Rimini-Meeting 2007: Die Schrecken der eugenischen Utopie

Expertendiskussion zur verhängnisvollen Suche nach dem vollendeten Menschen

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RIMINI, 27. August 2007 (ZENIT.org).- Die eugenische Utopie der Selektion des „perfekten Menschen“ und die neuen Ideologien, die dies zu rechtfertigen versuchen, waren Gegenstand einer Veranstaltung auf dem diesjährigen Meeting von „Comunione e Liberazione“ in Rimini.



Unter dem Thema „Den perfekten Menschen erzeugen?“ diskutierten am Donnerstag, dem 23. August, Roberto Colombo, Direktor des Labors für Molekularbiologie und Genetik der Katholischen Universität Mailand, die Journalistin Eugenia Rocella sowie der Psychotherapeut und Präsident der „International Federation for Hydrocephalus and Spina Bifida“, Pierre Martens.

Die Diskussionsteilnehmer wiesen darauf hin, dass es unter dem Vorwand, Schmerzen zu lindern, das Leben zu verbessern und den Menschen zu perfektionieren, zu Tötung und Selektion komme. Dies sei unannehmbar.

Pierre Martens berichtete, wie sich hinter gewissen Argumentationen zur Verteidigung der Lebensqualität ein Selektionsplan verberge. Dazu erzählte der Psychotherapeut von seiner persönlichen Situation als Vater eines Mädchens mit Spina bifida. „Vor 30 Jahren sagten die Ärzte, dass meine Tochter, sollte sie tatsächlich geboren werden, leiden würde, nicht lebensfähig wäre und, ganz abgesehen davon, keine würdige Lebensqualität haben würde.“ Dem sei nicht so gewesen. „Die Behinderten sagen uns ständig, dass die Lebensqualität nicht von ihrer Behinderung bestimmt wird, sondern von der Möglichkeit zu lieben, zu lesen, zu schreiben, ins Theater zu gehen.“

Martens prangerte das so genannte „Protokoll von Groningen“ an, das zur Abtreibung von Kindern mit Spina bifida oder von hydrocephalen Kindern rät. Dabei handle es sich um „pränatale Euthanasie“. Die Vertreter der Abtreibung behaupteten, dass solche Kinder, wenn sie einmal geboren sein sollten, unsäglich leiden würden. Erfahrene Wissenschaftler jedoch, so Martens, leugneten dies.

Im „Protokoll von Groningen“ hatten im Jahr 2005 Experten der niederländischen Regierung die Empfehlung gegeben, Kindern, die an einer unheilbaren oder „unerträglichen“ Krankheit leiden, legale Sterbehilfe zukommen zu lassen. Die niederländische Gesetzgebung folgte einer, wie bekannt wurde, bereits bestehenden Praxis, nach der von 1997 bis 2004 insgesamt 22 Kinder „euthanasiert“ wurden.

Die drei Diskussionsteilnehmer bekräftigten die Notwendigkeit, sich auf jede mögliche Weise dafür einzusetzen, den Schmerz der Kranken zu lindern, nicht aber die Menschen zu täuschen, indem man ihnen ein Leben ohne Leiden verspricht – denn der Schmerz sei Teil des Lebens.

Es bestehe die Gefahr, dass man unter dem Vorwand des Schmerzes dahin gelange, den Leidenden zu eliminieren beziehungsweise den, der leiden könnte, nicht auf die Welt kommen zu lassen.

Journalistin Eugenia Roccella, die sich jüngst als Wortführerin des so genannten „Family Day“ profiliert hatte, erinnerte daran, dass die Tötung des Leidenden auch die Zerstörung jenes Netzes an menschlichen Beziehungen bedeute, die das Gewebe darstellen, das die Gesellschaft zusammenhält.

Roberto Colombo erklärte: „Um den Schmerz zu ertragen, bedarf es eines Grundes für das Leben.“ Diesbezüglich erzählte er von einer jungen, schwer krebskranken Frau, die ihm erzählt habe, dass sie sich nicht selbst töten würde um ihrer Kinder willen.

Der Arzt und Priester stellte fest: „Wissenschaft und Glaube haben die Vernunft gemeinsam, und wenn die Vernunft in einem weiten Sinn gebraucht wird, so begegnen sich Wissenschaft und Glaube.“

Zur eugenischen Utopie des perfekten Menschen kommentierte Journalistin Roccella, es sei die Meinung vertreten worden, dass mit dem Ende des 20. Jahrhunderts das Ende der Ideologien gekommen sei. Dabei habe sich die Utopie aber nur von der sozialen auf die genetische Ebene verlegt.

Roccella stelle fest, dass der Eugenismus nie gestorben sei. Heute stünden wir vor dem Übergang eines von einer staatlichen Institution vertretenen Eugenismus hin zu einem auf individuellen und freien Entscheidungen basierenden Eugenismus. Roccella beklagte den „Wunsch nach Selektion“ und die Option für einen „Autoritarismus im Umgang mit dem anderen“, der von kommerziellen Regeln bestimmt sei, „einer Art Lotterie, um ein genetisches Päckchen zu gewinnen“.

Colombo erteilte seinerseits einer Vorgehensweise eine klare Absage, die dazu tendiert, „die Spreu zu eliminieren, indem man das gute Korn wegwirft… Welchen Sinn hat es, die genetischen Defekte zu modifizieren, wenn dabei der Kranke eliminiert wird?“ In diesem Zusammenhang berichtete der Genetiker von den Eltern eines vom Pfeiffer-Syndrom betroffenen Kindes, die die Krankheit akzeptiert und so gelernt hätten, ihr Kind noch mehr zu lieben.

Nach Worten Colombos besteht Perfektion „nicht in der Abwesenheit von Defekten; sie ist kein materielles Problem. Perfektion stammt von lateinischen Verb ‚perficio‘ und bedeutet: zur Erfüllung bringen. Sie hat somit mit der Bestimmung des Menschen zu tun“.

Für die Publizistin Roccella sind der Unterschied und die Unvollkommenheit eine Bereicherung. „Die Wissenschaft verspricht Perfektion, wir aber sind einzigartig, gerade weil wir unvollkommen sind.“

Und Colombo schloss mit den Worten: „Perfektion ist schon gegeben. Sie ist Jesus Christus, und unsere Berufung besteht darin, uns ihm anzugleichen.“

Das Meeting von Rimini, das am Samstag seinen Abschluss fand, hatte insgesamt 700.000 Teilnehmer. Das nächste Meeting der Freundschaft unter den Völkern (24. - 30. August 2008) steht unter dem Motto: „Entweder Protagonisten oder niemand“. Dies kündigte der Präsident des Meetings, Emilia Guarnieri, in einer Pressekonferenz an.

„Nach der Freiheit, der Vernunft und der Wahrheit stellt sich das Problem des Ich, der Person, erläuterte Giancarlo Cesana von „Comunione e Liberazione“. „Denn entweder bin ich Protagonist des Lebens, oder das Leben geht an mir vorbei.“