„Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“ – Retrospektive zum dreitägigen Grazer Fachkongress

Von Stephan Baier

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WÜRZBURG, 16. Oktober 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Rund 1 200 Mediziner, Psychologen, im psychosozialen Bereich Tätige sowie Seelsorger, Theologen unterschiedlicher Religionen und Philosophen debattierten von Donnerstag bis Samstag an der Universität in Graz Fragen rund um die Aspekte von „Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“. „Die Resonanz hat uns überwältigt“, gestand für die Veranstalter Professor Hans-Peter Kapfhammer, der Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie in Graz. Das Thema Religiosität sei, obgleich von Psychiatern bisher vernachlässigt, kein marginales Thema, sondern ein „hot topic“. Der Kongressleiter, Raphael Bonelli, ortete eine „neue Sachlichkeit“ bei Psychiatern und Psychotherapeuten gegenüber dem Religiösen. Ein Kongress wie dieser „wäre vor zehn Jahren noch nicht möglich gewesen“.



Religiosität kann krank werden und krank machen, aber...

Der steirische Bischof Egon Kapellari meinte in Grußworten an die Wissenschaftler, dass Religiosität auch krank werden und krank machen könne, doch rechtfertige dies nicht die Religionskritik in Geschichte und Gegenwart, die Religion generell als krank diffamiere. Auch eine antireligiöse Position könne pathologische Züge annehmen. Der Respekt vor dem kranken Menschen sei ein humanes Gebot an alle und könne deshalb zu Allianzen führen. Der evangelische Superintendent Hermann Miklas brachte die traditionelle Zurückhaltung vieler Gläubigen gegenüber der Psychotherapie und umgekehrt die kritische Haltung psychotherapeutischer Strömungen gegenüber den Religionen auf den Punkt indem er fragte: „Traut man sich wirklich schon über den Weg?“ Therapeuten müssten gesunde Formen der Religiosität von kranken und krankmachenden unterscheiden können, postulierte Miklas.

Der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Michael Musalek, wusste, dass ein spiritueller Mensch, der krank ist, dadurch nicht zum areligiösen Wesen wird. Im Kontrast zu Musalek, der meinte, dass heute nur deshalb mehr Depressionen diagnostiziert würden, weil sie früher oft nicht erkannt und darum nicht behandelt wurden, schilderte der Grazer Psychiater Peter Hofmann die Zunahme psychischer Erkrankungen, insbesondere der Süchte: zweistellige Zuwachsraten im Bereich der Spielsucht, Steigerung der Fresssucht, Verdoppelung der Schizophrenie. Die Gefahren durch das Internet – „second life“ und industrialisierte Pornografie – hätten längst die Kinderzimmer erreicht.

Die Philosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz wendete die gestellte Frage „Sind die Religionen am Ende?“ indem sie fragte, ob „nicht auch der Mensch am Ende“ sei. Die Personalität Gottes zu denken sei schwierig geworden, wo sich das Menschenbild verändert, sich der Mensch bereits selbst als überholt betrachtet und ein „Wegströmen von Gestalt“ zu diagnostizieren ist. Gerl-Falkovitz zeigte aber auch Ansätze zu einer „Aufklärung über die Aufklärung“ und einer damit verbundenen Wiedergewinnung eines Zugangs zum Gottesgedanken.

Der Philosoph und Theologe Clemens Sedmak definierte den religiösen Menschen als einen, der sich in einer höheren Ordnung verhaftet weiß, welche nicht von ihm abhängt, der sich selbst als verbesserungsbedürftig und -fähig erkennt und seine Identität als Geschenk versteht. Der Neurologe und Psychiater Nossrat Peseschkian versuchte zu zeigen, dass die Religionen die allen gemeinsamen Dimensionen des Menschseins ansprechen: die Liebes- und die Erkenntnisfähigkeit, die Sinngebung und Sinnfindung in den Dimensionen von Körper, Umwelt und Zeit. Im Gegensatz zum Tier, das nur die Gegenwart kenne, lebe der Mensch in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Der Grazer Weihbischof Franz Lackner lud dazu ein, die in der Neuzeit abhanden gekommene spannungsvolle Begegnung von Glaube und Vernunft wieder zu gewinnen. Die höchste Leistung des personalen Willens sei es, frei Ja zu sagen zum Guten.

Reinhard Haller, ein international anerkannter Experte für Kriminalpsychiatrie, wollte den Begriff des freien Willens ersetzen durch die vorsichtigere Formulierung von „einem Individuum möglichen Entscheidungsoptionen“. Den Determinismus-Theorien widersprach aber auch er: Es gebe kein Experiment, das aufgrund neurobiologischer Befunde das exakte Verhalten eines Menschen voraussagen könne. Strafbares Verhalten sei deshalb nicht unter einen Krankheitsbegriff zu subsummieren, sondern grundsätzlich als die Schuld des rechtswidrig Handelnden anzunehmen.

Bei aller Suche nach Gemeinsamkeiten im Menschenbild und nach Schnittmengen des jeweiligen Wirkens plädierten die meisten Referenten auf dem Kongress „Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“ doch für eine klare systematische Unterscheidung der Wirkungsfelder. Musalek meinte, er halte gar nichts davon, „dass Psychiater zu Seelsorgern werden. Davon verstehen sie nämlich nichts.“ Der Arzt, Theologe und Bestsellerautor Manfred Lütz nannte die Psychotherapie eine „manipulative Beziehung auf Zeit für Geld“, die von der Seelsorge strikt zu trennen sei.

Braucht der religiöse Patient einen religiösen Therapeuten?

Bei einer Podiumsdiskussion sprach Lütz dem kroatischen Priester, Theologen und Begründer der so genannten „Hagiotherapie“, Tomislav Ivancic, die psychotherapeutische Qualifikation ab: „Sie machen keine Therapie, sondern gute Seelsorge.“ Im Gegensatz zu Lütz, der die Frage, ob der religiöse Patient einen religiösen Therapeuten brauche, mit einem klaren „Nein, er braucht einen guten Therapeuten“ beantwortete, differenzierte der Psychiater Bonelli: Es sei zu beobachten, dass viele nicht-religiöse Therapeuten in vielen Bereichen, die dem religiösen Patienten wichtig sind, etwa in Fragen der Ehemoral, kein Verständnis haben. Eine Vermischung von Seelsorge und Psychotherapie lehnte auch Bonelli klar ab.

Bonelli bezeichnete Religiosität als „letztes Tabu in der Psychiatrie, denn die Sexualität ist es nachweislich nicht“. Unter allen Ärzten seien Psychiater am wenigsten religiös – und vor allem deutlich weniger religiös als ihre Patienten. Das führe oft zu einer Verunsicherung der Therapeuten und zur Zurückhaltung der Klienten. Bonelli präsentierte wissenschaftliche Studien, die die positive Wirkung von Religiosität aufzeigen: etwa eine signifikante Reduktion der Alzheimer-Progression, die Stabilisierung depressiver Patienten, die protektive Wirkung gegen Süchte und die geringere Zahl von Suizidversuchen. Bonelli schränkte ein: „Wir wissen alle, dass es auch pathogene Religiosität gibt, die nicht hilfreich ist.“ Diese „dunkle Seite der Religiosität“ beleuchtete Professor Kapfhammer, der Beispiele religiös motivierter Psychopathologien – etwa Massensuizide – zeigte.

Den Hintergründen dieser Phänomene widmete sich ein Podium über „Relativismus und Fundamentalismus“. Dabei zeigte Hanna Barbara Gerl-Falkovitz, dass Wahrheit von Anfang an Beziehungscharakter hat, also personal und relational ist. Das Dogma sichere eine unabschließbare Spannung, während die Häresie diese aufgebe und damit langweilig werde.

In zahlreichen Symposien, Workshops und Diskussionen beleuchteten Referenten unterschiedlicher Fachbereiche verschiedene Aspekte des Themas. Zu den bestbesuchten Symposien gehörte jenes über „Kirche und Pädophilie“. Der Psychiater Peter Hofmann definierte Pädophilie als eine diagnostizierbare Krankheit: als sexuelle Fixierung auf Kinder unter einer bestimmten Altersgrenze. „Man kann die Pädophilie nicht einfach wegtherapieren“, stellte Hofmann klar, aber man könne „die Auswirkungen herunterbremsen“. Der Psychiater plädierte für eine Hormontherapie, „um den hormonellen Druck weg zu nehmen“, für eine differenzierte Psychotherapie, aber auch dafür, schwerstgestörte Sexualverbrecher in Sicherheitsverwahrung zu nehmen. Es habe sich gezeigt, dass die Psychotherapie schwere Sexualverbrecher nicht heilen könne.

International gebe es keine verlässlichen Zahlen über das Phänomen: „Wir wissen nicht, wie groß das Problem ist.“ Als typisch für Pädophile beschrieb Hofmann die Rechtfertigung durch Projektion auf die Opfer („Der wollte das ja“), ein geringes Problembewusstsein und die Bagatellisierung ihrer Taten. Die überwiegende Zahl der Täter seien Männer, darunter auffallend viele „intelligenzgeminderte Personen“. Warnzeichen oder spezielle Merkmale gebe es nicht, stellte der Psychiater klar. Der Moraltheologe und Salzburger Weihbischof Andreas Laun sprach von einem „düsteren und leidvollen Thema“. Er zeigte warnend auf, wie pädophile Gruppen offensiv um Anerkennung werben. Die Kirche arbeite in diesem Bereich eng mit Psychiatern und der Staatsanwaltschaft zusammen. Laun warb für eine „gesunde Erziehung zur Liebe im Sinn des göttlichen Schöpfungsplans“.

[© Die Tagespost vom 16. Oktober 2007]