Sakrale Kunst aus theologischer Sicht

Gedanken von Rodolfo Papa, Dozent für Historik der Theorien der Ästhetik an der Päpstlichen Universität Urbaniana

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Von Rodolfo Papa

ROM, den 14. März 2011 (ZENIT.org). - Im vorherigen Artikel haben wir in Bezug auf die kulturellen Kräfte, welche die christliche Kunst beeinflusst haben und beeinflussen, die eine oder andere theoretische Linie aufgezeigt. Das System christlicher Kunst hat die Kultur und die Welt der Künste innovativ beeinflusst, indem es verschiedene Einflüsse, die in die Ausdrucksform der christlichen Weltanschauungintegriert werden konnten, durch Osmose absorbiert hat. Dieser komplexe Austausch hat die Theorie und die Technik der Kunst spürbar bereichert.

Die perspektivische Darstellung ist eine reife Frucht dieser innovativen Fähigkeit der christlichen Kunst; in der Tat ist die Perspektive ein „Proprium“ der christlichen, universalen Kunst.

Wie ich vor kurzem in „Ansprachen über die sakrale Kunst“ geschrieben habe [1], geht die perspektivische Darstellung aus dem Herzen der christlichen Kunst aufgrund eines inneren Anspruchs geistlicher Natur und nach einer gründlichen theologischen Reflexion hervor.

Ende des XII. und Anfang des XIII. Jahrhunderts kommt es zu zahlreichen richtungsweisenden technischen Innovationen, die dazu führen, dass die ganze christliche Kunst einen tiefen Reifungsprozess durchmacht.

Tatsächlich wird die Linearperspektive im strengen Sinne entwickelt, es entsteht eine angemessenere Licht- und Schattentheorie, und die verschiedenen Maltechniken bilden sich heraus.

Ich habe schon mehrere Male betont, dass die Spiritualität der neu entstehenden Bettelorden [2], vor allem die franziskanische Spiritualität sowie einige Reflexionsbeiträge, die schon von verschiedenen Bischöfen der zweiten Hälfte des XII. Jahrhunderts erbracht worden sind, zu einem tiefen Verständnis der Notwendigkeit führen, den gegenständlichen Raum der Fleischwerdung als Ereignis darzustellen, das die Geschichte auf unerhörte Weise beeinflusst.

Diese Notwendigkeit, etwas darzustellen, ist der wahre Grund für die Entstehung der perspektivischen Darstellung. Die optischen Studien, die Sehtheorien, die zum Beispiel aus der arabischen Kultur stammen, werden aufgrund dieses theologischen und spirituellen Anspruchs assimiliert und erzeugen etwas zutiefst Neues und Originelles.

Die perspektivische Darstellung dreidimensionaler Räume ermöglicht es dem Beobachter, gleichzeitig darin gegenwärtig und selbst mit einbezogen zu sein: Die Ereignisse der Heiligen Schrift werden in Gegenwartsform erzählt und wer sie anschaut, wird darin zum Teilnehmer.

Die Inspiration, die dem Stall von Greccio zugrunde liegt, stimuliert die Entstehung und Entwicklung der Perspektive.

Auch einige Theoretiker unserer Zeit, wie z.B. Didi-Hubermann, erkennen an – dies jedoch im Rahmen einer anachronistischen Vision der Geschichte [3] –, dass die mystische Erfahrung des heiligen Franziskus im theoretisch-künstlerischen Bereich zur Entwicklung einer tieferen Reflexion über die Leiblichkeit beigetragen hat [4].

Der französische Kunsthistoriker Daniel Arasse hat viele seiner Studien der Analyse der Perspektive gewidmet. Die wohl bekannteste und interessanteste Studie trägt den Titel „Die italienische Verkündigungsszene. Eine Geschichte der Perspektive“ [5]. In einer kompletten und ausgezeichneten Untersuchung zum Thema der Verkündigung in der Zeit vom XII. bis XVI. Jahrhundert, bestimmt Arasse ein Reihe ikonographischer Kategorien und ordnet die Perspektive einer theologischen Dimension zu; er stellt fest: „Das, was ich unter einer ‚theologischen Form der Perspektive‘ verstehe, … schafft in der regelmäßigen Proportionalität des Werkes einen Zwischenraum, der die Ankunft des Unermesslichen, des Göttlichen in die Welt der menschlichen Maße visualisiert“ [6]. Hierzu bemerkt Omar Calabrese: „Die Erfindung der Perspektive nimmt den Charakter eines Wunders an, denn sie verleiht der Geschichte Ordnung, Syntax, aber gleichzeitig lässt sie die Realität so erscheinen, als ob sie selbst zu uns sprechen würde, insofern als sie fähig ist, zu verbergen, dass wir uns in Gegenwart einer Botschaft befinden“ [7] .

Die Perspektive ist eine der größten Errungenschaften, die die christliche Kunst hervorgebracht hat. In der Absicht, den tiefsten Sinn des Evangeliums malerisch festzuhalten, hat man sich Gedanken über das „Wie“ gemacht: Wie soll man diesen Sinn darstellen?

Die Auflösung dieser Frage kommt aus dem Inneren. Sie liegt im Zusammenspiel zweier weiterer Fragen: „Was soll man darstellen?“ und „Warum soll man darstellen?“ Und dann ergibt sich das „Wie“ der Verkündigung durch die Gliederung der Glaubensbotschaft selbst.

Die Perspektive ist also kein „weiteres“ Element, das im Nachhinein von außen einem wesentlichen Kern hinzugefügt wird. Vielmehr entsteht sie im Innern der christlichen Kunst gleich einer Art Werkzeug, das angefertigt wurde, um den Emmanuel, den Gott mit uns, verkünden zu können.

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[1] R. Papa, Discorsi sull’arte sacra, Cantagalli, Siena 2012, SS. 143-144.
[2] R. Papa, Maestro di Isacco. Padre di Benedizione, in R. Papa; M. Dolz, Il volto del Padre, Ancora, Milano 2004, SS. 75-89. R. Papa, La nascita dell’arte moderna, ovvero l’influenza degli ordini mendicanti nell’invenzione dell’arte cristiana, in “ArteDossier” Giunti Firenze, XXIV, Nr. 258, September 2009, SS. 56-60.
[3] Die Wahrnehmung der Bilder geschieht zu einer anderen Zeit als die Produktion derselben und die Zwischenzeit schafft unvermeidlich Überlagerungen und wechselseitige Beeinflussungen hermeneutischer Art. In gewisser Hinsicht kann ein Anachronismus unmöglich vermieden werden: „Der Anachronismus ist notwendig, der Anachronismus ist fruchtbar, sofern die Vergangenheit sich als ungenügend offenbart, d.h. sofern er ein Hindernis für das Verständnis der Vergangenheit darstellt“; nichtsdestotrotz muss mit dem Anachronismus auf intelligente Weise umgegangen werden. Vgl. G. Didi-Huberman, Storia dell’arte e anacronismo delle immagini [2000], italienische Übersetzung, Bollati Boringhieri, Turin 2007, S. 22.
[4] G. Didi-Huberman, L’immagine aperta. Motivi dell’incarnazione nelle arti visive [2007] italienische Übersetzung, Bruno Mondadori, Milan 2008.
[5] D. Arasse, L’Annunciazione italiana. Una storia della prospettiva, VoLo publisher, Florenz 2009.
[6] Ebd., S. 187.
[7] O. Calabrese, Tempi luoghi e soggetti dell’Annunciazione, in D. Arasse, L’Annunciazione italiana, S. 13.

[Übersetzung des italienischen Originals von P. Thomas Fox LC]