Rom und die Juden

Gespräch mit dem Sekretär der vatikanischen Kommission für die Beziehungen zum Judentum

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Von Guido Horst

WÜRZBURG, 10. Mai 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Ist es nicht so, lautet die erste, nicht ganz ernst gemeinte Frage an den Salesianer-Pater, dass man dann, wenn man zehn Juden vor sich hat, es auch mit zehn unterschiedlichen Meinungen zu tun habe? Nein, mit zwanzig, gibt der Ordensmann lachend zurück, der für sich in Anspruch nehmen kann, Pionierarbeit auf einem Gebiet zu leisten, das für die zweitausend Jahre alte Kirche in gewisser Weise Neuland ist: Der institutionalisierte Dialog mit den Juden. Seit 2002 ist Norbert Hofmann S.D.B. Sekretär der Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum, die im Vatikan beim Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen angesiedelt ist. Präsident der Kommission ist Kardinal Walter Kasper, der als „Ökumene-Minister" des Papstes aber noch zahlreiche andere Aufgaben hat. Als Sekretär der Kommission kann sich Hofmann den Luxus leisten, „full time" für die Juden da zu sein.

Die Kommission wurde 1974 von Papst Paul VI. gegründet, um die in der Konzilserklärung „Nostra aetate" formulierten Prinzipien mit Leben zu erfüllen. Bereits vorher hatte sich in der jüdischen Welt auf ausdrücklichen Wunsch des Vatikans ein offizieller Ansprechpartner der katholischen Kirche konstituiert, das amerikanisch dominierte „International Jewish Committee on Interreligious Consultations", dem Vertreter der Anti-Defamation League, von Bnai Brith oder des American Jewish Committees angehören. Seit 1970 hat es zwanzig Begegnungen zwischen Vatikan und dieser Organisation gegeben - jeweils mit einer abschließenden gemeinsamen Erklärung.

2002 kam auf Anregung Johannes Pauls II. ein zweiter Ansprechpartner hinzu: das Oberrabbinat in Israel, mit dem die vatikanische Kommission für die Beziehungen zum Judentum seither achtmal in Rom beziehungsweise Jerusalem zusammengekommen ist. „Der Kontakt mit dem Oberrabbinat Israels", so Hofmann, „hat uns den Weg zur jüdischen Orthodoxie geöffnet." Auch anderen jüdischen Institutionen stünde man zur Verfügung, erklärt der Pater weiter. Das Judentum sei sehr vielfältig und facettenreich, zentrale Organisationen seien ihm fremd, es kenne keine hierarchische Strukturen. Und wenn es zentrale Organisationen gebe wie die beiden Hauptansprechpartner des Vatikans, dann seien sie auf Druck von außen entstanden, erklärt Hoffmann: das „International Jewish Committee" auf Bitten des Vatikans, der nicht mit einer Vielzahl unterschiedlicher Organisationen einen Dialog führen wollte, und das Oberrabbinat Israels bereits auf Veranlassung des muslimischen Sultans.

Nach einem Durchbruch im Verhältnis zwischen Vatikan und Judentum - dem Grundlagenvertrag von 1993 und der Aufnahme diplomatischer Beziehungen ein Jahr später - kam die große Krise. 1994 verlieh der Vatikan dem von der Waldheim-Affäre belasteten österreichischen Bundespräsidenten den Pius-Orden, auf dem Gelände des Konzentrationslagers Auschwitz wollten Ordensfrauen ein Kloster gründen. Der Dialog mit den Juden brach ab. „Für drei Jahre bewegte sich kaum etwas", meint Hofmann, um auch deutlich zu machen, wie sehr sich das Verhältnis zum Judentum seither gebessert hat: „Heute können wir Konflikte ganz anders lösen. Die Williamson-Affäre haben wir in zwei, drei Wochen geklärt", sagt er und nennt auch den Grund, warum den Juden der Kontakt zum Vatikan so wichtig ist: „Eine der wichtigsten Motivationen der Juden für den Dialog ist die, dass sie Verbündete brauchen im Kampf gegen den Antisemitismus. Das hält uns zusammen. Da können Krisen kommen, wie sie wollen, beide Seiten müssen immer wieder ran."

Wobei der Vatikan die Beziehungen zwischen Kirche und Judentum durchaus theologisch begründet wissen will. „Wir Christen haben jüdische Wurzeln", meint Hofmann, „Jesus war Jude, die Apostel waren Juden, Maria war Jüdin. Da gibt es eine Basis, nicht zuletzt die Zehn Gebote. Wir sind sehr an einem theologischen Dialog interessiert", bekräftigt der Pater und weist darauf hin, dass sich dieser in den letzten zehn Jahre nach und nach entwickelt hat - mit dem israelischen Oberrabbinat etwa in Fragen der Religionsfreiheit. Ob denn der Staat Israel in den Gesprächen eine Rolle spiele? „Auf jeden Fall", meint Hofmann. „Land und Volk sind schon im Alten Testament Verheißungsgüter. Insofern spielt das Land, dass die Juden heute mit dem Staat Israel identifizieren, eine große Rolle." Da gebe es durchaus religiöse Konnotationen, das Judentum sehe Israel als jüdischen Staat. Der Besuch jetzt von Papst Benedikt, so Hofmann, sei für die Juden auch eine Bestätigung, dass Israel für den Vatikan und die katholische Kirche eine besondere Bedeutung habe.

Die Karfreitagsfürbitte hat nichts mit Proselytismus zu tun

Die Tatsache, dass die von Papst Benedikt für den außerordentlichen Ritus neu formulierte Karfreitagsfürbitte Irritationen ausgelöst hat, begründet Hofmann damit, dass die Juden dieses Gebet als Aufruf zur unmittelbaren Judenmission missverstanden hätten. Ein über Monate währender reger Briefwechsel der Kommission mit den jüdischen Ansprechpartner sei die Folge gewesen. Kardinal Kasper habe dargelegt, dass diese Fürbitte eschatologischen, das heißt endzeitlichen Charakter und nichts mit Proselytismus zu tun habe. Eine ähnliche Erklärung habe es von Seiten des Kardinalstaatssekretärs gegeben, womit sich die Aufregung in der jüdischen Welt dann wieder gelegt habe.

Doch Hofmann fügt an, dass es sich dennoch um ein komplexes Thema handle. „Dass wir Jesus Christus verkündigen müssen, zu jeder Zeit und vor allen Menschen, das ist völlig klar. Die Kirche hat eine missionarische Struktur. Ich hänge mein Christsein nicht an den Nagel, wenn ich im Gespräch mit den Juden bin", meint der Pater und weist auf ein Missverständnis auf katholischer Seite hin: Johannes Paul II. habe 1980 in Mainz erklärt, dass der Alte Bund mit dem jüdischen Volk nie gekündigt worden sei. Das sei von manchen so verstanden worden, als ob es für die Juden einen separaten Heilsweg gebe. Das sei eine „theologische Verirrung". Mission hat nichts mit Zwangsbekehrung zu tun, es sei eine Einladung, den Glauben an Jesus Christus zu teilen. „Wenn wir den universalen Heilsanspruch Jesu Christi aufgeben, geben wir uns selber auf. Dann öffnen wir dem Relativismus Tür und Tor", erklärt der Pater.

Für die jüdische Öffentlichkeit erhofft sich Hofmann vom Israel-Besuch des Papstes ein „Erwachen". Es sei der zweite Papst in Folge, den die Israelis in Sammlung vor der Klagemauer und im Gespräch mit den politischen und religiösen Autoritäten erleben würden. Das könne helfen, das Christentum bekannter zu machen. Junge Juden würden von ihm aus ihren Religionsbüchern kaum etwas erfahren. Für den Dialog seiner Kommission mit dem Judentum sei die Visite in jedem Fall ein Stimulus. „Wenn Papst Benedikt im November noch die römische Synagoge besucht", so Hofmann abschließend, „dann ist er der Papst, der in kürzester Zeit am meisten für den Dialog mit den Juden getan hat: Er ist der Papst, der drei Synagogen besucht hat, der jüdische Gruppen empfängt, der Auschwitz besucht hat und der in Israel war."

[Die Tagespost vom 9. Mai 2009]