Religionsfreiheit, Fundament aller Menschenrechte: Weltweite Untersuchung von „Kirche in Not“

Zeugnisse über die Verfolgung der Christen in Indien, Pakistan und im Irak

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BERLIN, 24. Oktober 2008 (ZENIT.org).- „Religionsfreiheit weltweit – Bericht 2008“: Das ist der Titel eines neuen Kompendiums, das gestern, Donnerstag, in Berlin und anderen europäischen Hauptstädten vorgestellt wurde. Das 600 Seiten umfassende Werk ist der Initiative des Gesamtwerks von Kirche in Not zu verdanken und soll in Zukunft alle zwei Jahre erscheinen. Das von Pater Werenfried van Straaten gegründete pastorale Hilfswerk päpstlichen Rechts ist heute in 17 Ländern vertreten. Tätig ist es in fast 140 Nationen.



In dem neuen Bericht wird nicht nur auf die Situation von Katholiken oder Christen eingegangen, sondern auf die Situation von Gläubigen verschiedenster Religionen.

Religionsfreiheit, Fundament aller Menschenrechte
„Religionsfreiheit ist ein grundlegendes Menschenrecht“, erläuterte Berthold Pelster, Mitglied des Redaktionsteams, im Gespräch mit ZENIT. „Papst Johannes Paul II. hat in unterschiedlichen Ansprachen wiederholt darauf hingewiesen, dass Religionsfreiheit sozusagen der ‚Eckstein’, das Fundament aller Menschenrechte ist, denn Religion betrifft ja nun eine Dimension des menschlichen Lebens, die über das Empirische hinausreicht – da kommt die Dimension der Transzendenz mit hinein.“

Der gläubige Mensch wisse, dass es sich um eine „ungeheure wichtige Dimension“ handle. „Und wenn in diesem sehr entscheidend wichtigen Teil des menschlichen Lebens irgendwelche Mächte oder Organisationen eingreifen, der Staat zum Beispiel oder irgendwelche Gruppierungen, politische Parteien oder was auch immer, um hier das Menschenrecht der Religionsfreiheit zu beschneiden, dann wird damit ein sehr sensibler Bereich getroffen, und das betrifft alle Religionen. Das betrifft Christen, Muslime, Juden, Buddhisten usw. gleichermaßen. Die religiöse Dimension des Lebens darf nicht angetastet werden, da muss Freiheit gewährt werden.“

Die Erkenntnisse aus den vielfältigen Kontakten, die „Kirche in Not“ mit Bischöfen, Priestern und Ordensleuten weltweit unterhält, sind in den neuen Bericht eingeflossen. Darüber hinaus wurden Experten hinzugezogen, die auch selbst Beiträge verfasst haben. Besonders dramatisch ist die Situation gegenwärtig in Indien und Pakistan sowie im Irak.

„So etwas ist noch nie dagewesen“: Christenverfolgung in Indien

In Indien seien die Verfolgungen der Christen durch fundamentalistische Hindus im Bundesstaat Orissa und den Nachbarstaaten wie in ähnlichen Fällen anderswo politisch motiviert, bekräftigte der Erzbischof von Bhopal, Leo Cornelio. Auf Einladung von „Kirche in Not“ war er zur Vorstellung des neuen Berichts aus dem von Gewalt gegen Christen heimgesuchten indischen Bundesstaat Madhya Pradesh nach Berlin gereist.

„Die Kirche erlebt eine sehr schwierige Zeit“, betonte er gegenüber ZENIT. So etwas wie jetzt sei noch nie dagewesen. Die Regierung versuche zwar, ihr Möglichstes zu tun, aber die Verfolgungen gingen weiter – nicht zuletzt deshalb, weil die Beamten die Hindus, also die Angehörigen der Mehrheitsreligion, nicht verärgern wollten. Allerdings hob der Erzbischof in diesem Zusammenhang hervor, dass der Großteil der Hindus keinerlei Ressentiments gegenüber Christen hätten; das sei nur Sache einiger weniger.

Die Christen, die nur 2,3 Prozent der indischen Gesamtbevölkerung ausmachen, kämpften nicht gegen ihre Verfolger, sondern setzten sich nur für Einheit, Frieden, Brüderlichkeit, Gleichheit und die Wahrung der Menschenrechte ein, so Erzbischof Cornelio. Damit ihre Lage besser werde, müsse die internationale Gemeinschaft ihren Druck auf die Landespolitiker verstärken und die Einhaltung der Menschenrechte einfordern.

Erzbischof Saldanha verurteilt Zwangsbekehrungen in Pakistan
In Pakistan sind es muslimische Extremisten, die das Leben der christlichen Minderheit, aber auch das Leben der meisten Muslimen gefährden. Viele Christen gäben ihrem Druck nach und konvertierten zum Islam, berichtete der Erzbischof von Lahore, Lawrence Saldanha, der zugleich Vorsitzender der Pakistanischen Bischofskonferenz ist, im ZENIT-Interview.

„Sie wollen ihre Vorstellungen über den Islam durchsetzen, eine sehr enge Sicht“, erklärte der Erzbischof. „Ihr Wunsch ist es, dass die islamischen Gesetze überall Gültigkeit erlangen“ – was heißen würde, dass Frauen einen Schleier und Männer einen Bart tragen müssten. Außerdem wäre es – würden sich diese Gruppen tatsächlich durchsetzen – generell verboten, Musik zu hören, fernzusehen oder ins Kino zu gehen.

„Die Menschen kommen jetzt öfter zur Messe“, fuhr Erzbischof Saldanha fort. „Sie beten intensiver, und sie engagieren sich mehr.“ Die jetzige Situation, die unter anderem auch von Terroranschlägen gekennzeichnet sei, führe die Christen zusammen und verbinde sie. „Und sie beten und hoffen, dass die Dinge besser werden.“

Vertreibung der Christen aus Mossul (Nordirak)
In der nordirakischen Stadt Mossul läuft nach Angaben des UN-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR und anderer Beobachter eine Vertreibungswelle gegen irakische Christen. Sie suchen in umliegenden Dörfern und Städten bei Freunden, Verwandten oder in Pfarrgebäuden Zuflucht. Die Fluchtbewegung hat auch schon Syrien erreicht. UNHCR verteilt deshalb seit Anfang der Vorwoche Decken, Schlafmatten und kleine Öfchen gegen die Kälte. Rund 9.000 Männern, Frauen und Kindern sei bisher auf diesem Weg Hilfe gebracht worden. Großer Bedarf herrscht allerdings noch an Lebensmitteln, Trinkwasser, Kleidung und medizinischer Hilfe.

Insgesamt haben nach offiziellen Angaben bis Mitte dieser Woche bereits 2.500 der rund 3.000 christlichen Familien von Mossul die Stadt fluchtartig verlassen – das sind rund 15.000 Männer, Frauen und Kinder oder über 80 Prozent der dort ansässigen Christen.

„Viele Christen aus Mossul sind systematisch vertrieben worden“, erklärte UNHCR-Sprecher Roland Schönbauer. „Sie sind nicht mehr sicher dort. UNHCR ist bereit, Mossul-Flüchtlinge in den Nachbarländern zu unterstützen. Wir sind Syrien dankbar, dass es weiter Flüchtlinge aufnimmt.“

Berichte von Morden an Christen, dazu Morddrohungen, Entführungen und einschüchternde SMS haben die Vertreibungswelle ausgelöst, die Christen in Angst und Schrecken versetzt.

Ein Mossul-Flüchtling namens Nina, eine Krankenschwestern, die sich derzeit in Syrien aufhält, berichtete: „Das hat vor Monaten mit Drohanrufen begonnen, dann kamen Briefe und sogar Zettel an unserer Tür.“ Als dann ein Freund vor dessen Sohn erschossen worden sei, habe sie sich zur Flucht durchgerungen. Ihre gebrechliche Mutter habe sie in einem Dorf außerhalb von Mossul zurücklassen müssen. Wie sie sie nun kontaktieren könne, wisse sie nicht.

Ein weiteres Opfer der Vertreibungen schilderte ebenfalls ihre Erfahrungen: „Wir haben gehört, dass elf Christen in Mossul nach Kontrolle ihrer Papiere auf der Stelle umgebracht wurden.“ Die Mörder ihrer Freunde seien als Polizisten verkleidet gewesen.

Das Blut der Märtyrer
„Kirche in Not“, das im vergangenen Jahr knapp 80 Millionen Euro für die katholische Seelsorge in 136 Ländern bereitstellte, brachte das umfassende Kompendium „Religionsfreiheit weltweit - Bericht 2008“ in sechs Sprachen heraus. Es kostet 15 Euro und dokumentiert für jedes einzelne Land den Grad der dort herrschenden religiösen Freiheit sowie Ursachen und Formen der Unterdrückung von Religionsgemeinschaften.

Der deutsche Zweig von „Kirche in Not“ hat unter dem Titel „Christen in großer Bedrängnis“ auch eine 112-seitige Kurzfassung des Kompendiums herausgebracht, die kostenlos beim Hilfswerk angefordert werden kann. Beide Bücher kann man bestellen unter www.kirche-in-not.de/shop,
info@kirche-in-not.de oder telephonisch unter 0 89 / 7 60 70 55.

Der Erzbischof von Mossul, Basile Georges Casmoussa, schreibt im Vorwort zu „Christen in großer Bedrängnis“ über seinen ermordeten Vorgänger Paulos Faraj Rahho und die eigenen Erfahrungen und bekennt: „Uns, die wir betroffen sind, haben Unterdrückung und Verfolgung geholfen, tiefer in unseren Glauben einzudringen und so zu erkennen, was Christus gemeint hat, als er sagte: ‚Nehmt euer Kreuz auf euch und folgt mir nach!’

Durch die Opfer, die wir bringen, wissen wir, wie wahr die uralte Erkenntnis von Tertullian ist: ‚Das Blut der Märtyrer ist der Samen für neue Christen.’ In der Tat, wie wir in meinem Land sagen: ‚Das Blut der Märtyrer ist der Samen für das Leben selbst.’“

Von Dominik Hartig

[Interviews mit Berthold Pelster und Erzbischof Saldanha erscheinen nächste Woche bei ZENIT]