Russland im Licht der Erscheinungen von Fatima (Erster Teil)

Interview mit Pater Mario Piatti ICMS, Direktor der Zeitschrift "Maria di Fatima"

Rom, (ZENIT.org) Luca Marcolivio | 398 klicks

Marienprophetie von Fatima bezüglich der Weihe Russlands an das Unbefleckte Herz Mariens wieder neu entfacht. Um dieses Thema zu vertiefen führte ZENIT ein Interview mit Pater Mario Piatti, Priester der Diener des Unbefleckten Herzens Mariens und Direktor der italienischen Zeitschrift „Maria di Fatima“, das offizielle Informationsblatt der Kongregation.

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In den letzten Jahren ist viel über die Botschaften von Fatima gesprochen wurden, vor allem über die Aussagen, die Russland betreffen. Was genau geschah damals, und was sagte die Muttergottes wirklich?

Pater Mario Piatti: Um die Geschehnisse von Fatima auf objektive und tatsachengetreue Weise zu rekonstruieren und die Worte, die die Jungfrau an die drei Hirtenkinder richtete, zu erfahren, stützen wir uns vor allem auf die Schriften Lucias. Ihre Authentizität ist unbestreitbar, wenn man bedenkt, dass die Autorin ihre Erinnerungen nur sehr zögernd und nach Aufforderung niederschrieb (sie hätte es vorgezogen, ihr Leben ganz in Gott verborgen und von der Welt vergessen zu führen). Nur aus Gehorsam und nur um die Ereignisse in ihrer vollen Wahrheit zu notieren, schrieb sie ihre Erinnerungen auf. In ihren Erinnerungen findet sich eine klare Erwähnung Russlands im Zusammenhang mit der Erscheinung des 13. Juli 1917. Die selige Jungfrau Maria bietet einen prophetischen Überblick über das gesamte 20. Jahrhundert und warnt vor der Gefahr, die der Menschheit wegen der ausufernden Verbreitung der Sünde droht: „Wenn man auf meine Wünsche hört, wird Russland sich bekehren und es wird Friede sein. Wenn nicht, wird es seine Irrlehren über die Welt verbreiten, wird Kriege und Kirchenverfolgungen heraufbeschwören. Die Guten werden gemartert werden […]. Der Heilige Vater wird mir Russland weihen, das sich bekehren wird.“ Außerdem erneuerte die Muttergottes ihren Aufruf in einer weiteren Vision, die Lucia am 13. Juni 1929 in der Kapelle der Novizinnen im Kloster der Dorotheerinnen in Tuy erlebte: „Es ist die Zeit gekommen, in der Gott erwartet, dass der Heilige Vater zusammen mit allen Bischöfen der Welt die Weihe Russlands an mein Unbeflecktes Herz vornimmt, denn dadurch wird es gerettet werden…“ Russland ist also ausdrücklich von der Mutter des Herrn erwähnt worden, sowohl während der Erscheinungen in Fatima als auch im Verlauf späterer mystischer Erfahrungen von Schwester Lucia.

Das Wiedererwachen des Christentums in diesem großen slawischen Land legt wirklich den Gedanken nahe, dass die Prophetie in diesen Jahren in Erfüllung geht. Stimmt das, oder müssen wir vorsichtig sein, solche Gedanken nicht voreilig zu äußern?

Pater Mario Piatti: Der Fall der Berliner Mauer ist oft mit der feierlichen Weihe in Zusammenhang gebracht worden, die Papst Johannes Paul II. am 25. März 1984 in Rom vor der Marienstatue durchführte, die heute in der Erscheinungskapelle in Fatima aufbewahrt wird. Damals hofften viele auf einen schlagartigen Umschwung der Fronten, auf eine sofortige und totale Bekehrung des gesamten „Ostblocks“. Aber die geschichtlichen Entwicklungen und die spirituellen Wege der Völker haben ihre Etappen und brauchen Zeit, um zu reifen. Die wiederkehrende und ausdrückliche Erwähnung Russlands (ein Wort, das die drei Hirtenkinder nachweislich nicht einmal kannten, so dass sie es wiedergaben, ohne seinen Sinn zu begreifen) verleitet uns natürlich dazu, die späteren Ereignisse im prophetischen Licht der Botschaften von Fatima zu interpretieren; davon sind auch die jüngsten Entwicklungen nicht ausgenommen. Vorsicht ist auf diesem „Minenfeld“ ganz sicher geboten, denn schon oft hat leichtfertiger Triumph einem vorsichtigeren und konkreteren Realismus weichen müssen. Dennoch ist es auf jeden Fall ermutigend, positive Zeichen eines geistigen Wiedererwachens gerade dort festzustellen, wo vor nicht allzu langer Zeit die Wurzeln einer perversen Ideologie, die viele böse Früchte getragen hat, am tiefsten zu sitzen schienen.

Die Rückkehr zum christlichen Glauben im postkommunistischen Russland wird von ermutigenden diplomatischen Kontakten und klaren ökumenischen Fortschritten begleitet. Ist es möglich, in der Botschaft von Fatima auch die Ankündigung einer Reparatur des Bruches zwischen Ost- und Westkirche zu erkennen?

Pater Mario Piatti: Diese klare und direkte Erwähnung Russlands, eines überwiegend orthodoxen Landes, im Rahmen der Ereignisse von 1917, hat mich immer schon nachdenklich gestimmt. Fatima enthält ganz sicher auch einen starken Ruf an das orientalische Christentum, in dem die Verehrung für die Muttergottes und die marianische Spiritualität immer schon eine große Rolle gespielt haben. Andererseits kommt in den Erscheinungen von Fatima dem Heiligen Vater eine zentrale Rolle zu; er erscheint als der Garant der Einheit aller Gläubigen. Ich glaube, dass die Muttergottes uns auf mütterliche Weise ins Herz eines wahrhaft ökumenischen Geistes hat einführen wollen, der die antiken Traditionen der östlichen wie der westlichen Kirche bewahrt, dabei aber im Charisma des römischen Bischofs das unverzichtbare Bindeglied sieht, um die echte Einheit aller Gläubigen der Welt zu sichern. Auch auf diesem Gebiet, für das wir heute besonders empfänglich sind, gelten die großen Werte, auf die die Jungfrau hingewiesen hat: Gebet, Bekehrung der Herzen, Opfer und Buße, unermüdliche Ausübung der Nächstenliebe. Maria beruft keine Kongresse und Treffen ein (womit ich nicht sagen will, dass diese nicht nützlich seien); sie fordert uns stattdessen auf, zu lieben und einen konkreten, ehrlichen, respektvollen Weg des Dialogs und des gegenseitigen Verständnisses zu gehen.

[Der zweite Teil des Interviews folgt morgen, am Dienstag, dem 17. Dezember]