Religionsfreiheit ist das Maß der wahren Laizität

Msgr. Pietro Parolin über Trennung von Staat und Kirche in Italien

Rom, (ZENIT.org) Antonio Gaspari | 310 klicks

„Das Konkordat von 1984 hat die Zusammenarbeit von Staat und Kirche im Dienst am ganzheitlich betrachteten Menschen möglich gemacht.“

So äußerte sich der Staatssekretär des Heiligen Stuhls, Msgr. Pietro Parolin, auf einem Symposium im Senat der Italienischen Republik, dessen Thema „30 Jahre nach dem neuen Konkordat: 1984-2014“ lautete.

„Die Italienische Republik und der Heilige Stuhl bestätigen, dass der Staat und die katholische Kirche, jeder im Bereich seiner Befugnisse, unabhängig und souverän sind, und verpflichten sich, dieses Prinzip in ihren gegenseitigen Beziehungen zu achten und hinsichtlich des Wohls der Menschen und des Landes zusammenzuarbeiten.“ So lautet der erste Artikel des Konkordats von 1984. Ausgehend von diesem Grundsatz, zeigte der vatikanische Staatssekretär die Unterschiede gegenüber den Lateranverträgen von 1929 auf.

„Tatsächlich fehlte im Text von 1929 jeder Hinweis auf eine Zusammenarbeit von Staat und Kirche“, erklärte Msgr. Parolin. Mussolini, der für den italienischen Staat unterzeichnete, habe keinen Hehl daraus gemacht, dass er der Kirche misstraute.

Der Staatssekretär wies darauf hin, dass das Konkordat den Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils viel verdankt, besonders jenem Artikel 76 der pastoralen Konstitution „Gaudium et Spes“ über die Kirche in der Welt von heute, wo unter anderem zu lesen ist: „Die politische Gemeinschaft und die Kirche sind auf je ihrem Gebiet voneinander unabhängig und autonom. Beide aber dienen, wenn auch in verschiedener Begründung, der persönlichen und gesellschaftlichen Berufung der gleichen Menschen. Diesen Dienst können beide zum Wohl aller umso wirksamer leisten, je mehr und besser sie rechtes Zusammenwirken miteinander pflegen; dabei sind jeweils die Umstände von Ort und Zeit zu berücksichtigen.“ Aus dem Zweiten Vatikanischen Konzil sei eine Kirche hervorgegangen, die nicht mehr nur Hierarchie und Institution, sondern auch Volk sei, kommentierte Msgr. Parolin.

Ein Volk Gottes, das, wie der Diognetbrief sagt, „für die Welt dieselbe Funktion erfüllt, wie die Seele für den Leib.“ Msgr. Parolin erklärte, dass das Konkordat von 1984 einen wesentlichen Schritt nach vorne gegenüber früheren Konkordaten darstelle. Insbesondere hebe es sich deutlich von der Tradition der Konkordate der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ab, die aus der Konfrontation zwischen der Kirche und den totalitären Regimen des damaligen Europa entstanden seien.

„Wenn man genau hinsieht“, so der Staatssekretär, „setzt die gegenseitige Verpflichtung zur Zusammenarbeit für das Wohl der Menschen und des Landes eine Anthropologie voraus, wie sie der Soziallehre der Kirche eigen ist, und wie man sie auch in der Verfassung der Italienischen Republik wiederfindet.“

Aus Nr. 26 der pastoralen Konstitution „Gaudium et Spes“ gehe klar hervor, dass „der Mensch aus Sicht der kirchlichen Soziallehre nicht in der Lage ist, seine Erfüllung in sich selbst zu finden; vielmehr muss er sie in seinem Leben mit den anderen und für die anderen suchen. Deshalb sind das Wohl des Einzelnen und die Interessen der Gesellschaft weder miteinander identisch, noch schließen sie sich gegenseitig aus. Beide treffen sich in jenem ‚Gemeinwohl‘, das nicht die Summe der Interessen aller Einzelnen ist, sondern das Wohl aller in dem Sinn, dass alle daran mitwirken müssen, es zu verwirklichen.“

Bezüglich des Rechts auf Religionsfreiheit wies Msgr. Parolin darauf hin, dass „sowohl das italienische Grundgesetz (Artikel 19 der Verfassung) als auch das Zweite Vatikanische Konzil in der Erklärung ‚Dignitatis Humanae‘ dieses Recht anerkennen.“

Msgr. Parolin betonte des Weiteren: „Religionsfreiheit ist ein Recht des Einzelnen und der Glaubensgemeinschaften, aber eine Pflicht für die staatlichen Institutionen. Im Recht auf Religionsfreiheit, das, historisch und logisch betrachtet, der Ursprung aller anderen Rechte ist, wird der tiefere Grund für eine Zusammenarbeit zwischen Staat und Kirche offensichtlich.“

Denn: „Aufgabe des Staates ist es, die juristischen und faktischen Hindernisse zu beseitigen, die die Ausübung der Religionsfreiheit einschränken oder gar verhindern. Daran, wie ernst ein Staat diese Aufgabe nimmt, kann man ermessen, wieweit er wirklich dem Prinzip der Laizität verpflichtet ist. Jeder Staat braucht Grundwerte; ein Ethos, das die Gesellschaft zusammenhält. Solche Werte kann die Kirche vermitteln, genau wie andere Religionsgemeinschaften.“

Abschließend bemerkte der vatikanische Staatssekretär, dass „der bilateral unterzeichnete gemeinsame Einsatz für das Wohl der Menschen und des Landes die Grundregel darstellt, die dem Konkordat Sinn verleiht.“ Das Konkordat von 1984 zwischen katholischer Kirche und italienischem Staat verwirkliche auf geglückte Art und Weise den Gedanken einer „positiven Laizität“, wie sie vom kirchlichen Lehramt in jüngerer Zeit viel befürwortet worden sei.