Russlands Präsenz im Nahen Osten und der Besuch des Papstes im Heiligen Land

Interview mit Elena Agapova, Vize-Präsidentin der Kaiserlichen Orthodoxen Palästina-Gesellschaft

Rom, (ZENIT.org) Dario Citati | 247 klicks

Anlässlich des bevorstehenden Papstbesuchs im Heiligen Land sprach ZENIT mit der Vize-präsidentin der Kaiserlichen Orthodoxen Palästina-Gesellschaft, Elena Agapova, über die Aktivitäten der Organisation.

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In den vergangenen drei Jahren wurde ein beträchtlicher Teil der Ressourcen der Kaiserlichen Orthodoxen Palästina-Gesellschaft für die humanitäre Unterstützung der syrischen Flüchtlinge eingesetzt. Können Sie uns über Ihre Position und Ihre Tätigkeit in diesem Zusammenhang berichten?

Seit Beginn des Konflikts in Syrien im März 2011 haben wir die Entwicklungen sehr aufmerksam und mit großer Besorgnis verfolgt; vor allem aufgrund der zunehmenden Verfolgungsversuche der zahlenmäßig großen christlichen Gruppe. Im Februar 2014 fielen mehr als 60 christlich-orthodoxe Kirchen der Zerstörung zum Opfer. Das gleiche Schicksal ereilte zahlreiche von Gläubigen unterschiedlicher Herkunft verehrte Reliquien. Im November 2012 richteten wir als Vertreter der russischen Zivilgesellschaft einen öffentlichen internationalen Appell zur Verteidigung der Christen in Syrien. Dieser Appell wurde vom Patriarchen von Moskau und ganz Russland Kyrill aufgenommen. Dieser ist – wie aufgrund unserer Satzung seit 132 Jahren üblich – kraft seines Amtes unter anderem Präsident der Ehrenmitglieder der orthodoxen Gesellschaft. Vertreter zahlreicher Bereiche der russischen Zivilgesellschaft, darunter Menschen verschiedener ethnischer und religiöser Zugehörigkeit, reagierten auf diesen zivilen Aufruf. Von Vladivostok bis Moskau gelang uns beispielsweise die Sammlung der Gelder für den Erwerb verschiedener medizinischer Vorrichtungen wie Defibrillatoren, Brutkasten für Neugeborene, Rollstühle, Beatmungsgeräte und somit notwendiger Geräte für Behandlungen. Diese übersandten wir an das zentrale Kinderkrankenhaus von Damaskus. Ebenso beschlossen wir, lebensnotwendige Güter, Medikamente und Antibiotika über die höchsten religiösen Autoritäten zu entsenden und somit eine direkte Verbindung zum griechisch-orthodoxen Patriarchen von Antiochien, Johannes X Yazigi, und dem Grußmufti von Syrien, Badreddin Hassoun, herzustellen, die uns aufgrund ihrer ständigen Präsenz über die dringlichsten Bedürfnisse informieren können. Diese Form der Zusammenarbeit belegt, dass eines unserer obersten Ziele in der zivilen Übereinkunft zwischen den verschiedenen religiösen Bekenntnissen besteht. Im Übrigen war Syrien historisch betrachtet stets ein in Bezug auf Religion tolerantes Land und mehrere Jahrhunderte lang ein Beispiel für ein recht friedliches Zusammenleben von Christen und Muslimen. Dieses ist heute in ernster Gefahr.

Das Heilige Land, das der Papst am kommenden 25. Mai bereisen wird, ist ein nach wie vor großen Spannungen ausgesetztes Gebiet außerhalb Syriens. Welche Aufgabe erfüllt ihr und wie gestalten sich die mit den lokalen Vertretern der katholischen Kirche aufgebauten Beziehungen?

Dank ihrer reichen geschichtlichen Erfahrung und ihrer ruhmreichen Vergangenheit unterhält die Kaiserliche Orthodoxe Palästina-Gesellschaft eine große Zahl von Beziehungen zum Nahen Osten: In Ländern wie Palästina, Ägypten und Israel entstand im Zuge unserer 132-jährigen Tätigkeiten ein guter Ruf. Als äußerst positiv betrachten wir die Arbeit von Papst Franziskus und die Übereinstimmung der fundamentalen Werte mit den Katholiken des Nahen Ostens. Beispielsweise besuchte ich in den ersten Monaten des Jahres 2014 anlässlich einer Begegnung mit dem Maronitischen Patriarchen von Antiochien, Kardinal Béchara Pierre Raï, den Libanon. Der Kardinal erklärte sich mit unserer Haltung zu den Geschehnissen in Syrien zur Gänze einverstanden. Konkret unternehmen wir jede Anstrengung, um unsere Aktivitäten in jenem Geiste fortsetzen zu können, der die Adelsfamilien des Zaren und die aufgeklärtesten Vertreter der alten russischen Aristokratie belebte, um die Lebendigkeit und die Teilnahme der russischen Präsenz im Heiligen Land zu bewahren.

Vom 24. bis zum 27. Februar 2014 weilte eine Delegation der Kaiserlichen Orthodoxen Palästina-Gesellschaft unter der Leitung des Präsidenten Sergej Stepašin anlässlich eines Zusammentreffens mit Papst Franziskus in Rom. Wie bewerten Sie dieses Ereignis?

Im Rahmen unserer Begegnung kam es zum ersten direkten Gespräch zwischen der Kaiserlichen Orthodoxen Palästina-Gesellschaft und dem Heiligen Stuhl. Wir führten einen Gedankenaustausch mit Msgr. Mamberti, dem Sekretär für die Beziehungen mit den Staaten. Ein für uns wichtiger Moment war zweifellos die Begegnung mit Putin im vergangenen November. Als absolut herausragend beurteilten wir den Umstand, dass Russland und der Heilige Stuhl bei diesem Treffen die gleiche Position zu einem Schlüsselereignis an der internationalen Tagesordnung vertraten. Auch daher legten wir Msgr. Mamberti Vorschläge für eine Kooperation zwischen uns und den internationalen katholischen Organisationen vor. Eines der im Rahmen des Treffens behandelten Themen war die kulturelle Zusammenarbeit mit der Vatikanstadt. Tatsächlich würden wir in Rom sehr gerne eine Ausstellung der Werke des russischen Malers Vasiliji Nesterenko veranstalten. Dieser ist ein Mitglied der russischen Kunstakademie und beschäftigt sich intensiv mit biblischen Themen. Analog dazu möchten wir dann in Moskau eine Ausstellung eines katholischen Künstlers gestalten. Wenige Wochen nach unserer Begegnung versandte Kardinal Kurt Koch einen Brief an unseren Präsidenten Sergej Stepašin, und bezeichnete darin unser erstes Gespräch als einen „wichtigen Schritt in den bilateralen Beziehungen, die in Zukunft hoffentlich sehr fruchtbar sein werden“.

Dario Citati ist der Leiter des Forschungsprogramms „Eurasia“ des „Istituto di Alti Studi di Geopolitica e Scienze Ausiliarie (IsAG)“ (Instituts für höhere geopolitische Studien und Hilfswissenschaften) [www.istituto-geopolitica.eu] und Redakteur der Zeitschrift „Geopolitica“ [www.geopolitica-rivista.org].