Rechter Ort und Gebrauch des Evangeliars

Der Altar als würdigster Ort seiner Aufbewahrung zu Beginn der Messfeier

Rom, (ZENIT.org) Edward McNamara LC | 367 klicks

Pater Edward McNamara, Professor für Liturgie und Studiendekan der Theologischen Fakultät am Päpstlichen Athenäum „Regina Apostolorum“ in Rom, beantwortet eine Leserfrage zum rechten Gebrauch des Evangeliars.

Frage: In der Grundordnung des römischen Messbuchs heißt es unter Nr.117: Das Evangeliar, das von dem die anderen Lesungen enthaltenden Buch verschieden ist, kann, sofern es nicht in der Einzugsprozession mitgetragen wird, auf den Altar gelegt werden.

Meine Frage lautet: Ist es erlaubt, das eine oder andere Mal das Evangeliar auf einem Pult an einem Ort in der Kirche aufzubewahren, wie es zum Beispiel eine Seitenkappelle, der Eingang der Kirche oder das Zentrum des Hauptschiffs sein können, und es dann beim Gesang des Halleluja von dort aufzunehmen und zur Verkündigung zum Ambo zu tragen?

G. N., Neapel, Italien

P. Edward McNamara: Das Evangeliar wird nicht nur unter Nr. 117 der Grundordnung erwähnt, sondern auch in einigen weiteren Abschnitten. Hier folgen die wichtigsten:

„44. Zu den Gebärden zählen auch Handlungen und Prozessionen: wenn der Priester mit dem Diakon und den liturgischen Diensten zum Altar tritt, wenn der Diakon vor der Verkündigung des Evangeliums das Evangeliar beziehungsweise das Buch mit den Evangelien zum Ambo trägt…;“

„60. Die Verkündigung des Evangeliums bildet den Höhepunkt der Liturgie des Wortes. Dass sie mit höchster Ehrerbietung erfolgen muss, lehrt die Liturgie selbst, da sie diese gegenüber den anderen Lesungen besonders auszeichnet: Das geschieht auf Seiten dessen, der zu seiner Verkündigung bestimmt ist, durch den Segen oder dadurch, dass er sich durch ein Gebet vorbereitet; es geschieht auf Seiten der Gläubigen, die durch die Akklamationen den gegenwärtigen und zu ihnen sprechenden Christus erkennen und bekennen und die stehend die Verkündigung hören; es geschieht auch durch die Zeichen der Verehrung selbst, die dem Evangeliar erwiesen werden.“

„119. […] Wenn der Einzug in Form einer Prozession stattfindet, ist auch das Evangeliar bereitzulegen…;“

„120. Ist das Volk versammelt, ziehen der Priester und die liturgischen Dienste, bekleidet mit den liturgischen Gewändern, in dieser Ordnung zum Altar: … der Lektor [oder der Diakon, sofern er anwesend ist, – GRM 172], der das Evangeliar, nicht aber das Lektionar, ein wenig erhoben, tragen kann…”  (siehe auch GRM 194-195).“

„122. […] das Evangeliar wird angemessenerweise auf dem Altar niedergelegt.“

„133. Dann nimmt er das Evangeliar, falls es auf dem Altar liegt, und begibt sich zum Ambo. Vor ihm gehen Ministranten, die das Rauchfass und Kerzen tragen können, während der Priester das Evangeliar etwas erhoben trägt. Die Anwesenden wenden sich dem Ambo zu und erweisen dem Evangelium Christi besondere Verehrung.“

„173. Beim Altar angekommen, tritt er [der Diakon], wenn er das Evangeliar trägt, ohne ein Zeichen der Verehrung zu machen, an den Altar. Wenn er dann das Evangeliar, wie es angemessen ist, auf dem Altar niedergelegt hat, verehrt er zusammen mit dem Priester den Altar durch einen Kuss.“

„175. […]Nachdem er vor dem Altar eine Verneigung gemacht hat, nimmt er das auf dem Altar niedergelegte Evangeliar und begibt sich zum Ambo, wobei er das Buch leicht erhoben trägt. Voran gehen der Thuriferar mit dem rauchenden Weihrauchfass und die Ministranten mit den brennenden Kerzen. […] Wenn der Diakon einem Bischof dient, bringt er ihm das Buch und reicht es ihm zum Kuss oder er küsst es selbst, wobei er still spricht: Durch das Wort des Evangeliums (Per evangelica dicta). In festlicheren Feiern erteilt der Bischof gegebenenfalls mit dem Evangeliar dem Volk den Segen. Das Evangeliar kann schließlich zum Kredenztisch oder zu einem anderen geeigneten und würdigen Ort gebracht werden.“

In den Abschnitten 273 und 277 ist die Rede von der besonderen Verehrung, die dem Evangeliar beschieden ist, was mit einem Kuss und dem Inzensieren mit Weihrauch geschieht.

Diesen Texten kann man klar entnehmen, dass die liturgischen Bücher die von unserem Leser geschilderte Situation nicht vorsehen. Richtig ist, dass es in den Anordnungen nur heißt, es sei „angemessen”, das Buch mit den Evangelien auf dem Altar niederzulegen. Das ist ein Ausdruck, der kein striktes Gebot beinhaltet. Doch wird von den Normen außer dem Ambo kein alternativer Platz zum Niederlegen des Buches benannt, was beinhaltet, dass in einem solchen Fall dann auch keine Prozession mit dem Evangeliar stattfinden würde.

In der Tat ist es beachtenswert, dass nur von der Prozession die Rede ist, bei der das Buch vom Altar genommen wird. Eine andere Prozession würde nicht angemessen erscheinen.

Wahrscheinlich lohnt es sich, über die Bedeutung nachzudenken, die mit dem Niederlegen des Evangeliars auf dem Altar verbunden ist.

Im Lateinischen Ritus bildet der Altar das Zentrum und den Mittelpunkt der Feier. Wie in der Grundordnung ausdrücklich angeordnet wird (Nr. 306), sollte er einzig und allein für diese seine Funktion bestimmt sein:

„306. Auf den Altartisch darf nämlich nur das gestellt werden, was für die Messfeier erforderlich ist: nämlich das Evangeliar vom Beginn der Feier bis zur Verkündigung des Evangeliums; von der Darreichung der Gaben bis zur Reinigung der Gefäße der Kelch mit der Patene beziehungsweise Hostienschale und wenn nötig, das Ziborium; schließlich Korporale, Kelchtuch, Palla und Messbuch. Darüber hinaus ist unauffällig anzubringen, was gegebenenfalls zur Verstärkung der Stimme des Priesters notwendig ist.“

Im Rahmen der Messfeier ist das Niederlegen des Buchs mit den Evangelien auf dem Altar als Zeichen höchster Verehrung zu bewerten. Selbst wenn man das Buch, wie unser Leser vorschlägt, an anderer Stelle auf ein besonderes Pult legte, würde das die dem heiligen Text gebührende Ehre nicht mehren, sondern eher schmälern.

Sollte es eine von dieser anderen Stelle ausgehende Prozession zum Ambo geben, würde das auch in gewisser Weise die innere Verbindung zwischen Evangelium und Eucharistie schwächen, die dadurch symbolisiert wird, dass man das Buch auf den Altar legt und von dort zum Ambo trägt.

Ich glaube also nicht, dass der Vorschlag unseres Lesers, das Buch vor der Messfeier auf einen für alle einsehbaren Platz zu legen, den liturgischen Vorschriften nach annehmbar wäre.   

Wenn man davon aber absieht, würde es wahrscheinlich nicht den Vorschriften widersprechen, nach der Verkündigung des Wortes Gottes einen angemessenen Platz für das Evangeliar bereitzuhalten und es dort niederzulegen. Man könnte das auf ehrfurchtsvolle Weise, doch ohne unangemessene Feierlichkeit tun.

Übrigens kann man immer öfter beobachten, dass in einigen Kirchen ein bleibender Platz zur Verehrung des Wortes Gottes zur Verfügung steht, – sei es, indem dort ein Evangeliar oder eine vollständige Ausgabe der Heiligen Schrift aufbewahrt wird. Obwohl dieser Brauch protestantischen Ursprungs ist, gibt es überhaupt keinen  Grund, weswegen es in katholischen Kirchen nicht übernommen werden könnte, um die Lesung und die Meditation der Heiligen Schrift zu fördern.

Auf diese Weise empfangen Katholiken das Beste, was beide Welten anzubieten haben. Wir können zuerst im Buch lesen und dann zum Tabernakel gehen und mit dessen Autor ein Gespräch führen.

Übersetzt von P. Thomas Fox, LC aus dem italienischen Originalartikel  http://www.zenit.org/it/articles/la-collocazione-dell-evangeliario