Russland und Heiliger Stuhl: Zusammenarbeit für den Frieden und den Schutz der christlichen Kultur (Erster Teil)

Interview mit Alexander Awdejew, russischer Botschafter beim Heiligen Stuhl

Rom, (ZENIT.org) Federico Cenci | 402 klicks

Noch vor wenigen Jahrzehnten, als die Wolke des Staatsatheismus das „Dritte Rom“ verdunkelte, wäre ein Szenario wie das, was sich in der heutigen geopolitischen Konstellation verwirklicht hat, undenkbar gewesen. Doch die Zeit lässt manchmal erfreuliche Überraschungen reifen: Heute gibt es ein neues gegenseitiges Verständnis zwischen Rom und Moskau, das in dem ehrgeizigen Plan wurzelt, den Frieden zu sichern und die christliche Kultur zu verteidigen. Der Besuch Vladimir Putins, des Präsidenten der Russischen Föderation, im Vatikan ist nur ein Teil dieses Bildes.

Alexander Awdejew, Diplomat mit langjähriger Erfahrung und großer Kenner der katholischen Kirche, seit Mai 2013 russischer Botschafter beim Heiligen Stuhl, sprach in einem Interview für ZENIT über den Rahmen dieser Zusammenarbeit. Gesprächsthema waren unter anderem die gemeinsamen Bemühungen des Kremls und des Heiligen Stuhls um eine friedliche Lösung der syrischen Krise und die Zusammenarbeit für Religionsfreiheit und für die Verteidigung ethischer Werte wie Leben und Familie. Awdejew bestätigte auch, dass eine Begegnung zwischen Papst Franziskus und Kyrill, dem Patriarchen von Moskau und der ganzen Rus, eine Möglichkeit darstelle, die allmählich konkrete Formen annimmt.

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Der Besuch des Präsidenten der Russischen Föderation, Vladimir Putin, beim Heiligen Vater Franziskus, stellt den Höhepunkt der gemeinsamen Bemühungen um Verhinderung des Kriegs, um Frieden und Wiederversöhnung in Syrien dar. Was können Sie uns dazu sagen?

Alexander Awdejew: In der Tat bildeten der Wunsch, einen Krieg in Syrien zu vermeiden, und die gemeinsamen Bemühungen in dieser Richtung einen optimalen Rahmen für den Staatsbesuch. Die Botschaft von Papst Franziskus an den russischen Präsidenten, der auch Vorsitzender des G20 ist, wurde zu einem Schlüsselmoment, der positive Reaktionen sowohl unter den Mitgliedern der G20 als auch der gesamten Welt hervorrief. Der starke und autoritätsvolle Aufruf des Papstes für den Frieden in Syrien hat auch heute noch viel Gewicht und es wird erwogen, ihn zu einem der Themen des geplanten Gipfeltreffens in Genf zu machen.

Die Meinungseinheit über die Probleme und die Zusammenarbeit an deren Lösung ist nicht auf den Syrienkonflikt beschränkt. Auch zu den Themen der Verteidigung der christlichen Identität und der Unterstützung für Leben und Familie scheinen die Positionen der russischen Regierung und des Heiligen Stuhls weitestgehend übereinzustimmen.

Alexander Awdejew: Als Erstes will ich betonen, dass eine grundsätzliche Übereinstimmung darüber besteht, was in der Beziehung zwischen den Staaten Vorrang hat: die Beachtung des internationalen Rechts und der ethischen und moralischen Komponente der zwischenstaatlichen Beziehungen, die Sicherung des Friedens auf der Basis einer gerechten Sicherheit für alle Beteiligten. Der Schutz der christlichen Identität ist ein sehr wichtiger Beweggrund sowohl für uns als auch für den Heiligen Stuhl. Zurzeit arbeiten der Heilige Stuhl und die russisch-orthodoxe Kirche an einer Reihe von Konferenzen und Gesprächen zu diesem Thema.

Doch letztlich geht es nicht um den Schutz der christlichen Identität allein, sondern auch um andere Religionen und Kulturkreise, die ähnlich der christlichen Welt die zerstörerischen Folgen einer weltweiten Radikalisierung und Globalisierung erleben.

Der Schutz der verfolgten christlichen Minderheiten in der Welt ist also ein Thema, dem die russische Regierung genau wie der Heilige Stuhl große Bedeutung beimisst. Welche Maßnahmen stehen zur Debatte, um diesem dramatischen Phänomen Einhalt zu gebieten?

Alexander Awdejew: Priester und Ordensmänner sind oft die ersten Opfer der zahlreichen Kriege dieser letzten Jahre gewesen. So war es in Tschetschenien, wo die russisch-orthodoxen Priester gezielt von den Rebellen ermordet wurden. Dasselbe geschah im Kosovo, wo 150 christliche Heiligtümer zerstört wurden. Ähnlich ist die Lage heute in Syrien. Die diplomatischen Apparate Russlands und des Heiligen Stuhls arbeiten eng zusammen, um Licht zu bringen in das Schicksal der christlichen Priester, die in Syrien von Islamisten entführt wurden.

[Der zweite Teil des Interviews mit Alexander Awdejew folgt am Donnerstag, dem 12. Dezember]