Rom und Helsinki - so fern und so nah

Professor Juha Pentikäinen spricht über die Bedeutung des Dialogs zwischen den Kulturen und der Bewahrung der Tradition von Völkern

Rom, (ZENIT.org) Federico Cenci | 341 klicks

Die auf dem Gianicolo errichtete Villa Lante, ein geschmackvoller Renaissancebau, bietet ein eindrucksvolles Panorama auf die Stadt Rom. Dieser Blick auf die vielen aus dem 15. Jahrhundert stammenden Kuppeln und Dächer unter der warmen Frühlingssonne nimmt mich gefangen und mir wird bewusst, welch große Entfernung – nicht nur in geographischer Hinsicht – zu Helsinki besteht. 

Dieser Gedanke kommt nicht von ungefähr. Seit 1950 ist die Villa Dante der Sitz der finnischen Botschaft beim Heiligen Stuhl sowie des „Institutum Romanum Finlandiae“. Ich befinde mich hier in Begleitung von Juha Pentikäinen, einem vielzitierter Autor und Professor für Religionswissenschaften an der Universität Helsinki, der sich der Erforschung der Traditionen und der Religiosität der Völker verschrieben hat. 

Professor Pentikäinen ist davon überzeugt, dass ein wesentlicher Beitrag zum Frieden darin bestehe, die Abtrennung der Wurzeln des Geistes zu verhindern. Zur Einführung in seine Gedankenwelt berichtet er mir vom „Kalevala“, einem auf alten finnischen Gedichten und Volksgesängen basierenden Epos aus dem 19. Jahrhundert. In seinem Buch „La mitologia dei Kalevala“ (zum zweiten Mal ins Italienische übersetzt; dt: Die Mytologie des Kalevala [Anm.d.Ü.]) widmet Pentikäinen dem Thema eine eingehende Auseinandersetzung und betont den Beitrag dieses Epos zur „Identität des finnischen Volkes“.

Sein Aufsatz illustriert die Verbindung der nordischen Mentalität mit dem „Schamanismus und der Natur“ in einer Art kulturellem Pantheismus. Dieser Aspekt lässt die Kluft zwischen Rom und Helsinki noch tiefer erscheinen. Allmählich erkenne ich jedoch, dass dies nicht zutrifft.

In seinen Ausführungen zur Evangelisierung seines Landes hebt Juha Pentikäinen hervor, dass Finnland zunächst dem Einfluss der Ostkirche und später des lutherischen Christentums unterlegen sei. Er bemerkt dazu: „Dieser geschichtliche Weg förderte die Entstehung einer Kultur, in der diese beiden unterschiedlichen Formen der Religiosität und die pantheistische Tradition des autochthonen Volkes vereint sind“.

Ein entscheidender Wegbereiter der Transkription und der Entwicklung der finnischen Sprache war der erste lutherische Bischof Finnlands, Mikael Agricola, der im Jahre 1548 die Bibel übersetzte. Vor ihm hatte der hl. Heinrich von Uppsala im 11. Jahrhundert das Christentum unter den finnischen Völkern verbreitet und war von einem Mann, den er von einer Schuld befreien wollte, auf dem Eis erschlagen worden. Dem Professor zufolge stehe seine Gestalt in Verbindung mit der Figur des Bären, der in der finnischen Tradition eine starke Symbolkraft besitzt. Während seines Begräbnisses sei der hl. Heinrich von einem Tuch aus Bärenfell bedeckt worden. Dies sei ein Ausdruck jener Verbindung zwischen den beiden Kulturen, die im „Kalevala“ schon zuvor aufgezeigt worden war. So ist am Ende des zweiten Teils dieses Epos von der Geburt eines Kindes zu lesen, die der Professor nicht ohne Scheu als „Ankündigung der Geburt Christi“  bezeichnet. Ich folge seinen Ausführungen mit Interesse und spüre, wie die Distanz zwischen den beiden Städten schwindet.

Es bedarf jedoch auch großer menschlicher Figuren, um tragfähige Brücken zwischen den Kulturen zu errichten. In diesem Zusammenhang bemerkt mein Gesprächspartner: „Als ich jünger war, begleitete ich einmal eine Delegation finnischer Bischöfe während ihres Besuchs im Vatikan und hatte das Vergnügen, Johannes Paul II. die Hand zu reichen. Sofort begriff ich, dass dieser Mann ein Heiliger war“. Als guter Beobachter und Religionswissenschaftler erkannte er dies an einem Zeichen. Im Rahmen dieses Anlasses sei der Papst auch Vertretern der ukrainischen Kirche begegnet. Den Umstand, dass Johannes Paul II. mit so großer Freude eine nordische und eine östliche Delegation am gleichen Tag empfangen habe, hielt der Professor für äußerst bedeutungsvoll.

Heute sei es laut Prof. Pentikäinen notwendig, den Johannes Paul II. eigenen Geist des Dialoges wiederzuentdecken und auf breiter Ebene zur Entfaltung zu bringen. Der Religionsunterricht sei in diesem Sinne ein nützliches Werkzeug. Pentikäinen zufolge solle der in Finnland ab dem Kindergarten verpflichtende Religionsunterricht überall als Vorbild dienen. Mit einem Anflug von Ironie ergänzt er: „Das Verbot des Religionsunterrichtes zum Schutz der Religionsfreiheit führt zu einer Unfähigkeit, sich für den anderen zu öffnen“.

Das Wissen um die Traditionen der Völker wird die Menschheit retten. Mein Gesprächspartner erinnert in diesem Zusammenhang daran, dass „vier Personen von fünf die weltweit am weitesten verbreiteten Sprachen verwenden, während das Kaleidoskop alter ethnischer Minderheiten der Arktis ca. 200 Sprachen umfasst“. Diesbezüglich spricht der Professor von einem „traditionsreichen Erbe“. Dennoch sind sie laut Prof. Pentikäinen einer Gefahr ausgesetzt: dem ungebremsten Streben nach Fortschritt, der unter anderem das Abschmelzen der Gletscher bedingt. Dies sei „eine wahre Katastrophe für diese Völker und künftig für die gesamte Welt“.

Der Professor wünscht sich daher ein der Umwelt gegenüber verantwortlicheres Entwicklungsmodell. Aus diesem Grund habe ihn „Papst Franziskus positiv beeindruckt. Neben seinen besonderen Botschaften kann er auch zuhören“. Ebenso verstehe er es, der „Vielfalt“ der Menschheit mit Achtung zu begegnen.