Rom im Ausnahmezustand

Eine Stadt im Bann des alten und des zukünftigen Papstes

Vatikanstadt, (ZENIT.org) Jan Bentz | 867 klicks

Zwischen den 500 Jahre alten „Armen“ der berninischen Kolonnaden des Petersplatzes strömen die Menschen scharenweise; kaum eine Ruhepause gibt es in den letzten Tagen. Hatte sich bei der letzten Generalaudienz von Benedikt XVI. ein hunderttausendfaches Pilgerheer durch die Stadt ergossen -- Kurzpilgerreisen aus aller Welt waren angesetzt worden -- so mischen sich heute große Pilgergruppen, viele aus Japan, mit italienischen Geschäftsleuten und den annähernd 5000 Journalisten. Sie sind zum Abschied des Papstes nach Rom gereist und gleich da geblieben, um über das Konklave zu berichten -- und natürlich über das ganze Drumherum. Kamerateams suchen unter dem Kolonnadendach Schutz vor dem Nieselregen und interviewen ohne Unterlass die Passanten, immer auf der Suche nach Meinungen über den zukünftigen Papst: Was fühlen sie, was erwarten sie von ihm, was darf er nicht, wen würden sie wählen?

Eine zweistöckige Medienrampe ist auf der Piazza „Pio XII“ genau vor dem Petersplatz aufgebaut, mit Blick auf den Balkon, von dem aus in einigen Wochen oder sogar schon Tagen das „Habemus Papam“ ausgerufen werden wird. Daneben gehen die Restaurationsarbeiten auf dem Petersplatz ungestört weiter, über dem internationalen Sprachgewirr tausender Menschen ertönen Hammerschläge, Schleifen und Sägen…

Am Mittwoch gab es eine herbe Enttäuschung: Die Pressekonferenz der US-Kardinäle im „North American College“, dem Kolleg für Seminaristen aus den USA auf dem Gianicolohügel, wurde abgesagt; alle englischsprachigen Kardinäle dürfen vor der Presse keine Aussagen mehr machen. Dieses Gebot der Diskretion gilt anscheinend auch für die anderen Kardinäle, da wenige von ihnen für Interviews bereit sind und in verdunkelten Bussen und Limousinen direkt zur Halle Pauls VI. im Vatikan fahren, um dort an den Generalkongregationen teilzunehmen. Die Kardinäle haben aber vermutlich auch kein Vertrauen in die Massenmedien, objektive Berichterstattung über die Geschehnisse leisten zu wollen, vielleicht zu Recht.

Kamerateams und mit Stift und Papier bewaffnete Journalisten scharen sich um das Pressebüro des Heiligen Stuhls; jedes Wort von P. Federico Lombardi SJ, dem Pressesprecher, wird aufgesogen und zigfach in Artikeln und Berichten verarbeitet. Heute warten natürlich alle gespannt: Wann wird das Konklave eröffnet?

Aber nicht nur Pilger und Journalisten sind nach Rom gekommen, sondern auch eine Heerschaar von Bettlern. Sie liegen kniend und jammernd vor den Kirchenportalen, Szenen wie aus Reiseberichten im Mittelalter.

Derweil bleiben Fenster und Fensterläden der Papstwohnung geschlossen und vermitteln den Eindruck einer der Brandung widerstehenden Festung. Die riesengroße Statue des heiligen Petrus mit den Schlüsseln in der Hand blickt stumm und milde auf den Platz hinab.

Überall ist in diesen „ papstlosen“ Tagen die Lieblingsbeschäftigung das „Papst-Raten“: Wer wird es sein? Wird es ein Asiate, ein Afrikaner, wird ein „neuer Wind“ in der Kirche wehen? Wird es ein Kardinal Scherer aus Brasilien, ein Mensch im Stil Johannes Pauls II.; wird es ein Polyglott wie der gebildete Kardinal Ouellet, mit einer Theologie, die der Ratzingers gleicht; wird es ein Piacenza oder Scola, Italiener mit Profil?

Während in den Cafés rund um den Petersdom wie bei einer Auktion Namen hin- und her geworfen werden, erinnert der Petersdom, der über dem Grab des dort in der Antike hingerichteten Petrus thront, daran, dass die Kirche schon Aufregenderes als eine Papstwahl erfolgreich durchstanden hat. Bei allem Grübeln über Biographien, theologischen Meinungen und Skandalen im Privatleben der Kardinäle klammern die meisten den Hauptakteur der Papstwahl aus: den Heiligen Geist.

Die aktuellen Probleme der Kirche heute sind nicht mehr die Probleme des Mittelalters oder der Renaissance, sie sind nicht einmal mehr vollständig die Probleme einer „heutigen Zeit“, wie sie noch das Zweite Vatikanische Konzil benannt hatte. Das alles ist bereits Vergangenheit. Die heutigen Probleme der Kirche hat der Heilige Vater Emeritus aufgezeigt, immer im Vertrauen darauf, dass Christus der Kirche einen würdigen Nachfolger Petri schenken wird: die Neuevangelisierung des alten christlichen Kontinents Europa, die Weitergabe des Glaubens von der alten Generation an die neue, die aufblühende Kirche in Asien und Afrika, die „Reform der Reform“, die sich vor allem im Kirchenverständnis und in der Liturgie ausprägen muss, und die innere Reinigung der Kirche.

Benedikt XVI. ist in seinem Pontifikat mit gutem Beispiel voran gegangen, dies anzugehen. Welches Gewicht wird der nächste Papst diesen Herausforderungen geben? Wird man erneut mit einer Diagnose beginnen, wie es vor allem in Deutschland praktiziert und gefordert wird, anstatt durch die in der Überlieferung, dem Lehramt der Kirche und den päpstlichen Magisterien bereits in Fülle zur Verfügung stehenden Mitteln die Krankheiten von Kirche und Welt heilen zu helfen?

Für eine Lösung und eine erschöpfende Antwort auf diese Fragen bleibt nur: „Expectemus Papam!“ (Warten wir auf den Papst!).