Rufmord auf Italienisch

Von Guido Horst

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WÜRZBURG, 10. Dezember 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Er war nicht irgendwer. Als Chefredakteur des „Avvenire“ leitete er nicht allein die Tageszeitung der Italienischen Bischofskonferenz. Dino Boffo war auch Chef des Kirchenradios und des katholischen Fernsehsenders Italiens sowie ein enger Berater Kardinal Camillo Ruinis gewesen, des ehemaligen Konferenzvorsitzenden des italienischen Episkopats und Vikars des Papstes für die Diözese Rom.

Dino Boffo, das war die graue Eminenz der kirchlichen Medienarbeit des Landes. Bis ihn Vittorio Feltri hingerichtet hat. Der wiederum zeichnet als Chefredakteur des meinungsfreudigen Blattes „Il Giornale“, das dem Berlusconi-Clan gehört.

Das Fallbeil, das Feltri Ende August auf den Nacken Boffos niedersausen ließ, war die fette Schlagzeile auf Seite eins seines Blattes: „Supermoralist wegen Belästigung verurteilt“. Es ging darum, dass der Chefredakteur des katholischen „Avvenire“ vor Jahren im Zuge einer homosexuellen Beziehung straffällig geworden sei.

„Il Giornale“ veröffentlichte zum Beleg das Faksimile eines Gerichtsurteils, das Boffo wegen „Belästigung“ zur Zahlung von 516 Euro verurteilte – von sexueller Belästigung war dort nicht die Rede –, und einen anonymen Brief, der dem Chefredakteur von „Avvenire“ eine homosexuelle Beziehung unterstellte und ihn beschuldigte, die Ehefrau des Geliebten mit Telefonanrufen gequält zu haben. Boffo versuchte sich damals zu wehren: Die Anrufe seien von jemand anderem über ein Handy der Redaktion aus geführt worden, er habe die Strafe lediglich gezahlt, um ein weiteres Verfahren zu verhindern. Doch entnervt gab er eine Woche später auf.

Um weiteren Schaden von der Kirche abzuwenden, so die Begründung, gab er seinen Rücktritt von allen Ämtern bekannt und zog sich in sein – wohl geschädigtes – Privatleben zurück. Der Vorsitzende der Italienischen Bischofskonferenz musste für alle Posten Boffos Nachfolger suchen und ernennen.

Beiläufig hat nun Vittorio Feltri in einem kurzen Kommentar zu einer Zuschrift auf der Leserbriefseite von „Il Giornale“ eingestanden, damals einer falschen Anschuldigung aufgesessen zu sein. Der in dem anonymen Brief erhobene Vorwurf, zu der besagten Belästigung sei es im Rahmen eines homosexuellen Verhältnisses gekommen, habe sich bei einer nachträglichen Einsicht in die Prozessakten als unbegründet erwiesen.

Recherchiert haben Feltri und „Il Giornale“ also schon, aber nicht bevor sie Boffo hinrichteten, sondern danach, als dieser erledigt war. „Das ist die Wahrheit“, schrieb Feltri jetzt – ohne ein Wort der Entschuldigung für Boffo übrig zu haben. Dafür speiste er den Verleumdeten mit der netten Bemerkung ab, dieser habe sich „würdevoll“ verhalten und verdiene „Bewunderung“.

Da fragt man sich schon, wie tief Italien im Sumpf des medialen Dauerbürgerkriegs versunken ist, der das Land in Atem hält. Die Breitseite, mit der „Il Giornale“ im Sommer den Chefredakteur von „Avvenire“ versenkte, hatte Boffo ausgelöst, als er in seiner Zeitung einige Leserbriefe veröffentlichte, die sich kritisch zum Privatleben Berlusconis äußerten.

Nach dem Motto „Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen“ wollte daraufhin Feltri dem Chef des katholischen Blatts einen Denkzettel verpassen. Ohne Rücksicht auf die journalistische Sorgfaltspflicht.

Der Kniefall Feltris vor dem „würdevollen“ Geächteten, der im Nachhinein nur „Bewunderung“ verdiene, ging jetzt übrigens in dem Gemetzel weitgehend unter, mit dem sich Berlusconi-Gegner und Anhänger tagtäglich in Radio, Fernsehen und den Zeitungen des Landes bekriegen.

Der Untergang Boffos war dabei so etwas wie ein Kollateralschaden, angerichtet in einer Dauerschlacht, aus der sich die Kirche nur mit größter Mühe heraushalten kann. Das innenpolitische Klima im Stiefelstaat ist vergiftet. Der arme Boffo starb daran.

[© Die Tagespost vom 10.12.2009]