Rom hat Kampf gegen Missbrauch nie behindert

Schreiben des Vatikans geht auf Vorwürfe aus Irland ein

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Von Guido Horst

ROM, 6. September 2011 (ZENIT.org/die-Tagespost). - Mit einem umfangreichen Schreiben hat der Vatikan auf Vorwürfe der irischen Regierung reagiert, Rom habe in der Vergangenheit die Untersuchung von Fällen sexuellen Missbrauchs durch Kleriker in Irland unterdrückt oder behindert. Diese Anklage, die von irischen Regierungsvertretern nach der Veröffentlichung des Cloyne-Reports im vergangenen Juli erhoben worden war, hatte zu einer diplomatischen Verstimmung zwischen Rom und Dublin geführt. Das Staatssekretariat berief den Apostolischen Nuntius in den Vatikan zurück.

Am vergangenen Samstag nun hat der zweite Mann in der für die Beziehungen zu den Staaten zuständigen Abteilung des vatikanischen Staatssekretariats, Prälat Ettore Balestrero, die in sechs Wochen Arbeit erstellte Antwort Roms der Geschäftsträgerin der Republik Irland beim Heiligen Stuhl, Helena Keleher, überreicht. Darin wird versichert, dass der Vatikan zu keiner Zeit versucht habe, die Untersuchung des Umgangs mit Missbrauchsfällen durch die irische Regierung oder durch die irischen Bischöfe zu verhindern oder zu unterlaufen.

Am 20. Juli hatte der irische Ministerpräsident Enda Kenny den Vatikan in einer Parlamentsrede scharf angegriffen. Unter anderem warf er Rom vor, man habe dort noch bis 2008 die Verfolgung von Straftaten in Irland ins Leere laufen lassen und die „Vergewaltigung und Folter von Kindern heruntergespielt“, um den Ruf der Institution Kirche zu retten. Der Cloyne-Report behandelt Beschuldigungen gegen neunzehn Geistliche, die sich über einen Zeitraum zwischen 1996 und 2009 erstrecken. Er erwähnt auch Beschuldigungen gegen den ehemaligen Bischof von Cloyne, John Magee, wegen Küssen auf die Stirn eines Seminaristen. Zwar bewertet der Cloyne-Report die 1996 erstmals beschlossenen Missbrauchs-Richtlinien der irischen Bischöfe positiv, doch wirft er dem Vatikan vor, er habe noch 1997 diese strengen Richtlinien als kirchenrechtswidrig bezeichnet und damit die Aufklärung behindert.

In dem jetzt überreichten Antwortschreiben Roms heißt es zu den Vorgängen im Bistum Cloyne, die zu einer weiteren schweren Vertrauenskrise der katholischen Kirche in Irland geführt hatten, der Vatikan habe den Bericht, der „schwere und verstörende Fehler im Umgang mit Anklagen sexuellen Missbrauchs von Kindern durch Kleriker“ ans Licht gebracht habe, aufmerksam studiert. Man sei betrübt und beschämt von den Verbrechen des Missbrauchs, man sei aber auch beunruhigt über die schwerwiegenden Fehler in der Leitung der Kirche im Umgang damit. Besonders beunruhigend sei es, dass diese Fehler trotz und gegen anderslautende Richtlinien der Bischöfe und Ordensoberen sowie gegen die Normen des Vatikans geschehen seien.

Sodann geht das Antwortschreiben im Einzelnen auf die verschiedenen im Cloyne-Report gemachten Vorwürfe ein. Diese betreffen vor allem einen Brief aus dem Jahr 1997, den der damalige Nuntius in Irland, Erzbischof Luciano Storero, an die Bischöfe des Landes gerichtet hatte. Dieser Brief sei als Hinweis gelesen worden, der Vatikan sei gegen einen strikten Umgang mit den Missbrauchsfällen gewesen. Der Vatikan stellt nun die rechtliche Stellung des Briefes klar: Man habe dort lediglich festgestellt, dass die Richtlinien zum Umgang mit Missbrauch, die sich die irischen Bischöfe gegeben hatten, nicht kanonisch verbindlich seien in dem Sinn, dass Rom seine kirchenrechtlich notwendige „Recognitio“, also Bestätigung gegeben hätte. Das habe aber nicht bedeutet, dass man die Richtlinien als gegen das Kirchenrecht verstoßend angesehen habe.

Diese Frage hatte vor allem in Irland für Aufregung gesorgt: Wollten der Vatikan und insbesondere die Kleruskongregation die Anwendung der bischöflichen Regeln unterlaufen? Rom stellt nun fest, dass das kirchenrechtliche Verfahren im Gegenteil sicherstellen wollte, dass die Richtlinien zielführend seien und danach keine kirchlichen Berufungsverfahren die Ungültigkeit von getroffenen Maßnahmen feststellen können. Die Bischöfe liefen im Falle ihrer Anwendung Gefahr, dass der Heilige Stuhl möglicherweise Einsprüchen gegen ihre Vorgehensweise Recht geben müsste und so ihre Anstrengungen auf diesem Feld konterkariert würden. Insbesondere die verpflichtende Meldung von Missbrauchsfällen gebe Anlass zu „ernsthaften Vorbehalten sowohl moralischer als auch kirchenrechtlicher Natur“.

Das Antwortschreiben des Vatikans fragt auch nach dem Stellenwert und nach der Verbindlichkeit des Briefs von 1997. Der Cloyne-Report war zu dem Schluss gekommen, der Vatikan habe den irischen Bischöfen mit diesem Brief die Approbation der Richtlinien verweigert. Das habe diese schließlich darin bestärkt, die kirchlichen Vorschriften zu missachten. Das jüngste Vatikanschreiben hingegen legt dar, dass es sich bei den Richtlinien nicht um ein offizielles Dokument der Bischofskonferenz, sondern nur um ein Studienpapier gehandelt habe. Eine Zustimmung Roms sei daher weder gefragt noch erforderlich gewesen und habe zu keinem Zeitpunkt zur Debatte gestanden. Das eigentliche Problem habe nicht in einer fehlenden Approbation der Richtlinien bestanden, sondern darin, dass sich die irischen Bischöfe nicht an ihre eigenen Bestimmungen gehalten hätten.

In keiner Weise habe der Vatikan außerdem die Zusammenarbeit mit den staatlichen Stellen verhindern wollen, heißt es in dem Text weiter. Kirchenrechtlich korrektes Vorgehen lasse diese Zusammenarbeit ausdrücklich zu. Die Kleruskongregation habe ihre Bedenken gegen die Verpflichtung zur Anzeige von Missbrauchfällen geäußert, habe aber die Bischöfe nicht an Meldungen gehindert, noch sie ermuntert, gegen irisches Recht zu verstoßen. Der damalige Präfekt der Kongregation, Kardinal Dario Castrillon Hoyos, habe das auch in einem Treffen mit irischen Bischöfen sehr klar ausgedrückt. Das Antwortschreiben zitiert ihn mit den Worten: „Die Kirche soll durch ihre Hirten (Bischöfe) in keiner Weise dem legitimen Ablauf der zivilen Gerichtsbarkeit hinderlich sein.“ Schließlich habe sich der irische Staat selber gegen die verpflichtende Meldung entschieden. Es sei schwierig, so der Text, den Vorwürfen, der Vatikan habe irisches Recht verletzt, zu folgen.

Das Vatikan-Dokument geht auch auf die Äußerung einiger irischer Politiker in der jüngeren Vergangenheit ein. So verstehe man zwar den tiefen Ärger in der Öffentlichkeit über die Ergebnisse des Cloyne-Reports, man könne aber die Vorwürfe, die Premierminister Enda Kenny im Parlament gemacht hatte, nur zurückweisen. Man habe keine staatliche Untersuchung behindert. Ebenfalls habe man nicht die Bemühungen der irischen Bischöfe unterlaufen, die Vorfälle aufzuklären, wie es etwa der irische Außenminister gesagt hatte.

Zuletzt, so steht es wörtlich in dem Dokument, „begrüßt der Heilige Stuhl alle objektiven und hilfreichen Beobachtungen und Vorschläge, um mit Bestimmtheit das schreckliche Verbrechen von sexuellem Missbrauch an Minderjährigen bekämpfen zu können. Der Heilige Stuhl möchte noch einmal klarstellen, dass er die tiefe Besorgnis und die Beunruhigung teilt, die die irischen Autoritäten, die Bürger Irlands allgemein und die Bischöfe, Priester, Ordensleute und Gläubigen mit Blick auf die kriminellen und sündhaften Akte des sexuellen Missbrauchs durch Kleriker und Ordensleute ausgedrückt haben. Er anerkennt auch den verständlichen Ärger, die Enttäuschung und das Gefühl des Verrats der Betroffenen – vor allem der Opfer und ihrer Familien – durch diese widerwärtigen und bedauernswerten Handlungen und durch die Art und Weise, wie diese mitunter von kirchlichen Autoritäten behandelt wurden; für all dies möchte (der Heilige Stuhl) sein Bedauern über alles, was geschehen ist, ausdrücken.“ Man sei zuversichtlich, dass die in der Kirche eingeführten Maßnahmen dazu beitragen, dass Missbrauch in Zukunft besser verhindert werden könne. Gleichzeitig wolle man auch die Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat auf diesem Gebiet, denn diese sei für die effektive Bekämpfung der Plage Missbrauch wesentlich.

Für die Kirche in Irland begrüßte der Erzbischof von Dublin, Diarmuid Martin, das jüngste Vatikan-Dokument. Gegenüber Radio Vatikan erklärte er: „Ich glaube, die Leute nehmen das allgemein als eine ernsthafte Antwort wahr. Sie ist durchgearbeitet, stringent und sehr detailliert. Natürlich wird sie erst einmal Zeit brauchen, um gelesen und analysiert zu werden. Ein Punkt, der mich hat aufhorchen lassen, betrifft die Haltung der vatikanischen Glaubenskongregation in den letzten zehn Jahren. Sie hat in diesem Zeitraum offenbar mehr als zwanzigmal darauf hingewiesen, dass die Kirche nationales Recht respektieren muss, wenn es eine Meldepflicht für Missbrauchsfälle gibt. Das zeigt sehr, sehr klar die Haltung der Kongregation und der katholischen Kirche.“

[© Die Tagespost vom 5.9.11]