, die „alle Bewohner der Erde“ sind, wird im normalen Judentum nicht einmal im Jahr, sondern jeden Tag gesprochen. Es findet seine Entsprechung in der Passage des Gebets der achtzehn Benediktionen, in der Gott gebeten wird, „die Herrschaft des Hochmuts“ zu unterbinden. Wir könnten sagen, dass im normalen Judentum zu Gott gebetet wird, er möge die Völker erleuchten und seinem Reich zuführen. Als ob diese Hoffnung unterstrichen werden sollte, folgt dem Gebet „An uns ist es“ das Kaddisch: „Sein Reich erstehe in eurem Leben in euren Tagen und im Leben des ganzen Hauses Israel, schnell und in nächster Zeit“.

Ich kann nicht erkennen, wie diese Gebete sich in ihrer Geisteshaltung oder in ihrer Absicht von dem in der Diskussion stehenden Gebet unterscheiden. Diese Abschnitte aus den normalen, täglichen Gottesdiensten des Judentums lassen keinen Zweifel daran, dass das heilige Israel, wenn es sich zum Gebet versammelt, Gott darum bittet, die Herzen der Nichtjuden zu erleuchten. Die eschatologische Sicht findet Nahrung bei den Propheten und ihrer Vorstellung von einer einzigen und vereinten Menschheit und umgreift die gesamte Menschheit in einer offenen Geisteshaltung.

Die Verurteilung der Götzenverehrung bietet dem Christentum oder dem Islam, die schweigend übergangen werden, keinen großen Trost. Die Gebete flehen zu Gott, er möge das Kommen seines Reiches schnell herbeiführen. Sie bilden das Gegenstück zu dem Gebet, welches darum bittet, „dass beim Eintritt der Fülle der Völker in Deine Kirche ganz Israel gerettet wird“.

Die bekehrenden Gebete des Judentums und des Christentums haben ein gemeinsames eschatologisches Zentrum und wollen allen Völkern die Tür zum Heil offen halten. So wenig wie das Christentum und der Islam Anstoß am israelitischen Gebet nehmen, sollte auch das heilige Israel keinen Einwand gegen das katholische Gebet erheben. Beide Gebete, sowohl das „An uns ist es“ als „Lasst uns auch beten für die Juden“, erfassen die Logik des Monotheismus und seine eschatologische Hoffnung.

Der Autor ist Professor für Geschichte und Theologie des Judentums am Bard College in New York und Verfasser des Buches „Ein Rabbi spricht mit Jesus“, auf das Papst Benedikt XVI. in seinem Jesus-Buch häufig Bezug genommen hat.

[Übersetzung aus dem Englischen von Claudia Reimüller; © Die Tagespost vom 23. Februar 2008]