Religion und globale Konflikte

Die Rolle des Glaubens in der internationalen Politik

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Von P. John Flynn, LC

ROM, 30. August 2011 (ZENIT.org). - Zum zehnten Jahrestag der Anschläge am 11. September bleibt die Debatte über die Rolle der Religion bei Konflikten und in der Politik weiterhin bestehen.

Einen wertvollen Beitrag zu dieser Debatte leistet das kürzlich erschienene Buch „Religion, Identity, and Global Governance: Ideas, Evidence, and Practice“ (Religion, Identität und globale Regierung: Ideen, Fakten, und Praxis) (Presseverlag der Universität von Toronto). Herausgegeben von Patrick James von der University of Southern California greift dieses Buch viele Ergebnisse einer Konferenz vom Oktober 2007 auf.

John F. Stack, Professor an der Florida International University, analysiert in einem der Kapitel die Herausforderung hinsichtlich der Theorie der internationalen Beziehungen. Dabei stellt er fest, dass bereits vor den Ereignissen des letzten Jahrzehnts Klarheit darüber geherrscht habe, dass Religion, weit davon entfernt, verschwunden zu sein, weiterhin eine leistungsfähige, globale Kraft darstellt.

Innerhalb der Vereinigten Staaten zum Beispiel hätten evangelische und evangelikale Einflüsse eine wichtige Rolle in der Innenpolitik gespielt. Die Religion habe den Ländern der ehemaligen Sowjetunion zum Sturz des Kommunismus verholfen, und der Einfluss des Islam sei in Afrika, Asien und Europa sehr bedeutsam geworden.

Stack stellt jedoch fest, dass die Theorie über die internationalen Beziehungen die Rolle der Religion ignoriert habe. In vielen Fällen hätten einflussreiche Denker der Sozialwissenschaften während des 20. Jahrhunderts die Theorie aufgestellt, dass Religion nicht nur irrelevant sei, sondern sogar allmählich verschwinden werde.

Das Überleben der Religion und ihr offensichtlicher Einfluss auf die Politik hätten nachträglich zu einem Perspektivenwechsel geführt. Religion sei wichtig, erklärt Stack und sei eine grundlegende Dimension des menschlichen Lebens, die Einfluss auf Kultur, Traditionen und Weltanschauungen nehme.

„Religiöse Überzeugungen können für die Experten der westlichen Gesellschaftsordnung, die das Verhalten von Individuen, Gruppen, sozialen Bewegungen oder Staaten studieren, nicht befriedigend sein, jedoch schwingen sie tief in den grundlegendsten Werten und Entscheidungen mit“, so Stack.

Damit gab er zu, dass es manchmal schwierig ist, die spezifische Rolle der Religion zu beurteilen und zu unterscheiden, ob Religion eine bloße Tarnung darstelle für andere Faktoren wie ethnische, kulturelle oder Gruppeninteressen.

Laizistische und "tollwütige" Reaktionen

In den letzten zehn Jahren habe es eine wahre Explosion von Studien über Religion und internationale Angelegenheiten gegeben, schreibt Ron E. Hassner in seinem Kapitel. Hassner, Assistenzprofessor an der University of California in Berkeley, betont, dass seit dem 11. September mehr Bücher über den Islam und den Krieg veröffentlicht worden seien als seit der Erfindung des Buchdrucks bis zum besagten Datum.

Er bedauert, was er einen „tollwütigen säkularen Gegenschlag“ nennt, der eine große Zahl von Büchern charakterisiere.

„Religion als eine gefährliche Form von Demenz einer Gruppe zurückzuweisen, ist nicht nur irrational, sondern auch sinnlos, weil man Religion nicht ablehnen und gleichzeitig erhoffen kann, sie zu verstehen.“

Hassner beklagt, dass Autoren wie Richard Dawkins, Sam Harris und Christopher Hitchins, eine eklatante Doppelmoral aufwiesen. Jedes Mal, wenn Religion sich mit Krieg verbinde, behaupteten diese Autoren, es gebe dafür einen kausalen Zusammenhang. Gleichzeitig wiesen sie jedoch jede Verbindung mit Religion als falsch zurück, wenn es um Förderung der Moral, Kultur oder Wissenschaft ginge.

In ihrem Beitrag schlägt Cecilia Lynch, Professorin an der University of California, eine Haltung des Studiums der Religion vor, die sich deutlich von der Haltung Dawkins und anderer unterscheidet. Sie weist darauf hin, dass es wichtig sei, die Praxis der Religion und nicht nur ihre Lehre zu betrachten.

Es gelte zu verstehen, dass Religion, auch wenn sie ethische Richtlinien gebe, immer Raum für Interpretationen offenhalte. Die Lehren und religiösen Traditionen, so Lynch, könnten bei der Vorschrift von Verhaltensweisen nicht alle Möglichkeiten abdecken.

Glaube und religiöse Praktiken müssten als besonders durch zeitgenössische gesellschaftliche und wirtschaftliche Faktoren geprägte historische Gegebenheiten und Traditionen betrachtet werden.

Einer der Aspekte von Religion, auf die Lynch sich konzentriert, ist das Engagement für humanitäre Aktionen. Aufgrund einiger Konflikte in den letzten Jahrzehnten, die sowohl Christen als auch Muslime betrafen, hätten deren jeweilige humanitäre Organisationen begonnen, zusammenzuarbeiten.

Hinzu komme, dass Laienorganisationen durch die Arbeit in mehrheitlich muslimischen Gesellschaften sich dieser Situationhätten anpassen müssen. Seit den Ereignissen des Jahres 2001 würden jedoch einige Länder islamische Hilfsorganisationen mit Argwohn betrachten.

Gerechter Krieg

James L. Heft, ein Marianisten-Priester und Professor an der University of Southern California, analysiert die Lehre vom gerechten Krieg und wie er von Johannes Paul II. interpretiert wurde.

Laut Heft habe Johannes Paul II. ein Verständnis über die Lehren des gerechten Krieges entwickelt, das die Rechtfertigung eines Krieges erschwere und in einen ethischen Rahmen gestellt habe, der Nachdruck auf gewaltfreie Mittel der Konfliktlösung gelegt habe.

Dieser Trend habe jedoch schon lange vor Johannes Paul II. begonnen, erklärt Heft. Nach dem Verlust des Kirchenstaates und der weltlichen Macht von Seiten der katholischen Kirche sei diese frei geworden, die Rechte anderer zu verteidigen und sich mit größerer Intensität dem Krieg zu widersetzen. Diese Entwicklung trete besonders in der Enzyklika „Pacem in Terris“ von Johannes XXIII. aus dem Jahre 1963 deutlich hervor.

Am 4. Oktober 1965 habe Papst Paul VI. vor den Vereinten Nationen ausgerufen: „Nie wieder Krieg, nie wieder Krieg!“

Heft beschreibt, wie Johannes Paul II. in seinen Enzykliken und Reden die Menschenrechte verteidigt und sich wiederholt dem Krieg entgegengestellt habe. Er habe die Anwendung von Gewalt nicht völlig ausgeschlossen, aber in begrenzter und vorsichtig eingesetzter Form .

Die Ereignisse von 1989, die zur Befreiung der osteuropäischen Staaten ohne Krieg führten, hätten den Papst in seiner Überzeugungen von der Macht der gewaltfreien Methoden bestätigt, so Heft. Dies habe der Papst zwei Jahre später in seiner Enzyklika „Centesimus Annus“ erwähnt. In den späteren Jahren habe Johannes Paul II. sich entschieden gegen die Invasion des Irak ausgesprochen.

Heft weist jedoch darauf hin, dass Johannes Paul II. mit Vorsicht den Sturz der Talibanregierung in Afghanistan unterstützt habe. In seiner Botschaft zum Weltfriedenstag 2002 habe er betont, dass der Mensch das Recht habe, sich gegen den Terrorismus zu verteidigen. In diesem Zusammenhang habe er auch die humanitäre Intervention im ehemaligen Jugoslawien verteidigt.

Im Allgemeinen habe Johannes Paul II. im Bewusstsein der Folgen eines Krieges die Anwendung von Gewalt abgelehnt, es sei jedoch falsch, ihn als Pazifist darzustellen, schließt Heft.

Religion und Konfliktlösung  

Zum Thema Frieden spricht Robert B. Lloyd die Frage der religiösen Ansätze zur Konfliktlösung an. Lloyd, Assistent an der Pepperdine Universität, verweist auf die ehemalige US-Außenministerin, Madeleine Albright, die erklärt hatte, dass eine Diplomatie, die auf Religion basiere, ein nützliches Werkzeug der Außenpolitik sei.

Lloyd konzentriert seine Aufmerksamkeit auf das Christentum. Der Welt fehle es nicht an Vermittlern, stellt er fest; christliche Vermittler unterschieden sich jedoch aufgrund ihrer Ausbildung in einer konkreten religiösen Gemeinschaft von anderen.

Lloyd spricht von der langen Geschichte der Vermittlung durch die katholische Kirche. Der Vertrag von Tordesillas von 1494 unter der Schirmherrschaft von Papst Alexander VI., habe den Konflikt zwischen Spanien und Portugal angesichts der Kontrolle der neu entdeckten Länder in Asien, Afrika und Amerika beendet.

Vor kurzer Zeit, im Jahr 1984, sei ein Vertrag zwischen Chile und Argentinien unterzeichnet worden, um einen Streit über die Beagle-Kanal Inseln zu beenden. Die Vermittlung der Kirche habe dazu beigetragen, einen Konflikt zu lösen, der beide Länder an den Rand des Krieges geführt habe.

Lloyd verweist auch auf die Gemeinschaft San Egidio in Rom, die zur Beendigung des 15-jährigen Kriegs in Mosambik eine Schlüsselrolle in der Vermittlung gespielt habe.

Gibt es etwas, was die christliche Vermittlung unterscheidet?

Lloyd stellt einige Unterschiede heraus. Christen legten Nachdruck auf Versöhnung oder auf den Aufbau von neuen Beziehungen, wo es keine gebe, erläutert er.

Ein weiteres Problem sei das gerechte Resultat. Die wichtige Frage nach der Gerechtigkeit in der Heiligen Schrift bewirke bei Christen im Vergleich zu anderen Mediatoren eine zusätzliche Motivation.

Ein drittes Merkmal besteht nach Lloyd in der Vorliebe für Verhandlungen und vor allem für den Aufbau von Kommunikationswegen zwischen den Parteien.

Genauso wie ihre weltlichen Kollegen würden auch christliche Vermittler nicht immer einen Erfolg erzielen. Lloyd weist jedoch ausdrücklich darauf hin, diese Studie zeige auf, dass eine starke religiöse Identität nicht nur eine Quelle für Konflikte, sondern auch ein Mittel zum Frieden und zur Versöhnung darstelle.

[ZENIT-Übersetzung aus dem Englischen]