Ruf nach Kurswechsel

Appell zum Welternährungstag: Bundesregierung sollte ihre Förderpolitik überdenken

Aachen, (MISEREOR) | 319 klicks

Anlässlich des Welternährungstages fordern MISEREOR, BÖLW und die afrikanische Nichtregierungsorganisation INADES die künftige Bundesregierung zu einem Kurswechsel in ihrer ländlichen Entwicklungspolitik auf. Statt auf symbolische Partnerschaften mit dem Agribusiness zu setzen solle die neue Bundesregierung mindestens 10 Prozent ihrer Entwicklungsgelder in bäuerliche Landwirtschaft investieren. Derzeit kommt nur ein geringer Teil der ländlichen Entwicklungsförderung Kleinbauern unmittelbar zugute. 

Francis Ngang, Hauptgeschäftsführer von INADES, betont: "Forschung und Politik sind sich in der Theorie einig. Die Basis für eine gesicherte Versorgung mit Lebensmitteln in allen Regionen der Welt sind bäuerliche Familienbetriebe. Kleinbauern wurde das Wirtschaften in den vergangenen 30 Jahren aber massiv erschwert. Ihre Märkte wurden durch Handelsliberalisierungen mit Produkten aus dem Ausland überschwemmt, Forschung und Beratung wurden privatisiert und der Zugang zu Lagerhaltung und fairen Krediten erschwert." 

Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender des Dachverbandes der Biobranche in Deutschland (BÖLW) ergänzt: "Stabile Ernährungssysteme, ganz egal ob in Afrika oder hier in Europa, entstehen ohne die teuren Produkte der Agrarchemie. Sie erfordern Investitionen in lokale Infrastrukturen und in die Köpfe der Bauern selbst. In afrikanischen Ländern haben über 10 Millionen Bauern durch partizipative Forschung in agrar-ökologische Intensivierung ihre Erträge mehr als verdoppelt." Da werde gezielt in bäuerliche Produktivität investiert. Was fehle, sei ein umfassender Ansatz; von Regierungen unterstützt. 

Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer des katholischen Hilfswerks für Entwicklungszusammenarbeit MISEREOR, erläutert: "Die scheidende Bundesregierung hatte in ihrem Konzept zur ländlichen Entwicklung das "Primat der Förderung kleinbäuerlicher Landwirtschaft angedacht. Die neue Regierung muss dieses Denken weiterentwickeln und neue Impulse setzen, indem sie 10 Prozent der Entwicklungsgelder gezielt in bäuerliche Betriebe und lokale Marktstrukturen investiert. Gerade gegenüber den afrikanischen Regierungen wäre dies ein starkes Zeichen." Vor zehn Jahren hat sich die afrikanische Staatengemeinschaft verpflichtet, 10 Prozent ihrer Staatshaushalte in die Landwirtschaft zu investieren. Von 40 beteiligten Staaten sind dem bislang nur 8 Regierungen nachgekommen.

"Während die Zahl der hungernden Menschen, die nicht in der Lage sind, ihren Kalorienbedarf zu decken, laut FAO leicht auf 842 Millionen zurückgegangen ist, leiden 2 Milliarden Menschen täglich unter Vitamin- und Mineralstoffmangel. Das zeigt: Einfach mehr Nahrungsmittel zu produzieren ist nicht die Lösung. Wir brauchen vielfältige, gesunde Ernährungssysteme vor Ort, um das zu ändern", ergänzt Francis Ngang. "Das kommende Jahr haben die Vereinten Nationen aus gutem Grund zum "Internationalen Jahr der Familiären Landwirtschaft" ausgerufen. Die deutsche Regierung kann sich mit einer ambitionierten Agenda an die Spitze der Bewegung stellen." 

Hintergrundinformationen:

Gegenwärtig veranschlagt das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) mit mehr als 700 Mio. Euro zwar ca. 11 Prozent des Entwicklungsetats für die ländliche Entwicklung. Jedoch kommt nur ein kleiner Teil dieser 11 Prozent der kleinbäuerlichen Landwirtschaft unmittelbar zugute.Das BMZ Strategiepapier "Förderung einer nachhaltigen Landwirtschaft" findet sich unter http://www.bmz.de/de/publikationen/reihen/strategiepapiere/Strategiepapier327_03_2013.pdf

Die von Herrn Prinz zu Löwenstein zitierte Studie "Sustainable Intensification in African Agriculture" wurde von den Autoren Pretty / Toulmin / Williams im Rahmen des "Foresight Global Food and Farming Project" der britischen Regierung erstellt und findet sich unter http://www.tandfonline.com/doi/pdf/10.3763/ijas.2010.0583