„Redet die Wahrheit“: Kardinal Walter Kasper über die christlich-jüdische Zusammenarbeit

Ansprache zur Woche der Brüderlichkeit 2007 in München

| 449 klicks

MÜNCHEN, 12. Februar 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Festvortrag, den Kardinal Walter Kasper, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, am 11. März bei der Eröffnung der „Woche der Brüderlichkeit“ 2007 im Münchner Rathaus gehalten hat.



Die Erinnerung an die Shoa – „das Schreckliche, das geschehen ist“ – müsse als „Erinnerung für die Zukunft“ wach gehalten werden, als „Erinnerung für die gemeinsame Zukunft“, bekräftigte der Kurienkardinal.

Wenn man imstande sei, die Würde und die Andersheit des jeweils anderen zu achten und zu ehren, „dann kann das neue Verhältnis von Juden und Christen ein brauchbares, ja ein dringend notwendiges Modell dafür sein, wie Menschen, die religiös oder kulturell verschieden sind, die eine schwierige Geschichte miteinander hatten, sich doch wieder versöhnen, sich doch wieder schätzen lernen und die doch wieder in Frieden und oft sogar in Freundschaft zusammenleben. Genau dieses Modell versöhnter Verschiedenheit brauchen wir heute.“

* * *



Schalom!

Verehrte Frau Knobloch, verehrter Kardinal Friedrich Wetter,
meine Damen und Herren, liebe jüdische und christliche Freunde!

Ganz ausdrücklich bedanke ich mich für die freundliche Einladung und für die Ehre, heute zur Woche der Brüderlichkeit zu Ihnen zu sprechen. Ich bedanke mich insbesondere für die freundliche Begrüßung und Vorstellung.

Ich möchte zunächst ich meiner großen Freude darüber Ausdruck geben, dass mit dieser Synagoge jüdisches Leben mitten in das Herz der Stadt München zurückgekehrt ist. Wir alle wissen, wie viel jüdische Kultur, jüdische Denker, jüdische Künstler und jüdische Wissenschaftler in der Vergangenheit für die deutsche Kultur bedeutet haben. Sie, die jüdischen Freunde, gehören deshalb hierher, und wir sind dankbar, dass Sie nun sichtbar und augenfällig, in architektonisch gelungener Weise hierher zurückkehren konnten. Dazu mein persönlicher herzlicher Glückwunsch!

I. Das Thema der diesjährigen Woche der Brüderlichkeit „Redet die Wahrheit“ – „Dabru emet“ war der Titel, unter dem am 11. September 2000 mehr als 200 angesehene Rabbiner und jüdische Gelehrte unter-schiedlicher Ausrichtung in einem berühmt gewordenen Artikel in der New York Times nicht auf sich, sondern auf das gewandelte jüdisch-christliche Verhältnis aufmerksam gemacht haben. Der Artikel beginnt: „In den vergangenen Jahren hat sich ein dramatischer und beispielloser Wandel in den christlich-jüdischen Beziehungen vollzogen.“

Aus meiner eignen Erfahrung kann ich sagen: Dieser Wandel, diese Revolution in den Köpfen, nach einer schwierigen und komplexen Geschichte gehört zu den erfreulichsten Erfahrungen, welche ich seit nunmehr acht Jahren in meiner gegenwärtigen Aufgabe in Rom als Präsident der „Kommission für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum“ mache. Die Sprache der Verachtung (language of contempt) (Jules Isaak) ist gegenseitiger Achtung, oft sogar gegenseitiger Freundschaft gewichen. Leider – und das muss hinzugefügt werden – hat es zu dieser teshuva, zu dieser Umkehr und zu diesem Umdenken der
bestürzenden Erfahrung des staatlich organisierten und in Werk gesetzten unsäglichen Verbrechens des Holocaust bzw. der Shoah, der brutalen Ermordung von 6 Millionen Juden mitten in Europa bedurft.

Der Wandel ging von katholischen wie evangelischen Gruppen und Theologen aus. Auf katholischer Seite war der Durchbruch vor allem das Verdienst von Papst Johannes XXIII., der als Delegat in Sofia und Istanbul in den dunklen Jahren des Zweiten Weltkriegs unter persönlichem Einsatz viele jüdische Menschenleben gerettet hat. Er ist – zusammen mit dem deutschen Kardinal Augustin Bea – der Vater der Konzilserklärung Nostra aetate, die 1965 den Wandel katholischerseits kirchenamtlich besiegelt hat. Die Erklärung hat jede Form des Antisemitismus verurteilt. Papst Johannes Paul II. hat den Antisemitismus sogar ausdrücklich als Sünde bezeichnet. Ihm kommt nach Johannes XXIII. das Verdienst zu, dem Umdenken vollends Bahn gebrochen zu haben. Bei seinem historischen Besuch in der Grossen Synagoge in Rom am 13. April 1986 hat er die Juden nicht mehr – wie es früher am Karfreitag hieß – als die „treulosen Juden“ sondern als „die älteren Brüder im Glauben Abrahams“ begrüßt.

In der Tat, Juden und Christen verbinden die Erzväter – Abraham, Isaak und Jakob –, wir berufen uns gemeinsam, wenngleich unterschiedlicher Weise, auf Mose und haben die Zehn Gebote, die Zehn Worte („debarim“), gemeinsam, sie sind uns – wie es in den Psalmen heißt – Fußleuchte auf dem Weg unseres Lebens (Ps 118,105), und die Welt sähe anders aus, wenn diese Leuchtzeichen von allen beachten würden. Wir haben weiter die Propheten und damit die Botschaft der messianischen Hoffnung gemeinsam, die heute so sehr Mangelware geworden ist.

Schließlich: Jesus selbst war Jude, seine Mutter Maria war eine jüdische Frau, das Gebet, das er uns hinterlassen hat, das „Unser Vater“, atmet jüdischen Geist und jüdische, d.h. hebräisch/aramäische Sprachgestalt. Nach Paulus wurde der Bund mit dem auserwählten Volk nie gekündigt und aufgehoben (Röm 9,6; 11,29); das Judentum ist die Wurzel, in die das Christentum eingepfropft ist und die es bleibend trägt (Röm 11,17f). So stehen Juden und Christen in einem Verhältnis zueinander, das es sonst in der ganzen Religionsgeschichte nicht gibt und das religions-geschichtlich einmalig ist.

Wir haben diese Wahrheit oft vergessen; aber wir haben sie neu entdeckt. Das Dokument „Dabru emet“ – „Redet die Wahrheit“ versteht sich als eine jüdische Antwort auf diese Entwicklung. Die Autoren erklären: „Wir sind davon überzeugt, daß diese Veränderungen eine wohl bedachte jüdische Antwort verdienen.“

II. Es wäre freilich allzu naiv zu meinen, damit seien alle Probleme vom Tisch. Sie sind es nicht. „Redet die Wahrheit“ bedeutet, anzuerkennen, daß die Wunden der Vergangenheit tief sind, daß sie teilweise noch schwären und dass der Versöhnungsprozess deshalb noch immer ein äußerst fragiles Gebilde ist. Man muß sorgfältig damit umgehen. Die Ängste, ob es der andere denn wirklich ernst damit meint, ob wirklich Verlass auf ihn ist, sitzen tief. Da genügt eine unbedachte emotionale Aussage oder ein unangebrachter, schiefer Vergleich und alte Wunden brechen neu auf. Es bedarf noch immer vieler Feinfühligkeit um zwar die Wahrheit, so wie man sie selber sieht, ehrlich zu sagen, dies aber mit Augenmaß und Sensibilität zu tun.

Der Wandel, von dem ich gesprochen habe, geschah selbstverständlich nicht ein für alle Mal; er muss an die jeweils nächste junge Generation weitergegeben werden. Er stellt uns vor eine bleibende drängende Erziehungsaufgabe. Die Erinnerung an das Schreckliche, das geschehen ist, muss als memoria futuri wach gehalten werden, als Erinnerung für die Zukunft, und ich füge hinzu: als Erinnerung für die gemeinsame Zukunft. In diesem Sinn bedarf es gegen die herrschende Unkultur des Vergessens und Verdrängens einer Erinnerungskultur, die nicht auf Rache und nicht auf Vergeltung sondern auf Versöhnung und auf eine purificatio memoriae bedacht ist, auf ein von Gedanken des Hasses und der Aufrechnung gereinigtes, versöhntes Gedenken.

Wenn gilt „Redet die Wahrheit“, dann heißt Versöhnung nicht, daß bei allem was uns gemeinsam ist, nicht auch Unterschiede bestehen bleiben. Sie werden – so sagt es die Erklärung „Dabru emet“ – bis zum Ende der Zeit bleiben. „Der nach menschlichem Ermessen unüberwindbare Unterschied zwischen Juden und Christen wird nicht eher ausgeräumt werden, bis Gott die gesamte Welt erlösen wird, wie es die Schrift prophezeit.“

Die Aufforderung „Redet die Wahrheit“ bedeutet darum: Juden und Christen müssen ihre Unterschiede aushalten; sie sollen zu je ihrer eigenen Wahrheit stehen. Emet, was wir mit Wahrheit übersetzen, heißt nämlich nicht Wahrheit in unserem abendländischen Sinn, emet heißt ursprünglich Treue, Wahrheit, auf die man sich verlassen kann und zu der man steht. Wir sollen uns deshalb gegenseitig in unserer jeweiligen Andersheit anerkennen, „Schulter an Schulter“, so zitiert die Konzilserklärung den Propheten Zenfanja (3,9). Solches „Schulter an Schulter“ dreht dem anderen nicht den Rücken zu, es verneint ihn nicht, es versucht ihn aber auch nicht zu vereinnahmen. „Schulter an Schulter“ meint Partnerschaft.

Nur wenn uns solche Partnerschaft in Anerkennung der Würde des anderen in seiner Andersheit gelingt, dann kann das neue Verhältnis von Juden und Christen ein brauchbares, ja ein dringend notwendiges Modell dafür sein, wie Menschen, die religiös oder kulturell verschieden sind, die eine schwierige Geschichte miteinander hatten, sich doch wieder versöhnen, sich doch wieder schätzen lernen und die doch wieder in Frieden und oft sogar in Freundschaft zusammenleben. Genau dieses Modell versöhnter Verschiedenheit brauchen wir heute.

Die Aufforderung „Redet die Wahrheit“ sind darum nicht folgenlos. Eine Folge heißt, dass wir auf beiden Seiten die Geschichte aufarbeiten müssen. Die Shoah zu leugnen oder sie auch nur zu minimalisieren – wie es leider geschieht – ist neues Unrecht an den Opfern und ist in Deutschland zu Recht unter Strafe gestellt. „Redet die Wahrheit“, heißt geschichtliche Schuld, und sei es „nur“ die Schuld der Unterlassung von Hilfeleistung anzuerkennen. Die katholische Kirche fürchtet die Wahrheit nicht. Die immer wieder geforderte Öffnung der Vatikanischen Archive ist im Gang, und sie ist für den Teil, der aus archiv-technischen Gründen noch nicht zugänglich ist, beschlossene Sache.

„Redet die Wahrheit“ heißt weiter, dass wir das Recht des jüdischen Volkes auf das Land seiner Väter, das gelobte Land anerkennen, und daß wir damit nicht nur die Existenz, sondern auch das Existenzrecht des Staates Israel anerkennen, so wie wir ebenfalls das Recht der Araber, die dort seit Jahrhunderten leben, auf eine gesicherte, lebensfähiges, ihrer menschlichen Würde entsprechendes eigenes Staatswesen anerkennen. „Redet die Wahrheit“ bedeutet in diesem Kontext, dass Jerusalem einen Status haben soll, der allen drei betroffenen Religionen – Juden, Christen und Muslimen – rechtlich garantierten freien Zugang zu ihren heiligen Stätten und das Recht, genauer: das Lebensrecht ihrer karitativen und schulischen Einrichtungen gewährleisten soll.

III. Schließlich noch ein Letztes: „Redet die Wahrheit“ bedeutet nicht nur in die Vergangenheit zurück schauen, wir sollen die Vergangenheit nicht vergessen, aber wir sollen uns davon auch fixieren lassen; wir müssen mit offenen Augen und wachem Verstand auch auf die Gegenwart schauen und den neuen Herausforderungen, die morgen auf uns gemeinsam zukommen, ins Auge schauen.

Ich zitiere nochmals „Dabru emet“: „Juden und Christen erkennen, ein jeder auf seine Weise, die Unerlöstheit der Welt, wie sie sich in andauernder Verfolgung, Armut, menschlicher Entwürdigung und Not manifestiert… Getrennt und vereint müssen wir daran arbeiten, unserer Welt Gerechtigkeit und Frieden zu bringen.“

Gerechtigkeit und Frieden (zedeka weschalom) und – so steht es beim Propheten Jesaja – Friede wird sein als Werk der Gerechtigkeit: wehaja measche hazedeka schalom (Jes 32,17). Auf der internationalen Ebene haben wir diese Herausforderung verstanden und aufgegriffen. Wir haben in Argentinien begonnen mit der gemeinsamen Hilfe für hungernde Kinder, und wird sind nach dem letzten Kongress in Kapstadt daran, in Südafrika eine Zusammenarbeit in der Hilfe gegen die furchtbare Geißel der Aidsepidemie aufzubauen. Ich weiß auch von anderen Fälle, in denen Juden und Christen zu Alliierten wurden und dies nicht zum eigenen Vorteil sondern zum Wohle anderer und des Gemeinwesens und seines Gemeinwohls (bonum commune).

Das schließt so genannte Trialoge zwischen Juden, Christen und Muslimen in keiner Weise aus. Im Gegenteil, es gibt sie. Es gibt sie auf hoher Ebene zwischen Kirchenführern, angesehenen Rabbinern und herausragenden gemäßigten Moslemvertretern, und es gibt sie – wie ich bei meinem letzten Besuch in Israel zu meiner großen Freude feststellen konnte – dort auch an der so genannten „Basis“ und zwar häufiger als man gewöhnlich annimmt. Es gibt Dreier-Initiativen, welche sich für das Ende der Gewalt und des Blutvergießens und für einen gerechten Frieden im vorderen Orient einsetzen.

Das sind Zeichen, das sind zunächst vielleicht kleine, ja winzig kleine Samenkörner der Hoffnung, von denen man dennoch wünschen und auch hoffen mag, dass sie aufgehen, von denen man auch wünscht, daß gelegentlich etwas von ihnen in die Berichterstattung der Massenmedien fällt, dass sie dort unter den vielen täglichen Schreckensmeldungen aufblühen und etwas aufatmen lassen. Auch gute Taten können ansteckend wirken. So kann aus kleinen und kleinsten Samenkörner der Hoffnung – wie es im Evangelium heißt – ein großer Baum wachsen, in dem die Vögel des Himmels, d.h. die unterschiedlichen Nationen, ihr Nest finden (Mt 13,32). Nach jüdischer Tradition gilt: „Wer einen einzigen Menschen rettet, der rettet die Welt.“

Wahrheit (emet) im Sprachgeberauch der hebräischen Bibel ist ein Wort der Verheißung, ein Wort der Hoffnung. Emet ist das, worauf man sich verlassen kann, ist Treue- und Hoffnungswahrheit. Juden und Christen verbindet solche messianische Hoffnung; sie verbindet sie gegen alle schleichende und oft zynische Resignation, gegen alle bleierne Hoffnungslosigkeit, die meint, dass man doch nichts machen und nichts ändern kann. Für Juden und Christen gehören darum kleine Samenkörner einer aktiven, zur Tat anstiftenden Hoffnung zum Reden der Wahrheit. Sie können mit Gottes Hilfe wachsen, gedeihen, zur Blüte kommen und Frucht tragen. Wer soll denn, wenn nicht wir, Juden und Christen, die Fackel dieser Hoffnungswahrheit hochhalten?!

Wenn diese Fackel brennt, dann kann der Wandel, von dem wir ausgingen, auf viele andere schlimme und gefährliche Konfliktzonen der Welt ausstrahlen. Dann sind wir, Juden und Christen, jeder auf seine Weise, wirklich Söhne und Töchter Abrahams; denn dann wird wahr, was Abraham verheißen wurde, nämlich daß er ein Segen sein werde für alle Völker (Gen 12,3; 18,18; 22,18).

Als Juden und Christen sollten wir aus den tragischen Ereignissen des letzten Jahrhunderts gelernt haben, um im 21. Jahrhundert zusammen ein Segen zu sein für den Frieden der Welt. Was bräuchten, was ersehnten wir, was bräuchten, was ersehnten alle Menschen guten Willens mehr?! Darum: Schalom!

[Vom Erzbischöflichen Ordinariat München veröffentlichtes Original]