Religionsfreiheit - wo sie beginnt und wo sie aufhört

Berthold Pelster über das Kompendium „Religionsfreiheit weltweit - Bericht 2008“

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Seine Religion frei wählen und sie gemeinsam mit anderen bekennen und auch weitergeben, all das gehört zum Bereich der Religionsfreiheit, wie Berthold Pelster (46) in diesem ZENIT-Interview über das neue 600-seitige Buch „Religionsfreiheit weltweit - Bericht 2008“ von Kirche in Not erläutert, das letzte Woche in Berlin vorgestellt wurde.



Pelster, der dem Redaktionsteam angehörte, leitet seit Juli 2000 die Außenstelle von „Kirche in Not“ in Münster und ist darüber hinaus noch für die Kontakte des Hilfswerkes in den Diözesen der nördlichen Hälfte Deutschlands zuständig.

Im neuen Kompendium von Länderberichten, das 15,- Euro kostet, wird für jedes einzelne Land der Grad der Freiheit in religiösen Dingen beleuchtet. Formen und Ursachen der Unterdrückung von Religionsgemeinschaften werden anhand zahlreicher Einzelbeispiele dokumentiert. Die wichtigsten Erkenntnisse aus der umfangreichen Studie sind in einer kleineren Ausgabe unter dem Titel „Christen in großer Bedrängnis“ zusammengefasst (112 Seiten), die kostenlos beim Hilfswerk angefordert werden kann. Beide Bücher kann man bestellen unter: www.kirche-in-not.de/shop, info@kirche-in-not.de oder Telefon 0 89 / 7 60 70 55.

ZENIT: Herr Pelster, Sie haben maßgeblich an der Entstehung des neuen 600 Seiten umfassenden Berichts „Religionsfreiheit weltweit“ von „Kirche in Not“ mitgewirkt. So etwas hat es bisher noch nicht gegeben, oder doch? Und was genau war Ihre Aufgabe?

Pelster: Früher hat es ähnliche Berichte und Zusammenstellungen von einzelnen Sektionen von „Kirche in Not“ gegeben, etwa von der italienischen oder der niederländischen, aber diesmal handelt es sich um eine Initiative des Gesamtwerkes mit allen 17 vertretenen Nationen. Außerdem enthält die jetzige Dokumentation Berichte über sämtliche Länder der Erde, während frühere Veröffentlichungen sich auf eine Auswahl von Ländern konzentrierten.

Ich selber war Teil des international besetzten Redaktionsteams, und wir haben auch mit externen Experten zusammengearbeitet. Wir haben unsere eigenen Erkenntnisse, die wir aus den vielfältigen Kontakten mit den Bischöfen, Priestern und Ordensleuten in den verschiedenen Ländern haben, mit den Erkenntnissen von anderen Experten zusammengeführt und so einen guten Überblick über die Lage der Religionsfreiheit bekommen. Aus diesem Prozess sind dann die Länderberichte entstanden.

ZENIT: In Ihrem Bericht wird, wie mir scheint, nicht nur die Situation der Christen beleuchtet, sondern auch die Situation der Gläubigen der anderen Religionen. Ist das richtig?

Pelster: Ja, wir haben das Augenmerk auf die Religionsfreiheit allgemein gelegt, als ein grundlegendes Menschenrecht. Papst Johannes Paul II. hat in unterschiedlichen Ansprachen wiederholt darauf hingewiesen, dass die Religionsfreiheit sozusagen der ‚Eckstein’, das Fundament aller Menschenrechte ist, denn Religion betrifft eine Dimension des menschlichen Lebens, die über das rein Irdische hinausreicht – da kommt die Dimension der Transzendenz mit hinein.

Das ist – zumindest in den Augen gläubiger Menschen –ein ganz sensibler und entscheidend wichtiger Teil des menschlichen Lebens, und wenn hier irgendwelche Mächte oder Organisationen eingreifen, der Staat zum Beispiel oder irgendwelche Gruppierungen, politische Parteien, Ideologien oder militante Gruppen, und das Menschenrecht der Religionsfreiheit beschneiden oder unterdrücken, dann wird damit eben ein sehr, sehr sensibler Bereich getroffen, und das betrifft alle Religionen. Das betrifft Christen, Juden, Muslime, Buddhisten usw. gleichermaßen. Die religiöse Dimension des Lebens darf nicht angetastet werden, da muss Freiheit gewährt werden.

ZENIT: Religionsfreiheit bedeutet also, die transzendente Dimension des Menschen zu berücksichtigen und zu fördern…

Pelster: Zunächst geht es einmal darum, dass man die Freiheit hat, sich für eine Religion frei zu entscheiden, ohne äußeren Zwang. Man kann auch im Sinn der so genannten „negativen Religionsfreiheit“ sagen, dass der Glaube nicht aufgezwungen werden darf.

Nach unserem Gottesbild, dem christlichen, macht Gott das Angebot, eine Beziehung zu ihm aufzubauen, aber er zwingt den Menschen nicht dazu. Es geht um eine personale, freundschaftliche Beziehung, im Tiefsten um eine Liebesbeziehung zwischen Mensch und Gott, die sich genauso wenig erzwingen lässt wie die Liebe zwischen Mann und Frau. Gott selbst übt hier keinen Zwang aus; aber auch der Mensch darf in religiösen Dingen keinen Zwang ausüben. Diese Freiheit in religiösen Dingen ist ein elementares Grundrecht eines jeden Menschen, eben ein unveräußerliches Menschenrecht, das von der staatlichen Rechtsordnung geschützt werden muss. Das heißt, dass der Staat keine bestimmte Religion vorschreiben darf, und auf der anderen Seite darf er auch nicht sagen: „Religion gibt es in unserem Staat nicht“, wie es in kommunistischen Ländern der Fall war. In der Volksrepublik China beispielsweise wird Religion bis heute stark reglementiert, kontrolliert und gesteuert.

Grundsätzlich muss also die Möglichkeit gegeben sein, sich frei für eine Religion zu entscheiden, und dazu zählt dann auch das Praktizieren dieser Religion, das Sich-Zusammenschließen mit anderen Menschen, um den Glauben gemeinsam zu bekennen und zu feiern, und ihn auch weiterzugeben an die nächste Generation und an andere Menschen. All das gehört zum Bereich der Religionsfreiheit.

ZENIT: Sie haben sich sicher einen Überblick über dieses große Thema verschaffen können. Wir Europäer haben von der kritischen Lage etwa in Indien, Pakistan und im Irak gehört. Aber wie ist es denn bei uns um die Religionsfreiheit bestellt?

Pelster: Ich denke, in Deutschland haben wir eine große Freiheit in religiösen Dingen. Wir haben auch ein gutes Verhältnis gefunden im Miteinander der verschiedenen christlichen Konfessionen, der katholischen Kirche und der evangelischen Kirche, mit denen Staatsverträge geschlossen wurden, so dass eine gute und angemessene Freiheit der christlichen Kirche gewährleistet ist.

Die muslimische Religionsgemeinschaft ist bei uns hier in Deutschland noch auf dem Weg, ähnliche Regelungen zu erlangen. Ich nenne hier einmal den Religionsunterricht an den Schulen und die Frage des Kopftuchs etwa im öffentlichen Dienst, die immer wieder aufkommt. Da muss sicherlich noch einiges geregelt werden. Auch beim Bau neuer Moscheen sind wir noch auf der Suche nach angemessenen Lösungen.

Ausgehend vom Religionsfrieden nach dem 30jährigen Krieg hat sich in Deutschland ein vorbildliches Miteinander von Staat und Religionen herausgebildet, das auch für andere Länder Vorbildcharakter haben könnte.

Wer unsere Dokumentation über Religionsfreiheit weltweit liest, der erhält einen sehr guten Überblick über all die verschiedenen Fragestellungen, die damit zusammenhängen. Dadurch, dass sämtliche Länder und alle großen Religionen beleuchtet werden, gewinnt man einen guten Eindruck, welche Probleme es überhaupt geben kann: Wie schaut das Miteinander der Menschen unterschiedlichen Glaubens aus? Wie gestaltet sich das Miteinander von Staat und Religionsgemeinschaften? Wie sieht es mit der Gleichbehandlung bzw. Diskriminierung von Angehörigen einer bestimmten Religion im Erziehungswesen, im Berufsleben oder im Ehe- und Familienrecht aus?

Anhand der vielen Beispiele, die im neuen Bericht dokumentiert sind, sieht man sehr schön, welche Probleme es überhaupt geben kann. Und zum Teil kommen auch Lösungen zum Vorschein, auch wenn wir uns vorrangig darauf konzentriert haben, Probleme anzusprechen.

ZENIT: Was ist für Sie persönlich das erschütterndste Beispiel gewesen, mit dem Sie im Rahmen Ihrer Arbeit zu tun gehabt haben?


Pelster: Dramatisch ist es, dass in manchen Regionen der Erde eine wirklich sehr große Intoleranz gegenüber anderen Kulturen, anderen Religionen und Minderheiten herrscht. Wir sehen das zum Beispiel in Indien: Bestimmte Strömungen im Hinduismus meinen, dass das gesamte Land hinduistisch sein und somit jeder nur dieser einen Religion anhängen sollte, und dass für andere kein Platz sei in diesem Land.

Es werden Wohnhäuser der Christen in Brand gesteckt, Kirchen niedergebrannt und Menschen vertrieben und sogar getötet. Momentan gibt es 50.000 Flüchtlinge in Indien, im Bundesstaat Orissa, die vertrieben worden sind, die man in ihren Siedlungen nicht mehr dulden wollte, nur weil sie Christen sind.

Im Irak ist die Lage einfach nur katastrophal. Die Attacken haben jetzt auch auf den Norden des Landes übergegriffen, der bislang als relativ sicheres Zufluchtsgebiet der Christen galt, wo jetzt aber in den letzten Wochen mehrere Menschen brutal getötet worden sind. Und auch dort sind Tausende von Menschen auf der Flucht. Sie müssen ihre Heimat verlassen, um ihr Leben zu retten.

Das finde ich so bestürzend, dass diese Intoleranz in manchen Gegenden doch sehr krasse Ausmaße annimmt.

ZENIT: Wie sieht es generell im islamischen Raum aus? Gibt es dort Anzeichen für eine Verbesserung der Situation?

Pelster: Vereinzelt ja. Zunächst einmal ist es aber sehr traurig mitanzusehen, dass dort eine große Auswanderungswelle im Gange ist. Allein im Irak sind die Christen, die vor etwa 30 Jahren noch rund 1,4 Millionen zählten, auf weniger als 400.000 zusammengeschrumpft. Zwei Drittel der irakischen Christen haben also das Land verlassen oder haben es verlassen müssen, weil sie verjagt worden sind, mit grausamsten, absolut barbarischen Methoden. In anderen islamischen Ländern ist es nicht so dramatisch, aber doch ähnlich. Auswanderungswellen gibt es auch woanders, zum Beispiel im Heiligen Land.

Natürlich gibt es auch da und dort Initiativen von muslimischer Seite, auf die Christen zuzugehen. Denken wir daran, dass der König von Saudi-Arabien vor nicht allzu langer Zeit den Papst besuchte, dass muslimische Gelehrte einen Brief an alle christlichen Kirchen geschrieben haben, in dem sie vorschlugen, in einen Dialog einzutreten usw.

Es gibt also auch solche Initiativen, und es sind ja immer nur kleine Minderheiten von fanatischen Muslimen, die in diesen Ländern mit blutiger Gewalt den Druck auf die Christen erzeugen.

Im Irak ist es sehr schön zu sehen, wie Muslime nach einem Anschlag auf eine christliche Kirche aus der Nachbarschaft herbeikommen und helfen, die Kirche zu reparieren, oder wie sie mit dem Bischof Kontakt aufnehmen, um ihr Mitgefühl zum Ausdruck zu bringen. Die muslimische Welt hat selbst ein großes Problem, mit diesen radikalen, fanatischen Minderheiten zurechtzukommen.

Auf der anderen Seite darf man aber auch nicht verkennen, dass viele der Probleme von Christen, gerade die Benachteiligung im gesellschaftlichen Bereich, in Ausbildung und Beruf, und die teilweise gravierenden Beschränkungen in den religiösen Entfaltungsmöglichkeiten, etwa beim Bau von Kirchen und kirchlichen Einrichtungen, „systembedingt“ sind. Damit meine ich, dass sie ihre Wurzel in der islamischen Lehre selbst haben, die volle Bürgerrechte nur den Muslimen zugesteht, den Christen und Juden dagegen nur eingeschränkte Rechte, weshalb man oft von „Bürgern zweiter Klasse“ spricht.

[Das Interview führte Dominik Hartig]