Rivalität zwischen Wort Gottes und Eucharistie?

Erlebnis der Emmausjünger als Schlüssel

Rom, (ZENIT.org) Edward McNamara LC | 493 klicks

P. Edward McNamara, Professor für Liturgie am Päpstlichen Athenäum „Regina Apostolorum“ in Rom, beantwortet Leserfragen.

Frage: Könnten Sie kurz und knapp darstellen, welche Bedeutung der Eucharistie und dem Wort Gottes in der Liturgie der Messfeier jeweils zukommt und in welcher Beziehung beide zueinander stehen? Ich nahm mit einer Gruppe von Katholiken an einem Einkehrtag teil, bei dem die Gruppenleiterin meinte, wir Katholiken glaubten, dass das Wort Gottes so wichtig sei wie die Eucharistie. Mir war immer beigebracht worden, dass die Eucharistie Quelle und Höhepunkt unseres Glaubens ist, doch nachdem ich dies gehört hatte, habe ich mich über die Anbetung des Allerheiligsten Sakramentes und die des Wortes Gottes informiert, und es schien, dass ihre Aussage durchaus Substanz hatte, denn „das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“... und Gott spricht durch das inspirierte Wort zu uns. Ich bitte Sie um eine Klärung dieser Frage. -- N.C., Cleveland, Ohio

P. Edward McNamara: Zu Beginn dieser Antwort würde ich gern ein Gespräch erwähnen, das ich als Seminarist während meiner Ferien im Bundesstaat New York mit einem älteren Herrn, einem Laien, geführt hatte. Dieser gute weise Mann, dessen Vorfahren aus Litauen stammten, leitete einen Bootsverleih in den Adirondack-Bergen und hatte dadurch oft mit evangelischen Mitchristen zu tun, die den Versuch anstellten, ihn für sich zu gewinnen, indem sie sagten: „Wir haben das Buch der Bücher“. Er antwortete, dass er als Katholik nicht nur das Buch besitze, sondern auch oft dessen Autor treffe.

Über die theologischen Feinheiten und Nuancen des Gesprächs kann man sicher diskutieren, es spiegelt aber doch eine grundlegende Wahrheit wider und zwar in Bezug auf jene verschiedenen Arten und Weisen, wie Christus unter uns gegenwärtig ist. Selbstverständlich spricht Gott uns durch sein inspiriertes Wort an, und deshalb lehrt die Kirche, dass er gegenwärtig ist, wenn die Heilige Schrift verlesen wird. Doch, wie Papst Paul VI. in seinem Lehrschreiben „Mysterium fidei“ erläutert, handelt es sich dabei um eine reale, doch vorübergehende Gegenwart, die so lange wie die liturgische Lesung selbst andauert. Daher ist die Seinsweise dieser Gegenwart von anderer Art als die von der Substanz her gegebene Realpräsenz in der Eucharistie.

Andererseits kann man auch in Betracht ziehen, wie die Schrift beim eucharistischen Gottesdienst in Erfüllung geht.

Der Satz: „Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ ist die Grundlage unseres Glaubens. Doch dieses Wort, das in Mariens Schoß Fleisch annahm, starb, auferstand und in den Himmel auffuhr, hat ebenso gesagt: „Das ist mein Leib…; das ist mein Blut“ und ist dadurch unter den Gestalten von Brot und Wein mit Leib, Seele und Gottheit zugegen. Bei jeder Eucharistiefeier wird das ganze Geheimnis Christi, von der Fleischwerdung bis zur Himmelfahrt, wahrhaft von neuem gegenwärtig gesetzt – jedoch unter dem sakramentalen Schleier von Zeichen und Symbolen.

Aus dieser Perspektive heraus ist die Eucharistie „wichtiger“ als die Schrift, denn der eigentliche Zweck der Schrift besteht darin, uns durch eine volle Teilnahme an der Messfeier zur Einheit mit Christus zu führen. Die Messfeier ist eine Teilnahme an jenem Akt der Verehrung, den das Fleischgewordene Wort dem Vater im Heiligen Geist darbringt.

Von einer anderen Perspektive aus jedoch und eben gerade im Zusammenhang mit der Messfeier verliert die Frage nach dem Wert der Schrift im Vergleich zur Eucharistie an Bedeutung:

In jeder hl. Messe ähneln wir den Jüngern, die unterwegs nach Emmaus sind, nur dass wir schon wissen, dass Christus unter uns gegenwärtig ist. Beim Hören, wie die Worte des Mose, der Propheten und der Lesungen aus dem Neuen Bund von Christus sprechen, sollten unsere Herzen brennen. Gleichzeitig sind wir uns dessen bewusst, dass wir Christus letztlich erst beim Brechen des Brotes wiedererkennen werden.

Deswegen stellt sich nicht die Frage, was dem jeweils einen oder anderen übergeordnet ist, sondern es geht um die unaufhebbare Beziehung und die gegenseitige Zuordnung beider Bestandteile. Gerade weil die Schrift auf die eucharistische Anbetung ausgerichtet ist, gleicht die Messfeier ihrer äußeren Form nach dem Aufbruch nach Emmaus. Allen verfügbaren historischen Quellen zufolge bildeten die Wortgottesfeier und die eucharistische Opferfeier stets einen einzigen gottesdienstlichen Akt. Andererseits ist die Schrift in die Architektur jedes einzelnen Gebets so eng verwoben, dass wir behaupten können, dass es ohne die Schrift keine Liturgie gibt, die man als katholisch bezeichnen könnte.

Umgekehrt kann man vom historischen Standpunkt aus teilweise behaupten, dass es ohne Liturgie keine Schrift gäbe, denn eines der wichtigsten Kriterien zur Auslese der Bücher, die schließlich zum biblischen Kanon hinzugezählt wurden, bestand in der Frage, ob das Buch bei der liturgischen Versammlung vorgelesen wurde oder nicht.

Daher entspricht die sich gegenseitig ausschließende Gegenüberstellung von Wort und Eucharistie nicht einer authentisch katholischen Sichtweise, die beide Elemente gerade in ihrer tiefen Beziehung zueinander sieht.

Historisch betrachtet, ist es wahr, dass Katholiken keine fleißigen Bibelleser gewesen sind. In den Jahrhunderten, die seit Bestehen der Kirche vergangen sind, waren Bücher lange Zeit ein Luxus, sei es, weil wenige Menschen des Lesens mächtig waren, sei es, weil noch weniger sich eine Bibel leisten konnten. Das Fehlen eines direkten Bibelkontakts war aber nicht gleichbedeutend mit einem völligen biblischen Analphabetismus. Den meisten Christen war durch die Dekoration der Kirchen, durch Bildhauerei und Glasmalerei die biblische Heilsgeschichte ein Begriff. Die Hochaltäre vieler Kathedralen verbanden auf riesigen Tafeln die aus dem Buch Genesis, der Könige und der Propheten stammenden Erzählungen über Jesu Vorfahren auf harmonische Weise mit den Hauptgeschehnissen des Neuen Testaments, wobei das Altaropfer gleichzeitig ihre Mitte und ihr Zentrum wurde. Auf diese Weise lieferten sie einen augenfälligen, auf der Schrift basierenden Hintergrund für den katholischen Gottesdienst.

Unter den heutigen geänderten Verhältnissen lädt die Kirche all Katholiken dazu ein, das Buch der Bücher zu besitzen, es zu lesen und zu meditieren, ohne dabei zu vergessen, seinem Autor häufig einen Besuch abzustatten.

Übersetzt von P. Thomas Fox, LC, aus dem englischen Originalartikel Eucharist vs. the Word