Rettung durch Gott: Die „Bekenntnisse“ von Augustinus

Von Rolf Schönberger

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WÜRZBURG, 31. Januar 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Nach einer langen geistigen Irrfahrt ist Augustinus – 354 in Nordafrika geboren – im Jahre 386 Christ geworden. Aus kleinen Verhältnissen in Hippo stammend wurde er als Lehrer der Rhetorik zum intellektuellen Star in Mailand, schon seit längerer Zeit die neue Hauptstadt des römischen Reiches. Fast ein Jahrzehnt war Augustinus Anhänger des Manichäismus, einer Bewegung, die die Wirklichkeit auf zwei einander entgegengesetzte Prinzipien zurückführte und damit nicht nur das Gute, sondern auch das Böse verständlich machen wollte.



Wie haltlos dies ist, tritt ihm in aller Dramatik ins Bewusstsein, als sein bester und innig geliebter Freund (seinen Namen erfahren wir nicht) stirbt und ihm alles in Ungewissheit versinkt – auch er sich selbst: „Ich bin mir selbst zur Frage geworden.“ Wenn eine Grundüberzeugung zusammenbricht, wird sie meist nicht bruchlos durch eine andere ersetzt. Augustinus wird Skeptiker. Aber dann übt der Neuplatonismus eine große Attraktivität aus.

Noch in anderer Hinsicht macht Augustinus die Erfahrung der Haltlosigkeit und der Leere: Der bewunderte Rhetor in Mailand beschäftigt sich mit römischer Dichtung und Redekunst. Dies alles gehört zwar zum Bildungsgut, gibt aber seinem realen Leben keine Orientierung und keine Bedeutung. Er will Christ werden – dies aber mit allen asketischen Konsequenzen, die ihm damit unausweichlich verbunden scheinen. Dies ist die entscheidende Wende in seinem Leben, die wir so nur kennen und vielleicht auch nachvollziehen können, weil Augustinus selbst sie schildert. Er tut dies in seinen „Bekenntnissen“ – das Wort ist im doppelten Sinne zu verstehen: Er bekennt seine Sünden und bekennt sich zu Gott.

Augustinus schreibt sie wenige Jahre später, nachdem er 395 Bischof der nordafrikanischen Hafenstadt Hippo geworden war. Er wollte eigentlich ein anderes Leben führen, nämlich gemeinsam mit Freunden sich dem philosophischen Nachdenken hingeben. Die freundschaftliche Gemeinschaft konnte er realisieren, aber er hatte sich doch als Bischof eben nicht nur auf Publikationen und Predigten zu konzentrieren – letztere konnten ihm großen Beifall durch die Bevölkerung einbringen.

Es gab wohl keine Trivialität, der er sich nicht aus Menschenfreundlichkeit zugewandt hätte. (In der jüngsten Enzyklika erinnert – vielleicht nicht zufällig – Papst Benedikt an diese Selbstfindung, die durch Selbstüberwindung geschieht.) Vielfach konnte Augustinus nur nachts schreiben – und hat dabei doch ein riesiges Werk hinterlassen. Die „Bekenntnisse“ sind ein Buch, zu dem es in der Philosophie der Antike – und der Theologie der Spätantike – nichts Vergleichbares gibt. Das Buch hat gewisse Züge einer Autobiographie, doch erfahren wir nicht allzu viel aus seinem Leben. Es sind nur jeweils einzelne Episoden, die dann aber zum Gegenstand einer eindringlichen Analyse gemacht werden oder die zum Anlass werden, um Fragen wie Kaskaden aufeinander folgen zu lassen, die keineswegs alle beantwortet werden.

Augustinus berichtet etwa von einer jugendlichen Anwandlung: Wäre es nicht verlockend, in Nachbars Garten Birnen zu stehlen? Der Bischof gesteht einen Birnendiebstahl in seiner Jugend, er will jedoch in erster Linie die Rätselhaftigkeit der Motive vorführen. Er ist sich sicher, dass er allein es nicht getan hätte. Also Gruppenzwang? Aber warum war dieser so bezwingend? Augustinus analysiert es mit den verschiedenen Bedeutungen, die das Wort „gut“ haben kann: Waren die Birnen etwa so unwiderstehlich schmackhaft? Eigentlich nicht, die eigenen waren sogar besser. Wollten die jungen Leute bloß ihren Hunger stillen? Auch nicht, denn nach dem Diebstahl haben sie die Birnen weggeworfen. Augustinus stellt also fest, die Handlung hat sich weder auf das Angenehme noch auf das Nützliche gerichtet – irgendetwas muss doch daran gut, also erstrebenswert gewesen sein, sonst hätte man es doch nicht gemacht. Augustinus schildert es in schwärzesten Farben und mancher moderne Leser fühlt sich irritiert von diesem übertriebenen Schuldbewusstsein. Es geht schließlich nur um ein paar Birnen. Augustinus aber ist sich sicher, dass es ums Prinzip geht. Es war am Ende der Reiz des Verbotenen. Wenn man etwas jedoch nur deswegen tut, weil es verboten ist, dann wird ja das Verbotene, also das Böse selbst zum Prinzip des Handelns und die paar Birnen sind dann tatsächlich nur ein Anlass.

Im 7. Buch kommt er nochmals auf dieses Thema zu sprechen. Der spätantike Platonismus hatte ihm nach dem Zusammenbruch seiner manichäischen Überzeugungen gezeigt, dass nicht alles in derselben Weise wirklich ist. Er wollte ja unbedingt wissen, woher das Böse kommt. Augustinus bekundet seine damalige Angst, sterben zu müssen, bevor ihm die Wahrheit aufgeht. (Von solchen Episoden rührt das Bild vom unnachgiebigen Wahrheitssucher.) Aber er sieht ein, dass das Böse wesentlich Zerstörung ist. Dies jedoch kann nicht in derselben Weise wirklich sein wie dasjenige, was der Zerstörung ausgesetzt ist. Als solches muss es intakt sein. Alles Geschaffene ist als solches gut, böse ist „nur“ seine Verkehrung. Das Böse ist kein bloßer Schein – wir bitten im Vaterunser ja um die Erlösung vom Bösen und also nicht um nichts. Die Angst vor dem bloß scheinbar Bösen wäre eine grundlose Angst – somit selbst etwas Böses.

Vielleicht ist die berühmteste Episode, von der Augustinus berichtet, diejenige, in der er unwiderruflich den Entschluss fasst, sich taufen zu lassen (was dann an Ostern 387 in Mailand durch Bischof Ambrosius geschehen ist). Es wohnen dabei aber nicht bloß zwei Seelen in seiner Brust, er ist zutiefst mit sich uneins. Da vernimmt er aus dem Nachbargarten den Vers der spielenden Kinder: „Nimm und lies!“ Dies bekommt nun für ihn eine ganz andere Bedeutung: Er eilt zu seinem Freund Alypius und schlägt Paulus auf: „Nicht in Schmausereien und Trinkgelagen, nicht in Beischlaf und Unzucht, nicht in Streit und Gezänk! Sondern zieht den Herrn Jesus Christus an!“ (Röm. 13, 13f.) Sein Leben findet seine Richtung. Jahre später, in den „Bekenntnissen“, denkt er nochmals darüber nach: Ist der Wille nicht ein einfacher Impuls? Normalerweise will man oder man will eben nicht. Dies gilt aber nur dann, wenn in Entscheidungssituationen die Orientierung dieselbe bleibt. Jetzt geht es aber darum, woran er sich künftig orientieren will. Sein Wille ist nicht gespalten, er hat auch nicht irgendwie zwei Willen: einerseits Taufe, andererseits doch eher nicht. Sein Wille ist schwach. Und ein schwacher Wille kann nicht per Entschluss stark werden. Augustinus scheint es offenkundig, dass aus einer solchen Situation nur Gott erlöst. Gnadenlehre ist Augustins Befreiungstheologie.

Er will zeigen, dass er sich zwar Gott entfremdet hatte, dass aber umgekehrt Gott ihm auch auf seinen Abwegen nicht fern war. Schon der Überdruss am Vordergründigen kommt nicht von ungefähr. Gott ist dem Menschen nahe, ohne dass er sich dessen immer und notwendig bewusst ist. Er ist ihm „innerlicher als er sich selbst“.

Die Rettung kommt nicht vom Menschen, aber doch von innen her. So schreibt Augustinus nicht für die Neugierigen, sondern für Menschen, die meinen, ihr Leben habe keine Bestimmung oder keine, die sich finden und realisieren ließe. „Spät habe ich dich geliebt.“ Spät, nicht zu spät. Eine unglaubliche Lebensgeschichte zum Glauben, aus der Augustinus auch noch ein grandioses, ein wirklich unerschöpfliches Buch zu machen vermochte.

[Augustinus: Bekenntnisse. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2006, 1014 Seiten, ISBN-13: 978-3458327028, EUR 17,–; neunter Teil der Reihe „50 Hauptwerke der Philosophie“; © Die Tagespost vom 26. Januar 2008]