René Descartes: Meditationen. Cogito ergo sum

Von Susan Gottlöber

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WÜRZBURG, 29. Mai 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Rückblickend kann man sagen, dass wohl kaum ein philosophischer Satz derart nachhaltig Eingang sowohl in das Bewusstsein einer philosophischen als auch nicht-philosophischen Öffentlichkeit gefunden hat wie die Aussage: Cogito ergo sum – ich denke, also bin ich – des französischen Philosophen, Mathematikers und Naturwissenschaftlers René Descartes (1596–1650).

Wie viele seiner berühmten Zeitgenossen ging auch Descartes durch die Schule der (mathematischen) Naturwissenschaften, die zu jener Zeit eine hervorragende Stellung einnahmen. Erst sechzehnjährig verließ der junge Descartes die Jesuitenschule La Fléche in Paris, um zunächst die militärische Laufbahn einzuschlagen und später Jura zu studieren – um also mehr im „Buch der Welt“ zu lesen, wie er später sagte.

Die Spätrenaissance war eine Zeit der Umbrüche: Sie hatte nicht nur eine Befreiung und Selbstaufwertung des Individuums mit sich gebracht, sondern warf den Einzelnen auch auf eine bis dahin nie dagewesene Art und Weise auf sich selbst zurück. Tradierte Überzeugungen schienen, angezweifelt vom „Richter der Vernunft“ (Kant), unwiederbringlich ihre Gültigkeit zu verlieren.

Methodischer Zweifel

Und so vereinen die Meditationes de prima philosophia, das 1641 erschienene erste der beiden philosophischen Hauptwerke Descartes, auf das Intensivste die zwei prägenden Erfahrungen seiner Lebenssituation: Da ist zum einen der Rückzug auf das einzig sicher scheinende Gebiet – für Descartes der Bereich des eigenen Denkens. Zum anderen spiegelt der formelle Aufbau die fast mönchische Abgeschiedenheit wider, in der der Denker zu diesem Zeitpunkt lebte: Denn das Werk ist in Ich-Form als eine Art Tagebuch einer sechstägigen Klausur abgefasst (dementsprechend sechs Meditationen umfassend) und folgt damit dem Vorbild der Geistlichen Übungen des Gründers des Jesuitenordens, Ignatius von Loyola (1491–1556), der diese Form für die religiöse Klausur empfahl.

Dabei sollte man sich durch die modern anmutende Art der Subjektzentriertheit nicht täuschen lassen: Die Form der Meditationen gründet nämlich keinesfalls in eitler und egoistischer Ich-Bezogenheit, sondern verweist vielmehr auf die Methode des Verfassers: Der Erkenntnisprozess – bei Descartes ein geistiger Akt – muss sich in geordneten diskursiven Schritten nicht nur dem Denkenden selbst erschließen, sondern auch vom Leser nachvollziehen lassen, der so ebenfalls am Erkenntnisakt teilhaben kann.

Die Frage danach, was erkannt werden solle, beantwortet Descartes selbst in seinen einleitenden Bemerkungen (die Meditationen sollten ihm die Approbation der Sorbonne verschaffen, was jedoch nie glückte. Vielmehr wurden sie nach seinem Tod zusammen mit seinen anderen Schriften 1663 auf den Index gesetzt): Das Wesentliche seien schon immer die Fragen nach Gott und der Seele gewesen, die gerade auch von rational-philosophischer Seite her einer Antwort bedürften.

Das Werk beginnt mit dem berühmten cartesianischen Zweifel, indem Descartes in der ersten Meditation die Überzeugung in Frage stellt, überhaupt eine Idee von etwas zu besitzen. Um schneller voranzukommen, zieht Descartes gleich ganze Gruppen von Vorstellungen in Zweifel: Sie könnten alle nur geträumt sein und wären damit falsch. Man geht allerdings fehl, einen solchen Zweifel als Ausdruck einer reinen Skepsis (und damit sich in seiner absoluten Form selbst aufhebend) zu deuten: Vielmehr soll er als Methode die Notwendigkeit eines radikalen spekulativen Neuanfangs aufzeigen und beweisen, dass allein aus lebensweltlichen Erfahrungen keine Gewissheiten abgeleitet werden können. Nur mit Hilfe dieses methodischen Zweifels kann für Descartes der Geist von allen Vorurteilen befreit und der Weg dafür geebnet werden, ein sicheres und grundlegendes Fundament für alle weiteren Denkprozesse zu schaffen.

Der Grund allen Seins

Denn selbst wenn alles bezweifelt werden kann – zumindest des Zweifels kann ich mir sicher sein. Die für diesen Zweifel erforderliche Distanzierung von allen äußeren Umständen beruht wiederum auf einer bestimmten Voraussetzung, die häufig übersehen wird: Die von Descartes aufgebaute absolute Wissensbegründung bedarf der Sonderstellung des freien Subjektes. Erst in der Freiheit begründet sich die Fähigkeit des Menschen, sich von allen äußeren Dingen distanzieren zu können. Damit nun meint Descartes einen Weg gefunden zu haben, der zumindest zu einer letzten unumstößlichen Gewissheit führt: der meiner eigenen Existenz als geistiges Wesen. Und auch eine weitere wichtige Unterscheidung lässt sich daraus ableiten: die Bestimmung des Geistes als res cogitans im Gegensatz zum Körper als res extensa, die zwar in einer Wirkungseinheit zusammengefasst sind, aber dennoch jeweils das bestimmende Attribut des anderen missen lassen: der Geist die Ausdehnung des Körpers und dieser das Bewusstsein des denkenden Geistes.

Von dieser Basis aus kann Descartes einen Schritt weitergehen: Über die Weiterentwicklung des ontologischen Gottesbeweises von Anselm von Canterbury auf anthropologisch-erkenntnistheoretischer Basis kommt er zu der Gewissheit, dass seiner Idee von Gott notwendigerweise etwas real Existierendes entsprechen muss: Der Grund allen Seins sei allein in Gott zu suchen, zumal man erst mit der Existenz Gottes eine wahrhafte Grundlage habe für den Glauben an die Existenz von Dingen außerhalb meiner selbst. Mit diesem Gottesbeweis erreicht Descartes zugleich den angestrebten Höhepunkt seiner Ausführungen. Das fragende Sein komme letztlich erst in Gott zum Stillstand. Oder mit den Worten von Augustinus: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir.“

Die Frage nach der Letztbegründung unseres Wissens wird damit zugleich zur Frage nach der arché, dem Anfang und Fundament aller Philosophie. Durch den cartesianischen Ansatz erfährt sie eine Klärung auf zwei verschiedenen Ebenen: Denn obwohl ich dieses Fundament zunächst in mir und meinem Denken verortet finde, liegt ist es doch selbst wiederum im Sein und damit in Gott verwurzelt.

Der von Descartes eingeschlagene Weg eines modernen Rationalismus führte von Malebranche, Leibniz, Spinoza und Kant bis hin zum Psychologismus Brentanos und machte Descartes so zum Vater der neuzeitlichen Bewusstseinsphilosophie. Es ist bezeichnend, dass selbst in Versuchen der Entwicklung einer asubjektiven Philosophie, wie wir sie unter anderem in der Phänomenologie Edmund Husserls entdecken, immer wieder Rückbezüge auf das cartesianische Denken stattfinden.

Aber auch andere Überwindungsversuche wie durch den Pragmatismus oder die Verneinung allen sicheren Wissens durch Popper und Derrida wären ohne Descartes undenkbar, auch wenn die Überholung des cartesischen Ansatzes, wie sie unter anderem in der modernen Sprachphilosophie geschieht, oft nur allzu leicht zu gelingen scheint. Denn die Frage bleibt offen, inwiefern nicht in den derzeitigen Diskursen über Vernunftkritik oder die Selbstbestimmung des Menschen (angestoßen durch die neurologische Forschung) wieder unter dem Deckmantel neuer Begrifflichkeiten wie dem Gehirn-Geist-Dualismus (der nichts anderes zu sein scheint als der Leib-Seele-Dualismus Descartes) die alten Fragestellungen Descartes wieder auftauchen. Sollte dies der Fall sein, dann wäre es wohl lohnend darüber nachzudenken, auch die Antworten unter cartesianischen Vorzeichen wieder mit in den Blick zu nehmen.

[René Descartes: Meditationen über die Grundlagen der Philosophie mit den sämtlichen Einwänden und Erwiderungen. Felix Meiner Verlag, Hamburg 1994, 493 Seiten, Euro 24,80
; Teil 26 der Reihe „Fünfzig Hauptwerke der Philosophie“, © Die Tagespost vom 24. Mai 2008]