Religion in Brasilien

Katholiken, Pfingstkirchen und afro-brasilianische Religionen

Rom, (ZENIT.org) Maike Sternberg-Schmitz | 629 klicks

Statistisch gesehen, ist Brasilien das größte katholische Land der Welt, woraus sich der berühmte Spruch herleitet: „Deus é brasileiro – Gott ist Brasilianer“. Doch der Anteil der Katholiken sinkt. Waren es 1970 noch 91,8 Prozent, lag ihre Zahl 2009 nur noch bei 68,4 Prozent. Die übrigen Brasilianer sind anderen Ausprägungen des christlichen Glaubens zuzuordnen. Insgesamt ist Brasilien ein außerordentlich gläubiges Land. So stellt sich nicht die Frage, ob jemand glaubt, sondern woran er glaubt und zu welcher Glaubensgemeinschaft er gehört.

Durch die historische Entwicklung des Landes und die daraus resultierenden, unterschiedlichen Einflüsse, entstanden sogenannte Mischreligionen. Seit seiner Entdeckung im Jahr 1500 wurde Brasilien konsequent katholisiert, denn die Missionierung der Indigenen war eine Voraussetzung für die Herrschaft des portugiesischen Königs. Auch Orden wie derjenige der Benediktiner oder der Karmeliter wurden in Brasilien tätig und rekrutierten ihre Mitglieder unter anderem aus der Kolonialgesellschaft. Die aus Afrika in die neue Kolonie geholten Sklaven wurden zwangsweise getauft. In der Folge tarnten sie ihre alten Gottheiten als katholische Heilige und behielten so als „christianisierte“ Sklaven ihre afrikanischen Kulte bei. So mischten sich die unterschiedlichsten religiösen Traditionen mit der katholischen, und es entstanden einzigartige, afro-brasilianische Religionen. Zu den bedeutendsten gehört die Candomblé, die besonders im Nordosten von Millionen Brasilianern praktiziert wird. Im Süden hingegen ist die Hauptreligion Umbanda, die Elemente der Religionen Europas, Afrikas und einheimischer Naturvölker vereint.

In der Candomblé geht es darum, einen Austausch zwischen den Menschen und ihren Göttern, den Orixás, herzustellen, die von einem Menschen Besitz ergreifen können. Die besessene Person tanzt dann wie der Orixá, die alle eine andere Tanzform haben. Jeder Orixá hat einen ihm zugewiesenen Tag, ein ihm zugewiesenes Sternzeichen, Speisen, Getränke und vieles mehr. Diese „afro-brasilianischen Religionen“, wie sie genannt werden, spiegeln die Verwurzelung der brasilianischen Kultur in der afrikanischen Sklaverei wider. Sie drücken den Widerstand der Afro-Brasilianer, den Rassismus der Weißen aus, sind aber auch von Vereinigung und Versöhnung und der Präsenz von Afrika in Amerika geprägt.

Ein weiteres Phänomen, das sich in Brasilien vermehrt ausbreitet, sind die sogenannten Pfingstkirchen, die mit der katholischen Kirche konkurrieren und als eine der am schnellsten wachsenden Religionsrichtungen der Welt gelten. Besonders in Lateinamerika und in Afrika sind sie auf dem Vormarsch. Ihre Anhängerschaft wird von Experten bereits auf eine halbe Milliarde Menschen weltweit geschätzt. Damit würden sie sogar die protestantischen Kirchen übertreffen. Die Pfingstkirchen gehören ebenfalls zum Christentum. Ihre Betonung liegt auf der Wirkung des Heiligen Geistes. Sie verheißen ihren Anhängern seelische Heilung und materielle Belohnung im Jenseits, vorausgesetzt, sie spenden fleißig. So sind die Priester und Prediger oft sehr geschäftstüchtig. Der Großteil der Anhänger sind die Armen der Entwicklungs- und Schwellenländer, aber auch junge Leute aus der Mittelschicht fühlen sich angesprochen. Die Gestaltung des täglichen Lebens leiten die Mitglieder der Pfingstkirchen von der Bibel ab. Sie lehnen Homosexualität, außerehelichen Geschlechtsverkehr, Abtreibung und Alkoholkonsum ab und machen Front gegen Verhütungsmittel. Viele von ihnen lehnen die Evolutionstheorie ab. Die Pfingstkirchen sind sehr gut organisiert, sie leisten politische Lobbyarbeit, unterhalten Kindergärten, Seniorenwohnheime und andere soziale Einrichtungen. Überdies unterstützen sie sich untereinander. In Brasilien gibt es die größte Mitgliederzahl der Pfingstkirchen (mehr als 24 Millionen), gefolgt von den USA mit rund 6 Millionen sowie Nigeria mit etwa 3,9 Millionen.