Russland: "Da geht eine ganze Generation verloren"

Glaubenstournee von "Kirche in Not" im Wallfahrtsort Kevelaer

München, (KIN) | 397 klicks

Die Situation des Glaubens und der Ökumene in Russland stand am Samstag im Mittelpunkt eines Begegnungstages des weltweiten katholischen Hilfswerks „Kirche in Not“ im Wallfahrtsort Kevelaer. Aus Beresniki, einer Großstadt am Rand des Uralgebirges, war dazu der Augsburger Diözesanpriester Erich Maria Fink angereist, der die Katholiken der Region betreut. 

Der Tag war Teil der deutschlandweiten „Glaubenstournee“, die „Kirche in Not“ anlässlich des 100. Geburtsjahres seines Gründers, des „Speckpaters“ Werenfried van Straaten, veranstaltet.

Eröffnet wurde die Veranstaltung am Samstagvormittag durch ein von Pfarrer Fink geleitetes Pilgeramt in der Wallfahrtsbasilika Kevelaer, zu dem sich etwa 400 Gläubige versammelt hatten. In seiner Predigt erinnerte sich Fink an seine Kindheit und die Rolle, die Pater Werenfried darin gespielt hatte. „Schon als fünfjähriger Junge wollte ich Priester werden, und im Rundbrief ‚Echo der Liebe‘ habe ich einen Geist gefunden, der mich dabei unterstützt hat“, sagte er. Das Anziehende an Pater Werenfried sei gewesen, dass er „immer direkt und ohne Umschweife von Gott und vom ewigen Leben“ gesprochen habe. 

„Es wurde mir klar, dass ich durch meine Hilfe und mein Opfer ein ‚Echo der Liebe‘ vom Himmel her erhalte.“ Diese Erkenntnis habe sich auch in seinem späteren Priesterleben immer bewahrheitet, betonte Fink. In der Region um Beresniki beispielsweise sei der Glaube während der Sowjetzeit beinahe ausgerottet worden, Christen wurden vertrieben und verfolgt. Überlebt habe die Kirche nur dank der Glaubensweitergabe und des Gebets der „Babuschkas“, der Großmütter. „Wir leben darum aus den Opfern, die früher gebracht wurden“, erklärte Fink. Das sei auch ein Leitmotiv in der Arbeit von „Kirche in Not“: „In dem Maß, in dem wir die Brüder und Schwestern in der Welt unterstützen, kommt Gott ins Spiel – und wir werden sein Echo vernehmen, das Echo seiner göttlichen Liebe.“

Am Nachmittag hatte „Kirche in Not“ zu zwei Podiumsgesprächen ins Petrus-Canisius-Haus eingeladen. Auch dort ging es zunächst um das Leben und Werk Pater Werenfrieds. Die Vorstandsvorsitzende von „Kirche in Not“ Deutschland, Antonia Willemsen, erzählte in Anekdoten über sein Leben und Werk. Sie berichtete, wie der „Speckpater“ mit aller Kraft auf das Ende des Kommunismus hingearbeitet habe und die Kirche im Ostblock für die Zeit nach diesem „Tag X“ vorbereiten wollte. Als die Mauer schließlich fiel, habe Werenfried ausgerufen: „Jetzt können wir endlich alles wieder aufbauen!“ Mit diesem Wiederaufbau sei „Kirche in Not“ bis heute beschäftigt. Willemsen berichtete außerdem über die gefährliche Arbeit des Hilfswerks in der Zeit während des Kalten Krieges. „Einmal wollten wir einen Fotokopierer nach Prag schmuggeln. Also versteckten wir das Gerät unter Decken und Büchern im Kofferraum und eine Frau fuhr damit zur tschechischen Grenze. Dort angekommen sah sie, wie die Beamten ausgerechnet an diesem Tag jedes Fahrzeug öffneten und genau durchsuchten. Verzweifelt fing sie an, den Rosenkranz zu beten. Als sie schließlich an der Reihe war, musste auch sie den Kofferraum öffnen. Doch als sich der Beamte in das Fahrzeug hinein bückte riss plötzlich seine Hose und seine Kollegen fingen laut an zu lachen. Derart bloßgestellt winkte er ihr Auto in letzter Minute ohne Kontrolle durch – das war eine wunderbare Gebetserhörung.“

Das zweite Podium des Nachmittags beschäftigte sich mit dem konkreten Wiederaufbau des Glaubens in Russland. „Kirche-in-Not“-Länderreferent Peter Humeniuk erklärte, dass das Hilfswerk hier sowohl die katholische als auch die orthodoxe Kirche maßgeblich unterstützte. „Das ist nicht nur ganz in Pater Werenfrieds Sinne der Versöhnung, sondern hilft auch konkret der Ökumene: Viele orthodoxe Priester wissen nun, dass ihre Ausbildung von Katholiken unterstützt worden ist“, erklärte Humeniuk. „Auch heute finden sich noch viele Spuren der Christenverfolgung unter dem kommunistischen Regime in Russland“, sagte er. „In fast jedem Dorf gibt es zerstörte oder zweckentfremdete Kirchen. Die orthodoxe Kirche war 1991 komplett am Boden zerstört.“ Viele ihrer Probleme, wie zum Beispiel die manchmal ungenügende Priesterausbildung, seien darin begründet, dass man nach dem Fall des Eisernen Vorhangs versucht habe, „alles auf einmal zu machen“, anstatt den Wiederaufbau langsam anzugehen.

Pfarrer Fink bestätigte diese Sichtweise und fügte hinzu: „Ein großes Problem der orthodoxen Kirche war die Integration von Getauften in die Pfarrgemeinden. Man taufte viele, konnte diese Menschen aber nicht pastoral betreuen.“ Dennoch lebe das religiöse Leben in Russland gerade in den Großstädten wie Moskau oder Perm inzwischen wieder auf. Zu kämpfen hätten die Seelsorger gerade auf dem Land mit einem gewaltigen Sittenverfall, der nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Ideologie über das Land gekommen war. „Die Kirche war leider nicht in der Lage, dieses Sinn-Vakuum zu füllen und wenn man den Alkohol- und Drogenmissbrauch betrachtet, muss man sagen: Da geht eine ganze Generation verloren!“ Fink berichtete darüber hinaus, wie die fehlenden Grundwerte das gesellschaftliche Miteinander konkret zerstört hätten. „Wer Schulden bei der Bank hat, sieht sich schnell mit echten Banditen konfrontiert, die das Geld für die Institute eintreiben. Diese Geldeintreiber schrecken auch vor Gewalt nicht zurück, treiben viele Schuldner in den Selbstmord oder zwingen sie zu bezahlten Organspenden.“ Schlimme Zustände herrschen nach Finks Einschätzung auch in staatlichen Kinderheimen. „Die Erzieher dort beauftragen die älteren Kinder, die jüngeren zu schlagen und zu misshandeln.“ In den Heimen herrsche noch ein „stalinistisches System“.

Die nächste Station der „Glaubenstournee“ von „Kirche in Not“ wird am kommenden Samstag, dem 20. Juli, im Kloster Helfta in Lutherstadt Eisleben stattfinden.  Das Schwerpunktthema dort wird die Situation im Lateinamerika sein. Zu Gast ist dann unter anderem der Erzbischof von Caracas (Venezuela), Jorge Kardinal Urosa Savino.