Rede des ständigen Beobachters des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen in Genf

Wirksame Initiativen zur Verringerung der Müttersterblichkeit

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GENF, 21. September 2011 (ZENIT.org). - Erzbischof Silvano M. Tomasi,  Ständiger Beobachter des Heiligen Stuhls beim Büro der Vereinten Nationen und der speziellen Institutionen in Genf, hat in einer Rede am 15. September während der momentan in Genf stattfindenden, achtzehnten Sitzung des Menschenrechtsrates die Haltung seiner Delegation zur Müttersterblichkeit erläutert.

Wir veröffentlichen den gesamten Wortlaut der Ansprache  in einer eigenen Übersetzung.

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Herr Präsident,

die Delegation des Heiligen Stuhls hat sehr aufmerksam den Bericht gelesen über „Praktiken für die Anwendung eines auf den Menschenrechten gründenden Ansatzes zur Beseitigung der vermeidbaren Müttersterblichkeit und die Menschenrechte“ (A/HRC/18/27, 8. Juli 2011), die Resolution 15/17 von 2010 des Menschenrechtsrates über „Vermeidbare Müttersterblichkeit und Morbidität und die Menschenrechte: Überprüfung der Resolution 11/8 des Rates“ (Menschenrechtsrat, XV. Sitzung, Resolution 15/17. Vermeidbare Müttersterblichkeit, Morbidität und Menschenrechte: Überprüfung der Resolution 11/8, 7. Oktober 2010; XI. Sitzung, Resolution 11/8, Juni 2009) sowie die Resolution 11/8. Die letztgenannte Resolution erklärte eine „große Besorgnis über die weltweite, in unannehmbarer Weise gestiegene Rate der vermeidbaren Müttersterblichkeit und Morbidität“; sie sieht dieses Phänomen als „eine Herausforderung für die Gesundheit, die Entwicklung und die Menschenrechte“ an, und hat die Staaten und andere wichtige Akteure, einschließlich der nationalen Institutionen für die Menschenrechte und die Nichtregierungsorganisationen, ermutigt, „dem Problem der vermeidbaren Müttersterblichkeit und Morbidität mehr Aufmerksamkeit zu widmen und hier mehr Ressourcen zuzuteilen“ im Zusammenhang mit dem Einsatz zum Schutz der Menschenrechte.

Trotz dieser klar vorgetragenen Pflichten muss die internationale Gemeinschaft jedoch mit großem Bedauern zugeben, unzureichende Fortschritte gemacht zu haben, um das alljährliche Sterben von 350.000 Frauen während der Schwangerschaft und der Geburt zu verhindern. Daher hält es meine Delegation für notwendig, noch einmal zu erklären, „dass jede Frau in ihrer Würde als Mensch gleich und ein vollwertiges Mitglied der menschlichen Familie ist, in der sie einen wichtigen Platz einnimmt und eine Berufung hat, die komplementär, aber in keiner Weise minderwertiger als die des Mannes ist“ (Johannes Paul II., Schreiben an den Generalsekretär der Internationalen Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung, aus dem Vatikan, 18. März 1994, Paragraph 8).

Meine Delegation bemerkt mit Freude drei „gemeinsame Merkmale der gültigen und wirksamen Praktiken zur Reduzierung der Müttersterblichkeit und Morbidität, auf die der heute diskutierte Bericht aufmerksam gemacht hat: 1. Weitreichende gesellschaftliche und gesetzliche Veränderungen zur Verbesserung der Situation der Frauen, durch Förderung der Parität zwischen Mann und Frau, Beseitigung von Eheschließungen in frühzeitigem Alter und die konsequente Förderung eines Aufschubs des Beginns der sexuellen Beziehungen, Verbesserung der sozialen, wirtschaftlichen und sanitären Verhältnisse sowie der Ernährungslage von Frauen und Mädchen und Beseitigung einiger schädlicher Praktiken, wie der Verstümmelung der weiblichen Genitalien und der häuslichen Gewalt; 2. Stärkung der Gesundheitssysteme und der primären Gesundheitsversorgung, um den Zugang und die Nutzung einer wirksamen Geburtshilfe und die geburtshilfliche Notbetreuung im Falle von Komplikationen zu verbessern; 3. Verbesserung der Überwachung und Evaluierung der staatlichen Verpflichtungen, um die Verantwortlichkeit aller Beteiligten zu gewährleisten und die verschiedenen Politiken umzusetzen.

Die katholische Kirche unterhält ein weites Netz von Gesundheitsdiensten in allen Teilen der Welt und bietet vor allem den armen und ländlichen Gemeinden Hilfe an, die oft vom Zugang zu den staatlich geförderten Dienstleistungen ausgeschlossen sind. Einige katholische Organisationen haben spezielle Dienstleistungen zur Heilung von Fisteln erarbeitet und bieten ganzheitliche Behandlungen sowie die soziale Reintegration von Opfern häuslicher Gewalt an; sie fördern die ganzheitliche Entwicklung und Erziehung von Frauen und Mädchen. Außerdem sind die katholischen Organisationen auf globaler, regionaler, nationaler und lokaler Ebene bei der Verteidigung von politischen Praktiken zum Schutz der Rechte von Frauen und Kindern aktiv. Daher möchte meine Delegation Ihnen, Herr Präsident, ihre starke Unterstützung für die oben genannten Elemente einer guten Praxis zusichern.

In Bezug auf zwei andere Elemente, die vom Bericht vorgeschlagen und als „Aspekte einer guten Praxis“ zur Verringerung der Müttersterblichkeit und Morbidität bezeichnet werden, nämlich „den Zugang zur Empfängnisverhütung und zur Familienplanung zu erweitern“ und das sogenannte Problem der „unsicheren Abtreibung für Frauen“ zu lösen, möchte der Heilige Stuhl seine entschiedene Ablehnung ausdrücken. Meine Delegation meint, dass man „eine besondere Aufmerksamkeit“ darauf richten müsste, „dass dem Ehemann und der Ehefrau die Freiheit zugesichert werde, frei von jedem gesellschaftlichen und gesetzlichen Zwang, verantwortungsbewusst über die Zahl und den Abstand zwischen den Geburten zu entscheiden. Es dürfte nicht die Absicht der Regierungen und anderer Unternehmen sein, für die Ehepaare zu entscheiden, sondern vielmehr gesellschaftliche Bedingungen zu schaffen, die es ihnen erlauben, Entscheidungen zu treffen, die richtig sind im Licht ihrer Verantwortung vor Gott, vor sich selbst, vor der Gesellschaft, der sie angehören, und vor der objektiven moralischen Ordnung“ (Johannes Paul II., Schreiben an den Generalsekretär der Internationalen Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung, op. cit., Paragraph 3).

Außerdem glauben wir, dass „die Abtreibung, die das existierende menschliche Leben zerstört ..., niemals ein annehmbares Mittel zur Familienplanung ist, wie übrigens einmütig anerkannt wurde während der Internationalen Konferenz der Vereinten Nationen über die Bevölkerung, die in der Stadt Mexiko im Jahr 1984 abgehalten wurde.“ Deshalb halten wir es für völlig inakzeptabel, dass die sogenannte „sichere Abtreibung“ von dem in dieser Sitzungsperiode des Rates der Menschenrechte diskutierten Bericht gefördert wird, oder vielleicht in noch bedeutsamerer Weise von der Globalen Strategie für die Gesundheit der Frauen und Kinder der Vereinten Nationen, die vom Generalsekretär der Vereinten Nationen im September 2010 in Gang gebracht wurde.

Herr Präsident, die Besorgnisse, die ich angesprochen habe, werden durch anerkannte Daten belegt. Die Weltorganisation für das Gesundheitswesen (OMS) hat gezeigt, dass die Frauen in Afrika vor allem wegen fünf Hauptursachen sterben: Bluthochdruck-Erkrankungen, fehlende Geburtshilfe, Blutungen, Sepsis und Infektionen, und Krankheiten im Zusammenhang mit HIV (Khalid S. Khan et al., WHO Analysis of Causes of Maternal Deaths: a Systematic review, Lancet, 367, 2006: 1066-1074).

Die erkannten Maßnahmen, um diesen medizinischen Notfällen abzuhelfen, schließen die Weiterbildung und Beschäftigung von qualifizierten Hebammen, die Bereitstellung von Antibiotika und von Uterus-Behandlungen und die Verbesserung des Systems der Blutbanken mit ein. Meine Delegation hält jedweden Versuch für völlig inakzeptabel, die für diese lebensrettenden, wirksamen Maßnahmen notwendigen Finanzmittel zu stornieren zugunsten weitreichender Programme für die Empfängnisverhütung und die Abtreibung, die darauf gerichtet sind, die Zeugung neuen Lebens zu begrenzen oder das Leben eines Kindes zu zerstören.

Abschließend drückt die Delegation des Heiligen Stuhls die feste Hoffnung aus, dass es der internationalen Gemeinschaft gelingen möge, die Müttersterblichkeit und Morbidität zu verringern, indem wirksame Maßnahmen gefördert werden, die auf tiefen, beständigen Werten sowie auf wissenschaftlichen und medizinischen Erkenntnissen basieren und die Heiligkeit des Lebens von der Empfängnis bis zum Tod respektieren, denn „die Gegenwart der Mutter in der Familie ist für die Stabilität und das Wachstum dieser grundlegenden Zelle der Gesellschaft so wichtig, dass sie auf alle möglichen Weisen anerkannt, gewürdigt und unterstützt werden müsste“ (Benedikt XVI., Ansprache beim Treffen mit den katholischen Bewegungen zur Förderung der Frau, Luanda, Angola, St. Anthony-Gemeinde, 22. März 2009).

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals]