Religiöser Terrorismus – ein Phänomen der „Kultur des Todes“?

Interdisziplinäres Symposion im Stift Heiligenkreuz

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WIEN, 17. März 2009 (ZENIT.org).- „Terrorismus - eine apokalyptische Bedrohung?" war der ungewöhnliche Titel einer Konferenz, die am 12. und 13. März im Stift Heiligenkreuz stattfand. Der internationale Terror und der Umgang mit ihm wurden unter politik- und religionswissenschaftlichen Gesichtspunkten diskutiert. Herbert Pribyl, Vorstand des Instituts für Ethik und Moraltheologie der Päpstlichen Hochschule Benedikt XVI., hatte die Referenten eingeladen. Es war der erklärte Wille des Instituts, ein Symposion zu veranstalten, das nicht rein theologischen Inhalts ist.

Einig waren sich die Referenten darin, dass zwar Terrorismus keines neues Phänomen sei, wohl aber internationale Terrornetzwerke wie Al-Kaida, die ihre Taten religiös begründeten. „Seit den 80er-Jahren wandelte sich der Terrorismus zu einem globalen Phänomen", meinte etwa Manfred Spieker, Sozialwissenschaftler und Professor für Christliche Sozialwissenschaften an der Universität Osnabrück. Davor sei Terror ein über Jahrzehnte hinweg „regional begrenztes Phänomen" gewesen, das „soziale, ethnische oder nationale Ziele" verfolgt habe. Im gegenwärtigen „globalen Terrorismus dominiert ein religiöses Motiv, das die Welt in Licht und Finsternis, in Freund und Feind einteilt".

Ebenso ortete auch Peter Mayer, Professor für Internationale Beziehungen an der Uni Bremen, eine mehrfache „Entgrenzung" durch transnationalen Terror. So werde etwa „die Grenze zwischen Vertretern des Staates und der einfachen Bevölkerung" aufgehoben: „Alle Ungläubigen sind Ziele." Im Unterschied zu nationalen Terrorgruppen vertrete der islamistische Terror den Anspruch, „im Interesse einer weltweiten Glaubensgemeinschaft zu handeln". Der Politikwissenschafter Peter Pelinka von der Central European University in Budapest konstatierte: „Feindbild des Terrors ist nicht immer ein bestimmter Staat, sondern die ‚westliche Zivilisation'."

Werde damit die Religion zur Gefahr für den Weltfrieden? „Den monotheistischen Religionen wird höhere Bereitschaft zur Gewalt nachgesagt als anderen Religionen", meinte Jakob Mitterhöfer SVD, Hochschulprofessor für Dogmatik und Dozent für Missiologie an der Theologischen Hochschule St. Gabriel. Der Islamwissenschaftler Jörn Thielmann vom Kompetenzzentrum Orient-Okzident Mainz sieht im gegenwärtigen islamistischen Terrorismus auch eine Bedrohung für den Islam, da die Autorität islamischer Gelehrter durch islamistische Lesarten des Korans in Frage gestellt werde. Ein Problem sei hierbei freilich, dass es im Islam - im Unterschied zum Christentum - keine offizielle Institution wie die Kirche gebe. Manfred Spieker sieht die islamische Welt freilich heute gefordert: „Man wird sich damit beschäftigen müssen. Die drei großen islamischen Menschenrechtserklärungen sind wertlos, weil sie alle der Scharia untergeordnet werden".

Um sich vor Fanatismus zu schützen, müssten sich alle Religionen auf die Vernunft stützen, betonte Mitterhöfer. „Der Terrorismus trotzt mit Hybris allen Kategorien der philosophischen Vernunft", erklärte auch dazu Pater Denis Borel von der Johannesgemeinschaft, der an der ordenseigenen Hochschule, an der Hochschule Benedikt XVI. und am Internationalen Theologischen Institut für Studien zu Ehe und Familie in Gaming Philosophie lehrt. Borel verglich den Terrorismus mit dem Totentanz, der im 15. Jahrhundert angesichts der rasanten Ausbreitung der Pest die Gewalt des Todes über den Menschen unter dem Bild des Tanzes festhielt. „Der Terrorismus spielt mit dem Tod wie damals der Totentanz."

Besonders Borel und Spieker wiesen mit Entschiedenheit die religiösen Rechtfertigungen jetziger Terroristen von einem christlichen Standpunkt aus zurück. Für Manfred Spieker ist der Terror eine „religiös motivierte Kultur des Todes". Ein „diabolischer Irrtum" sei der Glaube, Selbstmord, der auch andere in den Tod reiße, wäre das „Tor zum Himmel und ein Segen für die Ummah". Ein solcher Terrorist sei „Repräsentant des Bösen". Der wahre Märtyrer suche nicht den Tod, sondern halte auch unter Todesdrohung an seinen Glaubensüberzeugungen fest. Borel erklärte: „Was der christliche Glaube religionsphilosophisch gesehen als Stellvertretung Christi annimmt, wird in Zusammenhang mit dem Terrorismus als Lüge abgetan und durch eine listige Rhetorik der Selbsterlösung im Namen Gottes ersetzt, so dass Gott zum utilitaristischen Nutzungsgegenstand degradiert wird: Gott steigt aus seiner Erstursächlichkeit herab und wird von der Vergöttlichung eines über die Welt herrschenden Menschen vertrieben."  

Doch wie sollte mit diesem Phänomen angemessen umgegangen werden? Die „Kriegserklärung gegen den Terror" des früheren US-Präsidenten George W. Bush wurde von mehreren Vortragenden kritisiert. „Damit hat Bush Al-Kaida aufgewertet", bemerkte etwa Peter Pelinka. Wer den Begriff des Krieges auf ein Terror-Netzwerk anwende, „hebt dieses in eine Liga, zu der ansonsten nur staatliche Akteure gehören". Und für Peter Mayer erfüllen Präventivkriege gegen „Schurkenstaaten" wie den Irak nicht die Bedingungen eines „gerechten Kriegs", der unter anderem eine „hinreichende Bedrohung" voraussetze. Von Seiten der US-Regierung sei der Krieg gegen den Terror mit der Neuartigkeit der Bedrohung gerechtfertigt worden, der man „proaktiv entgegenwirken" müsse. Dazu Mayer: „Präventivkriege sind mit der Lehre vom gerechten Krieg grundsätzlich nicht vereinbar." Dabei deutete Mayer an, dass die Angegriffenen - sprich: die Terroristen - ihre Taten unter solchen Voraussetzungen ebenfalls rechtfertigen könnten, denn „mit welchen Argumenten sollten man dem Objekt der antizipativen Selbstverteidigung das moralische Recht absprechen, sich seinerseits zu verteidigen?" Seinerzeit hatte der unter Bush initiierte Irakkrieg auch für eine Verstimmung zwischen der US-Regierung und dem Heiligen Stuhl gesorgt, der den Krieg scharf verurteilt hatte.

Pelinka sieht die Reaktion von Bush in einem größeren Zusammenhang: „Bushs Verhalten muss vor dem Hintergrund des zunehmenden Politikverlustes des Staates schlechthin gesehen werden." Durch Millionen von Staatenlosen etwa sei heute nicht mehr die Eindeutigkeit des Staatsvolkes gegeben. „Die Folge: Der Staat verliert zunehmend sein Gewaltmonopol." Immerhin findet Pater Denis Borel, dass der Terrorismus ungewollt „einen erheblichen Beitrag zum internationalen Strafrecht geleistet hat, indem er zu der Verabschiedung von 13 UNO-Konventionen gegen den Terror geführt hat".

„Um entgrenzte Gewalt zu begrenzen, bleibt begrenzte Gewalt notwendig", betonte Spieker. Aber: „Mit polizeilichen Mitteln allein ist dem Terror nicht beizukommen. Der Abwehrkampf gegen Terroristen wird die Gesellschaft mit betreffen". Die Terrorabwehr erfordere auch eine Rechenschaft über die Kultur des Lebens, die der religiös motivierten Kultur des Todes entgegenzustellen sei.

„Den Terrorismus als schillernde Abart des Totentanzes zu verstehen, wäre eine Möglichkeit, eine müde geworden Zivilisation zu einem erneuerten Bewusstsein zu führen, sich sozial, politisch und religiös von ihm zu distanzieren und gesellschaftsaufbauende Maßnahmen der Solidarität der Nationen als Gegenkonzept zu entwerfen", schloss Borel.



Von Stefan Beig