Robert Spaemann über das „unsterbliche Gerücht “ namens Gott - Buchpräsentation in Zürich

Von Pia Bühler

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ZÜRICH, 4. Dezember 2007 (ZENIT.org).- „Der Mensch, der mit der Gottesidee auch der Wahrheit abgesagt hat, kennt nur noch seine eigenen subjektiven Zustände“, schreibt Robert Spaemann in seinem jüngsten Werk. Das Verhältnis des Menschen zur Wirklichkeit sei „nicht repräsentational, sondern nur kausal. Er möchte sich als geschicktes Tier verstehen. Für ein solches Tier kann es so etwas wie Gotteserkenntnis nicht geben.“



Die Paulus-Akademie, Zürich, hat den Philosophen in die Helferei Grossmünster eingeladen, um sein Buch „Das unsterbliche Gerücht“ vorzustellen: Essays, Aufsätze und Vorträge über „die Frage nach Gott und den Aberglauben der Moderne“. Interviewpartner Hans-Dieter Mutschler, Inhaber des Lehrstuhls für Naturphilosophie an der philosophisch-pädagogischen Hochschule Ignatianum in Krakau (Polen) bezeichnete Spaemann als einen Philosophen, der ganz klar Position einnehme und das heutige „Lasser faire“ für eine Krankheit halte. Auch Jesus sei kein Kuscheltierchen; er habe durchaus schroff sein können, meinte Mutschler.

Einige Titel aus dem Inhaltsverzeichnis lauten: Gottesbeweise nach Nietzsche; Christentum und Philosophie der Neuzeit; Sollten universalistische Religionen auf Mission verzichten?; Religion und Tatsachenwahrheit; Über einige Schwierigkeiten mit der Erbsündenlehre; Die christliche Sicht des Leidens; Über die gegenwärtige Lage des Christentums.

Bezüglich Nietzsche schreibt Spaemann: „Nietzsche hat wie kein anderer vor ihm die Konsequenzen des Atheismus durchdacht, insofern er nicht den Weg der Lebensverneinung, sondern der Lebensbejahung gehen will. Als katastrophalste Konsequenz erschien es ihm, dass der Mensch das Woraufhin seiner Selbsttranszendenz verliert. Denn Nietzsche sah es als die größte Errungenschaft des Christentums an, dass es lehrte, den Menschen zu lieben um Gottes willen – ‚bis jetzt das vornehmste und entlegenste Gefühl, das unter Menschen erreicht worden ist‘.“

In seinen Aufsätzen und Vorträgen setzt sich Spaemann immer wieder für den Schutz des menschlichen Lebens von seinem Beginn bis zum natürlichen Tod ein. Er kritisiert Vorschläge zur – wenigstens teilweisen – Freigabe der Tötung auf Verlangen und zur „Liberalisierung“ der Sterbehilfe. Er begründet dies mit einem Verständnis von Person und Menschenwürde, das jegliches Relativieren des Rechts auf Leben mit Zeitpunkten, Fristen und anderen Bedingungen zurückweist. „Wenn es überhaupt so etwas wie Rechte der Person geben soll, kann es sie nur geben unter der Voraussetzung, dass niemand befugt ist, darüber zu urteilen, wer Subjekt solcher Rechte ist“, sagt er. Die Menschenwürde komme der Person nicht unter der Voraussetzung bestimmter Eigenschaften, sondern allein aufgrund ihrer biologischen Zugehörigkeit zur Spezies Mensch zu.

Gemäß Spaemann ist das Christentum keine Spaßgesellschaft, in der es trivialisiert zu leben gilt. Die ersten Christen starben lieber, als dass sie dem Kaiser huldigten. Aristoteles sagt, das Christentum lehre, dass die Art und Weise, wie sich die Menschen normalerweise verhielten, eine Folge des Abfalls sei. Das Christentum zeigt sich immer wieder in Handlungen, die nicht der Norm entsprechen. Das Evangelium spricht von radikalen Forderungen. Viele Menschen in unserer Gesellschaft führen ein ungesundes Seelenleben, das – verglichen mit einer körperlichen Krankheit – nicht als solche erkannt wird. Trotzdem sind Abtreibung, Embryonenforschung und aktive Sterbehilfe christlich nicht zu rechtfertigen. „Die Einheit von Sein-Denken und Gutsein-Denken ist Gott-Denken“, so Robert Spaemann.

In der anschließenden Publikumsdiskussion kamen theologische und philosophische Fragen zu Themen wie Wahrheitsfähigkeit, menschliche Liebe, Werte oder Dialog mit Andersgläubigen zur Sprache. Spaemann ist davon überzeugt, dass zwischen verschiedenen religiösen Standpunkten eine fruchtbare Auseinandersetzung möglich ist.

[„Das unsterbliche Gerücht“, Robert Spaemann; Klett-Cotta-Verlag, 5. Aufl. Stuttgart 2007; ISBN 3608944524; 264 Seiten, 17,00 EUR]