„Rombesuch“ diesseits der Alpen

Von Ulrich Nersinger

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WÜRZBURG, 31. August 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Die niederländische Version der Internet-Enzyklopädie Wikipedia benennt die Ortschaft Oudenbosch als ein „dorp“ (Dorf) im Westen der Provinz Nord-Brabant. Wer von Breda oder Rotterdam einen Abstecher zu dem „dorp“ unternimmt, erlebt eine Überraschung, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Der kleine Ort, seit 1997 der Gemeinde Halderberge einverleibt, präsentiert sich mit einer imposanten Basilika, deren Größe in keinem Verhältnis zur Einwohnerzahl von Oudenbosch steht. Der Besucher, der das Gotteshaus zum ersten Mal sieht, reibt sich erstaunt die Augen. Er blickt auf eine Fassade, die ihn an die Lateranbasilika erinnert. Der übrige Bau versetzt ihn dann noch mehr in die Ewige Stadt, er zeigt eine unverkennbare Ähnlichkeit mit dem Petersdom in Rom.



Die Maße wie bei St. Peter in Rom – nur eben etwas kleiner

Die Kirche in Oudenbosch, die unter dem Patronat der heiligen Agatha und der heiligen Barbara steht, ist einundachtzig Meter lang und fünfundfünfzig Meter breit; sie erreicht eine Höhe von dreiundsechzig Metern. Die Maße der Basilika entsprechen St. Peter in Rom – nur eben etwas kleiner. Und auch das Innere des Gotteshauses ahmt die Grabstätte des Apostelfürsten nach. In der Vierung steht eine getreue Nachbildung des Papstaltares von Bernini. Vier Säulen, die auf marmornen Sockeln ruhen, tragen den Baldachin, der aus Gips gefertigt und mit vergoldeter Bronze überzogen ist. Darüber wölbt sich die gewaltige Hauptkuppel, die wie ihr römisches Vorbild als Inschrift die Primatsverheißung an den heiligen Petrus aufweist.

Die Apsis der Kirche beherbergt ebenfalls „Römisches“. Die strahlende, von Wolken und schwebenden Engeln umgebende Gloriole mit der Taube als dem Symbol des Heiligen Geistes und der prachtvolle Sakramentsaltar sind ihren Originalen in St. Peter exakt nachgebildet. Nicht einmal auf die berühmte, Arnolfo di Cambio zugeschriebene Statue des heiligen Petrus in der Vatikanischen Basilika braucht der Besucher zu verzichten; im Mittelschiff der Kirche steht eine Kopie des bekannten Werkes. Den wichtigsten Imitaten in der Oudenboscher Basilika, dem „Papstaltar“ und dem Sakramentsaltar, versuchte man sogar eine bestimmte Art von Authentizität zu geben – deren Mensen ließ man aus Steinplattem, die man in den römischen Katakomben fand, anfertigen.

Die Baupläne für das Gotteshaus stammen aus der Feder des berühmten Roermonder Architekten Petrus Josephus Hubertus Cuypers (1827–1921), dem die Stadt Amsterdam unter anderem das Rijksmuseum und den Zentralbahnhof verdankt. Die Arbeiten an der Oudenboscher Kirche hatten 1865 begonnen; fünfzehn Jahre später war die Weihe durch den Bischof von Breda erfolgt. Die Fassade sollte dann 1892 fertiggestellt werden. 1911 erhob der heilige Pius X. das Gotteshaus in den Rang einer „Basilika minor“.

Vor der Basilika, mitten auf dem Kirchplatz, findet der Besucher ein seltsames Denkmal. Es zeigt Papst Pius IX. (1846–1878), der einen vor ihm liegenden sterbenden Soldaten segnet. Das Monument verrät, warum in Oudenbosch eine Kopie des Petersdoms mit der Fassade der Lateranbasilika entstand. Im letzten Jahrzehnt des alten Kirchenstaates, in den Jahren 1860 bis 1870, sah man sich in Rom mit dem Risorgimento, dem Streben nach der politischen Einheit Italiens, konfrontiert. Die Freischärlerbanden Giuseppe Garibaldis und das savoyische Königshaus versuchten diese auch militärisch zu erzwingen und bedrängten vehement das weltliche Herrschaftsgebiet des Papstes.

Der Kirchenstaat rief damals Katholiken aus aller Welt zu Hilfe. Es entstand eine Armee, die sich dazu verschrieben hatte, die Rechte des Papstes zu verteidigen und die Freiheit der Kirche zu sichern. Zu den Regimentern des kleinen Heeres zählte auch das „Korps der Päpstlichen Zuaven“, in dem Freiwillige aus vielen katholischen Ländern Dienst taten. Mit gut 3 200 Mann bildeten die Niederländer das stärkste Kontingent des Korps. Oudenbosch wurde in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts zum „Verzamelcentrum“, zum Sammelplatz der Zuaven-Anwärter, bevor diese die Niederlande in Richtung Rom verließen.

Das Entstehen der „Basiliek van de H. H. Agatha en Barbara“ und ihre „römische Prägung“ wäre nicht denkbar gewesen ohne die damals enge Bindung der niederländischen Katholiken an ihre Kirche und vor allem an den Nachfolger des heiligen Petrus. Die Treue zum Papst glaubte man in dieser Zeit nicht nur ideell, sondern auch durch den Einsatz des eigenen Lebens bezeugen zu müssen. In Oudenbousch zeigte sich die Anhänglichkeit an Rom in all ihren Nuancen.

Die nicht uninteressante Geschichte der Päpstlichen Zuaven wird im „Nederlands Zouavenmuseum“ vermittelt, das im ehemaligen Gemeindehaus von Oudenbosch untergebracht ist. Noch heute finden sich in den Niederlanden Spuren dieses katholischen Freiwilligenregiments. Aus den Veteranenverbänden entstanden später unter anderem Sportvereinigungen, die bis dato im Vereinsnamen die Bezeichnung „Zouaven“ tragen.

[© Die Tagespost vom 28.8.2007]