"Ruf zur Umkehr" von Georg Kardinal Sterzinsky

Hirtenbrief des Berliner Erzbischofs zur österlichen Bußzeit 2006

| 600 klicks

BERLIN, 24. März 2006 (ZENIT.org).- "Was soll Christus sagen, wenn wir alles Mögliche tun, um unsere Schuld zu bewältigen, aber das, was Er als Heilmittel anbietet, nicht beachten? Besser als sich selbst zu absolvieren ist es, sich von Christus lossprechen zu lassen", unterstreicht Georg Kardinal Sterzinsky, Erzbischof von Berlin, in seinem diesjährigen Fastenhirtenbrief.



In seinem Schreiben, das ein "Ruf zur Umkehr" sein soll, weist der Kardinal darauf hin, dass die "Versöhnung mit Gott missrät, wenn sie nicht begleitet ist von der Versöhnung mit den Mitmenschen. Aber ebenso gilt umgekehrt: Die Erneuerung des Lebens verlangt nach der Vergewisserung der Versöhnung, und die Kraft zur Besserung empfangen wir im befreienden Wort der Lossprechung."

Bei Christen sei die "wohl am häufigsten anzutreffende 'Erkrankung' der Liebe zu Gott" die Lauheit: "Die Liebe erkaltet allmählich, der Christ gewöhnt sich an eine kalkulierte Mittelmäßigkeit und setzt damit der göttlichen Liebe eine Grenze." Dagegen wandelten der Blick und die Ausrichtung des eigenen Lebens auf Gott auch "die Beurteilung der eigenen Lebenswirklichkeit. Oft ist zu hören, uns Christen fehle das Schuldbewusstsein. Das stimmt aber wohl nur teilweise. Von Versagen, Fehlern und Delikten ist doch allenthalben die Rede, sogar von eigenen Verfehlungen und Unterlassungen. Da reagieren wir vielleicht sogar sehr empfindlich. Aber der Umgang mit der Schuld ist eigentümlich verflacht. Was viele nicht verstehen, ist die Tatsache: Meine Schuld hat etwas mit Gott zu tun. Sie ist eine Missachtung Seiner Liebe und ein Widerspruch zu Seinem Willen und Seinen Absichten. Das ist die eigentliche Tiefendimension von Schuld. Ohne sie bleiben unsere Überlegungen zu Umkehr und Buße oberflächlich."

* * *



Liebe Schwestern und Brüder!

"Gott ist die Liebe." So lautet der Titel der ersten Enzyklika unseres Heiligen Vaters, Papst Benedikts. Dieses Lehrschreiben ist an uns alle gerichtet, die wir gemeinsam Kirche sind. Zu Beginn zitiert der Papst aus dem 1. Johannesbrief: "Wir haben die Liebe erkannt, die Gott zu uns hat, und ihr geglaubt" (1 Joh 4,16). Und er fährt fort: "So kann der Christ den Grundentscheid seines Lebens ausdrücken. Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt."

An dieses Wort möchte ich anknüpfen. Jeder von uns ist eingeladen, sich selbst die Frage zu stellen: In welche Richtung bewegt sich mein Leben? Zu welchem Ziel bin ich unterwegs?

Wenn wir uns ernsthaft dieser Frage stellen, dann sind wir ganz nahe bei dem, was die Heilige Schrift Buße nennt.

I.Umkehr: Hinwendung zu Christus

In unserem Sprachgebrauch wird das biblische Wort "Buße" häufig mit dem Gedanken an Strafe verknüpft. Ganz abwegig scheint das auch nicht zu sein, denkt man etwa an den Bußgeldkatalog, mit dem Fehlverhalten geahndet wird, beispielsweise im Straßenverkehr. Im Munde Jesu und im Sprachgebrauch der Kirche ist Buße jedoch nicht gleichbedeutend mit Strafe. Da bedeutet Buße nicht Strafe, sondern Umkehr.

Was gemeint ist, mag ein Bild verdeutlichen: Ein Mensch ist auf dem Weg zu einem bestimmten Ziel. Plötzlich erkennt er, dass er sich verlaufen hat: "Das ist ja der falsche Weg; ich laufe in die verkehrte Richtung." Natürlich geht er auf diesem Weg nicht weiter. Er kehrt um, orientiert sich neu und schlägt den Weg ein, der ihn zuverlässig ans Ziel führt.

In diesem Sinn ist Buße Kehrtwendung, Umkehr, Neuorientierung. Um dies auszudrücken, nennt die Kirche die Zeit der Vorbereitung auf Ostern Bußzeit. Die früher gebräuchlichere Bezeichnung "Fastenzeit" lässt sie in den Hintergrund treten. Denn bei allem Fasten, wenn es denn einen geistlichen Sinn haben soll, muss die Hinwendung zu Jesus Christus stehen und mit Ihm zum Vater.

II. Antwort auf die Liebe Gottes

Das ist das erste, was wir in der österlichen Bußzeit zu tun haben: uns wieder voll Vertrauen hinzuwenden zum gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Denn Jesus Christus eröffnet den Horizont unseres Lebens, in dem sich das Wort bewahrheitet: "Gott ist die Liebe."

Christliche Buße beginnt mit der Frage, die sich jeder/jede ganz persönlich stellen muss: In welche Richtung geht mein Leben?, und zwar mein Leben so, wie es ist: mit seiner großen Spannweite vom tagtäglichen Einerlei über geradezu unerträgliche Tage bis hin zu den von Glück und Freude erfüllten Stunden; von der vermeintlichen Sinnlosigkeit bis zur Erfüllung einer tiefen Sehnsucht.

Wodurch wird mein Leben bestimmt? Menschen geben verschiedene Antworten auf diese Frage. Die einen nehmen ihr Leben gleichsam "Schicksal ergeben" hin; es gehe, wie es gehe. Andere leiden, weil sie sich ohnmächtig fühlen und durch die Macht der Verhältnisse fremdbestimmt. Wieder andere lassen sich treiben, meinen womöglich, dadurch das Beste aus ihrem Leben zu machen nach dem Motto: "Drum nutze noch die Zeit, früh bis zum Morgenrot; man lebt nur kurze Zeit und ist so lange tot!" Im Wissen darum, dass der Tod unausweichlich ist, beginnt mancher aber auch an seinem Wert und seiner Würde als Mensch zu zweifeln.

Schwestern und Brüder, die meisten von uns werden wahrscheinlich sagen können: So schlimm ist es bei mir – Gott sei Dank – nicht. Denn im Glauben vertraue ich: "Mein Wert und meine Würde gründen darauf, dass ich von Gott geliebt bin."

Die religiöse Frage nach dem Horizont und dem Weg meines Lebens reicht weit über die allgemeine Frage nach dem Sinn des Lebens hinaus. Wenn Gott die Liebe ist, wenn seine Liebe im Mensch gewordenen Gottessohn – von Bethlehem bis Golgota – offenbar geworden ist, und wenn ich von Gott aus Liebe nicht nur ins Dasein gerufen wurde, sondern bleibend geliebt werde, heißt die wichtigste Frage meines Lebens: Wie antworte ich auf diese Liebe?

Aus Erfahrung wissen wir: Liebe kann wachsen und reifen; sie kann schwinden und vergehen, ja in Gleichgültigkeit und Hass umschlagen. Das gilt auch von der selbstlosen und lauteren, sogar von der leidenschaftlichen Liebe; ganz zu schweigen von dem, was Liebe genannt wird, aber nur egoistisches Genießen meint.

Die unter uns Christen wohl am häufigsten anzutreffende "Erkrankung" der Liebe zu Gott ist die Lauheit. Die Liebe erkaltet allmählich, der Christ gewöhnt sich an eine kalkulierte Mittelmäßigkeit und setzt damit der göttlichen Liebe eine Grenze. Denn wenn auch Gott in seiner Liebe unbedingt treu ist, wie Jesus im Gleichnis vom barmherzigen Vater verkündet, zwingt er uns nicht zur Gegenliebe.

III. Buße und Bußsakrament

Liebe Schwestern und Brüder!

Wir hören wieder den Ruf zur Umkehr. Wenn wir ihm folgen, werden wir in der Liebe –
zu Gott und den Menschen! – erneuert. Wie kann das geschehen? Ich kann in diesem Hirtenwort nur einige wenige Hinweise geben. Sie sollen zum Nachdenken, auch im Gespräch, anregen.

1. Umkehr und Erneuerung beginnen mit einer nüchternen Wahrnehmung der Wirklichkeit: der Wirklichkeit Gottes und der Wirklichkeit unseres Lebens. Bemühen wir uns deshalb um das rechte Gottesbild! Überwinden wir alle Zerrbilder von Gott und alle falschen Vorstellungen! Hören und lesen wir, was Jesus vom lebendigen Gott sagt. Und schauen wir auf Ihn, der sagen konnte: "Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen" (Joh 14,9)! Dann werden wir erkennen, dass Gott uns Leben in Fülle schenken will und dass wir Ihn verkannt hätten, wenn wir vor Ihm Angst hätten. Ehrfürchtige Liebe und unerschütterliches Vertrauen sind die richtige Antwort.

Im Blick auf Gott wandelt sich auch die Beurteilung der eigenen Lebenswirklichkeit. Oft ist zu hören, uns Christen fehle das Schuldbewusstsein. Das stimmt aber wohl nur teilweise. Von Versagen, Fehlern und Delikten ist doch allenthalben die Rede, sogar von eigenen Verfehlungen und Unterlassungen. Da reagieren wir vielleicht sogar sehr empfindlich. Aber der Umgang mit der Schuld ist eigentümlich verflacht. Was viele nicht verstehen, ist die Tatsache: Meine Schuld hat etwas mit Gott zu tun. Sie ist eine Missachtung Seiner Liebe und ein Widerspruch zu Seinem Willen und Seinen Absichten. Das ist die eigentliche Tiefendimension von Schuld. Ohne sie bleiben unsere Überlegungen zu Umkehr und Buße oberflächlich.

2. Gelebte Buße im Alltag und Empfang des Bußsakramentes gehören zusammen. Die häufige Andachtsbeichte ist bei vielen in Misskredit oder doch in ein Zwielicht geraten, weil sie – angeblich – nicht zur Besserung des Lebens geführt habe.

Tatsächlich bringt das Bußsakrament nicht die volle Frucht, wenn es vom Alltag abgekoppelt ist. Die Versöhnung mit Gott missrät, wenn sie nicht begleitet ist von der Versöhnung mit den Mitmenschen. Aber ebenso gilt umgekehrt: Die Erneuerung des Lebens verlangt nach der Vergewisserung der Versöhnung, und die Kraft zur Besserung empfangen wir im befreienden Wort der Lossprechung. Deshalb soll es keine sakramentale Beichte ohne Buße im Alltag geben. Diese aber bedarf in gewissen Abständen – etwa vor den Hochfesten des Kirchenjahres und vor
persönlichen Gedenktagen – des Bußsakramentes.

Irreführend sind also jene unerleuchteten Stimmen, die behaupten, nach dem letzten Konzil sei die Beichte nicht mehr so ernst zu nehmen; eine Bußandacht reiche auch –
und überhaupt, der liebe Gott sei gar nicht so kleinlich.

3. Ich möchte noch ein paar Argumente für das Bußsakrament anfügen.

-- Das ehrliche Bekenntnis befreit und bringt Vergebung.

Wir kennen es aus eigenem Erleben: Wenn wir etwas angestellt haben, drücken wir uns gern mit Geschick und Raffinesse an der klaren Aussprache vorbei. "Mit der Zeit wird die Sache schon verwachsen", denken wir. Manchmal geschieht es so. Aber die beste Lösung ist es nicht. Manchmal kommt es dann später zum "klärenden Gewitter". Wenn einer sich am Bekenntnis vorbeimogelt, kann es keinen Frieden geben. Es gibt auch den Trend, sich mit dem eigenen Versagen an Gott vorbeizumogeln. Wir haben die Sprüche parat: "Das war ja nicht so schlimm", "Ich hab es ja nicht so gemeint", "Was kann ich denn dafür?", "Die andern machen es doch auch so", "Das hat doch niemand gemerkt", "Ich habe doch keinem direkt geschadet". Wenn es so wäre: Warum ist es dann so schwer zu bekennen? Ist nicht ein ehrliches Bekenntnis doch besser?

-- Das Wort der Vergebung schenkt eine frohmachende Vergewisserung.

Die Lossprechung ist keine Zauberformel. Aber jeder/jede von uns hat es doch schon erfahren, wie es beglückt, wenn einer sagt: "Es ist wieder alles gut. Ich habe dir vergeben." Wir haben es vorher schon am Verhalten gespürt. Nun aber ist es ausgesprochen. Das gibt Mut und bestärkt den Willen, von jetzt an alles besser zu machen.

-- Das Bußsakrament ist ein Geschenk des Herrn an seine Kirche.

Und die Kirche bietet es allen an. Über eine gewisse Zeit hielt sie es für richtig, dass es nur im äußersten Ernstfall gespendet würde. Seit langem lädt sie alle zum häufigen Empfang ein.

Was ist von Christen zu sagen, die dies nicht zu schätzen wissen? Wir ärgern uns, wenn wir Geschenke machen und die Beschenkten am Geschenk herummäkeln. Was soll Christus sagen, wenn wir alles Mögliche tun, um unsere Schuld zu bewältigen, aber das, was Er als Heilmittel anbietet, nicht beachten? Besser als sich selbst zu absolvieren ist es, sich von Christus lossprechen zu lassen.

So lade ich Sie, liebe Schwestern und Brüder, ein, in dieser österlichen Zeit das Bußsakrament neu zu verstehen und es umkehrbereit und dankbar zu empfangen. Es wäre schön, wenn die Jugendlichen die Erfahrungen des Weltjugendtages aufgreifen und in der Gemeinde zu einer "Nacht der Versöhnung" einladen, in der gebetet, meditiert und auch gebeichtet wird.

Ich ermuntere die Ehepaare, Kreise und Gruppen nach dem Empfang des Bußsakramentes in einer Versöhnungsfeier einen neuen Anfang zu machen. Ist es nicht ein bleibendes Erlebnis, wenn Kinder nach der Beichte symbolisch ihre Schuld verbrennen und ein kleines Versöhnungsfest feiern?

Ich wünsche allen von Herzen, dass sie erfahren: Das Bußsakrament ist nicht lästige Pflicht, sondern ein kostbares Geschenk.

So segne Sie alle der barmherzige Gott: der Vater und der Sohn und der Heilige
Geist.

Ihr Erzbischof
+ Georg Kardinal Sterzinsky

Berlin, am 22. Februar 2006

[Vom Erzbistum Berlin veröffentlichtes Original]