Recht und Unrecht unterscheiden: Eine christliche Hinführung zum Gewissen

Interview mit P. Thomas Williams LC, Autor von „Knowing Right From Wrong: A Christian Guide to Conscience“

| 1614 klicks

ROM, 21. Oktober 2008 (ZENIT.org).- Es gibt sie, die wahre Unterscheidung der Geister. Richtig und falsch sind keine Erfindungen des subjektiven Bewusstseins, so der amerikanische Theologe Thomas D. Williams LC in seinem neuen Buch: „Knowing Right From Wrong: A Christian Guide to Conscience“ - („Recht und Unrecht unterscheiden: Eine christliche Hinführung zum Gewissen"). P. Williams tritt im US-Fernsehsender „CBS News“ als Vatikanexperte auf.

ZENIT sprach mit P. Williams, Professor für Theologie und Ethik an der Universität Regina Apostolorum in Rom darüber, was ihm beim Thema Gewissen bewegt. seiner Meinung nach eigentlich ist und warum es heute oft missverstanden wird.

ZENIT: Wieso dieses Buch, und warum gerade jetzt?

Pater Williams: Dieses Buch ist heute notwendiger denn je zuvor. Wenn unsere Gesellschaft jemals größere moralische Klarheit dringend gebraucht hat, dann ist das heute.

Die beiden Hauptirrtümer über das Gewissen – Gewissen als unfehlbare, unanfechtbare Instanz, und Gewissen als bloßes Überbleibsel des freudschen Über-Ichs – sind heute sogar noch vorherrschender, als sie es vor 30 Jahren waren.

ZENIT: Können sie diese Irrtümer ein wenig näher erläutern?

Pater Williams: Viele Menschen berufen sich heute auf ihr Gewissen als allein entscheidenden Richter über Gut und Böse. Nach dieser Sicht sind Gut und Böse unserem moralischen Werturteil nicht entzogen, sondern sie werden von diesem erst gesetzt. Was ich aufrichtig als gut und recht bewerte, wird aufgrund dieses Urteils gut und richtig. Es kommt allein auf die Aufrichtigkeit an.

Nach dieser Logik ist es nicht sinnvoll zu versuchen, jemandem anderen zu sagen, was gut und recht ist – auch dann nicht, wenn es sich zum Beispiel um das Lehramt der Kirche handelt. Die Folge wäre dann, dass sich das Gewissen nicht nach einem objektiven moralischen Gesetz richten würde, das über ihm steht, sondern einfach das Moralgesetz ersetzt. Das Gewissen hätte den allumfassenden Primat und könnte alles übertrumpfen.

Wird hier das Gewissen irrtümlich überbewertet, weil es als unfehlbar vergöttert wird, und nur sich selbst Rechenschaft schuldet, wird das Gewissen ausgehend vom zweiten Fehlansatz schlicht unterschätzt und als ein unerwünschtes und irrationales Überbleibsel eines früheren Entwicklungsstadiums der menschlichen Moral abgehandelt. Diese Vorstellung macht das Gewissen zum Sprachrohr elterlicher oder gesellschaftlicher Verbote, denen man nicht zu gehorchen braucht und die vom Ego „gezähmt“ und regiert werden müssen.

ZENIT: Das klingt alles recht intellektuell und anspruchsvoll. Können denn Laien das, was Sie schreiben, verstehen, oder ist das Buch nur für Ethikexperten?

Pater Williams: Entschuldigen Sie den akademischen Stil. Tatsächlich ist das Buch in ganz normalem Englisch und für die Allgemeinheit geschrieben. Es erläutert den Begriff Moral von Grund auf, mit anschaulichen Geschichten und Beispielen. Sie sind eine Hilfe, damit man sich mit den anspruchsvolleren Gedanken vertraut machen kann.

ZENIT: Waren die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen in den USA auch ausschlaggebend für Ihr Buch?


Pater Williams: Es liegt auf der Hand, dass Augenblicke wichtiger Entscheidungen wie zum Beispiel Wahlen eine willkommene Gelegenheit bieten, unsere Vorstellungen über das Gewissen zu überdenken. Aber eigentlich wollte ich dieses Buch schon lange schreiben.

Papst Johannes Paul II. hat in seiner meisterhaften Enzyklika über das sittliche Leben aus dem Jahr 1993, Veritatis splendor, das moderne Auseinanderdividieren von Freiheit und Wahrheit beklagt. Er hat darin sehr eindringlich die Notwendigkeit einer erneuten Bekräftigung der Existenz moralischer Wahrheit gegenüber einem schleichenden Relativismus betont.

Und nur wenige werden wohl die kraftvolle Predigt vergessen, die der damalige Kardinal Joseph Ratzinger am Vorabend seiner eigenen Wahl zum Papst im April 2005 gehalten hat und in der er erklärte, dass wir heute im Begriff sind, „eine neue Diktatur des Relativismus zu errichten, der nichts als maßgeblich anerkennt und dessen letztes endgültiges Ziel allein im eigenen Ich und seinen Wünschen besteht“.

Mein eigenes Gewissen hat mich angespornt, ein Buch zu schreiben, das sowohl den Relativismus von seiner Wurzel her entlarvt, als auch einen eindeutigen, konstruktiven Zugang zum Verständnis des Gewissens und zur Gewissensbildung bietet.

ZENIT: So ist also dieses Buch in erster Linie dazu da, Irrtümer zu korrigieren und den Relativismus zu bekämpfen?


Pater Williams: Ich würde nicht sagen, dass dies das Hauptziel des Buches ist, obwohl ich diese Themen anspreche. Das eigentliche Ziel des Buches ist es, die Schönheit des sittlichen Lebens aufzuzeigen. Unsere Berufung ist es doch nicht einfach „Regeln zu gehorchen“, sondern ein überaus gutes und glückliches Leben gemäß dem Plan Gottes zu leben.

Wir neigen dazu, das Moralische auf eine Liste von Verboten und Verpflichtungen zu verkürzen. Aber das ist ein Missverständnis. Als Christen sind wir zu sittlicher Erstklassigkeit berufen und nicht nur zur Vermeidung des Bösen. Das Wundervolle daran ist, dass diese sittliche Vortrefflichkeit mit der tiefsten menschlichen Freude zusammenfällt.

Gott verlangt von uns nur Dinge, die wirklich gut für uns sind. Seine Gebote sind nicht willkürlich, sondern sie entsprechen der Wahrheit der menschlichen Person und unserer tiefsten Sehnsüchte nach Freiheit, Güte und Liebe.

ZENIT: In diesem Zusammenhang verwenden Sie einen Vergleich aus dem Sport. Sie schreiben, dass das Gewissen eher ein „Trainer“ sei als ein „Schiedsrichter“. Können Sie das erläutern?


Pater Williams: Je nach dem, wie wir uns das sittliche Leben vorstellen, wird sich auch unsere Auffassung vom Gewissen und seiner Rolle ändern. Wenn für uns das sittliche Leben nur aus Regeln besteht, dann ist das Gewissen tatsächlich nur ein lästiger Schiedsrichter, der pfeift, wenn wir die Grenzlinien übertreten oder ein Foul begehen. Im besten Falle wäre das Gewissen dann ein notwendiges Übel, aber kaum ein Freund oder Verbündeter.

Wenn wir andererseits das sittliche Leben als Streben nach sittlicher Vortrefflichkeit verstehen, dann wird das Gewissen zu viel mehr als zu einem Schiedsrichter; es wird zu einem Trainer.

Das Gewissen drängt uns zu persönlicher sittlicher Vortrefflichkeit, nicht nur zur Vermeidung des Bösen. So wie ein Trainer uns dabei hilft, besser zu spielen, und so wie er unseren Fähigkeiten den letzten Schliff gibt, so treibt auch das Gewissen uns an, all das zu werden, wozu wir berufen sind. Dies ist eine viel positivere und viel zutreffendere Beschreibung der Rolle, die das Gewissen im Leben eines Christen spielen sollte.

Schließlich ist das Gewissen ein kostbares Geschenk, das Gott uns gibt. Es soll uns als Wegweiser durch unser Leben dienen. Und es wird in unserem Innern zur Stimme Gottes selbst, die uns einlädt, anfeuert und zur sittlichen Größe antreibt.

[Teil 2 erscheint morgen, Mittwoch]