Reinheit?

Impuls zum 22. Sonntag im Jahreskreis

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Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

MÜNSTER, 2. September 2012 (ZENIT.org). - Früher kam es vor, dass der Pfarrer in der Sonntagspredigt über das sechste Gebot predigte. Das hat gelegentlich manche Menschen nervös gemacht. Heute ist es in manchen Diözesen verboten, das Thema in der Sonntagspredigt anzusprechen. Warum muss man eigentlich in Deutschland immer von einem Extrem ins andere fallen? (wobei es im ersteren Fall noch die Frage ist, ob es immer ein Extrem war).

Natürlich sind wir heute durch alle Erkenntnisse der modernen Psychologie hindurch gegangen und „wissen“, 1. das der Sexualtrieb gut ist und 2. dass er unbedingt abgebaut werden muss – wie auch immer.

Ersteres ist richtig und ist auch von der Kirche immer gelehrt worden. Aber diese von Gott gegebene Gabe gilt es im Sinne des Schöpfers zu gebrauchen, also in der Ehe. Was bedeutet, dass auch die Enthaltsamkeit notwendig sein kann. Dass diese nicht immer nur ein Verzicht und ein Verlust sein muss, ist nicht erst eine Erfindung des Christentums. Freud sah darin die Quelle großer Kulturleistungen.

Dass man aber den ungeordneten Gebrauch der Geschlechtskraft als Unzucht bezeichnet, ist heute zumindest „politically incorrect“. Unser Herr Jesus Christus allerdings tut es. Im heutigen Sonntagsevangelium sagt er – drastisch wie er manchmal ist – „…aus dem Herzen der Menschen kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch…..“ (Mk 7,15).

Dass nun die bösen Gedanken zu bösen Taten führen, ist nicht gesagt. Im Gegenteil gerade darin liegt ein Gutteil des Strebens nach Heiligkeit, zu dem er uns ja auffordert, begründet, dass wir den bösen Gedanken nicht nachgeben. Dass ein Mann, der einige Jahre verheiratet ist, sich in eine jüngere Frau verlieben kann, ist nicht selten. Aber dass er trotzdem seiner Frau treu bleibt: da zeigt sich dann das menschliche und religiöse Format, das einer hat.

Oft ist es auch ein grundsätzlich unrealistisches Menschenbild à la Rousseau, das zu falschen Schlüssen führt. Jean Jacques Rousseau (1712 – 1778) – oder in der christlichen Antike die Pelagianer – sagte, dass der Mensch gut ist und nur richtig angeleitet werden muss, damit er nie Falsches und nur Richtiges tut. Der Christ dagegen ist Realist und weiß, dass jeder Mensch von der Erbsünde her Neigungen zum Bösen hat (und die meint Christus, wenn er von den Regungen spricht, die „von innen, aus dem Herzen der Menschen“ kommen). Die Erbsünde selbst wird in der Taufe gelöscht, aber die Neigungen zum Bösen bleiben. Und wer wird leugnen, dass jeder in seinem Herzen die Neigung zum Stolz, zum Egoismus, zur Trägheit oder eben auch zur Unreinheit hat. Das alles ist ja nicht schlimm, solange man der Neigung nicht nachgibt. Vielleicht ist es unser Hang zum Perfektionismus, der nicht dulden will, dass wir überhaupt etwas Böses in uns haben könnten.

Ein guter Prediger wird das Thema nicht oft behandeln, aber auch nicht grundsätzlich ausklammern. Die Lehre der Kirche hat sich nicht geändert, sie entspricht dem, was Christus lehrte. Im Katechismus der Katholischen Kirche ist sie nachzulesen. Dass sich der Mensch in den letzten zweitausend Jahren so geändert habe, dass die Worte Jesu nicht mehr passen würden, ist unwahrscheinlich. Gewiss haben sich viele Lebensumstände aufgrund der Fortschritte der Technik geändert. Aber was sich nicht geändert hat und sich auch nicht ändern wird, sind die Grundideen, die „im Herzen der Menschen“ sind: Leben und Tod, Leib und Seele, Glück, Freundschaft, Treue, Liebe, Ewigkeit. Das interessiert den Menschen im Tiefsten, ob mit Auto und Computer oder ohne.

Heute lebt eine riesige Industrie davon, die Menschen zur „Unzucht“ anzuleiten. Sind die Menschen dadurch glücklicher?

In der Predigt und im persönlichen Gespräch sollte man unbedingt auf die positive Tugend der Reinheit zu sprechen kommen. Die Unreinheit vermeiden, ist ja ein Negativum. Das ist nur die Grundlage. Wie schön aber die Tugend der Reinheit ist, und wie sie den Menschen erhebt und froh macht, darüber sollte unbedingt häufiger gesprochen werden. Bei jedem Weltjugendtag überraschen uns die schönen und reinen Gesichter der jungen Leute. Natürlich haben auch sie manchmal zu kämpfen. Aber sie haben sich grundsätzlich dagegen entschieden, sich von der gängigen Wellness-Kultur und Aids-Aufklärungsideologie unserer Tage vereinnahmen zu lassen.

Und das lehrt die Erfahrung: wer kämpft, wird stärker.

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“ und „Leo - Allah mahabba“. Im katholischen Fernsehsender EWTN ist er montags um 17.30 Uhr mit der wöchentlichen Sendereihe „Schöpfung und Erlösung”, die beiden großen Werke Gottes und die Mitwirkung des Menschen, zu sehen.