Samirs wundersame Rückkehr

Noch nie ist in Pakistan ein entführtes Kind zu seiner Familie zurückgekehrt

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Von Eva-Maria Kolmann

KÖNIGSTEIN, 16. Feburar 2012 (ZENIT.org/KIN). - Der neunjährige Samir spielt am liebsten mit seinem Drachen. Auf der Straße vor der Kathedrale von Lahore lässt er ihn immer wieder steigen. Dies tat er auch an jenem 23. Oktober. An diesem Tag warten seine Eltern jedoch vergeblich auf ihn. Eine Überwachungskamera, die eigentlich die Kathedrale schützen soll, zeigt, wie er von einem bärtigen Mann in weißer Kleidung entführt wird. Die Eltern sind verzweifelt, bei einem Bombenanschlag auf die Kathedrale war schon Samirs kleine Schwester ums Leben gekommen. Die Pfarrgemeinde fleht um ein Wunder. Alle wissen: Entführte Kinder werden als Selbstmordattentäter nach Afghanistan gebracht. Oder es werden ihnen Gliedmaßen abgehackt, damit sie für die Bettelmafia Geld beschaffen. Zurückgekommen ist noch keines. Aber Pfarrer Andrew Nisari glaubt an das Wunder. Er macht den Eltern Mut: „Euer Sohn kehrt zurück!“

Samir selbst erinnert sich nur noch an den Schwamm, der ihm unter die Nase gehalten wurde. Danach war alles schwarz. Zehn Tage später steht er mit seinem Entführer am Fluss Indus irgendwo bei Peschawar an der Grenze zu Afghanistan. „Lass uns mal schauen, wie tief das Wasser ist“, sagt der Mann. „Ich habe Angst, ich will nicht sterben“, erwidert der Junge. „Nein, ich halte deine Hand“, sagt der Entführer. Als Samir sich noch immer sträubt, wirft er ihn ins Wasser und geht fort. Pfarrer Andrew meint, der Entführer habe sich des Jungen entledigen wollen, da der Fall im Fernsehen gezeigt und dem Mann die Sache zu gefährlich wurde. Der kleine Samir ertrinkt jedoch nicht. Er kann sich an Bambusrohren festhalten und ansLand retten. Er rennt und rennt.

An einem Haus in Peschawar sieht der Junge ein Plakat mit dem Bild der Muttergottes von Mariamabad, dem pakistanischen Marienheiligtum. „Bring mich dorthin, zu diesen Leuten“, sagt er zu einem Mullah. Der hilft ihm. Gegen Mitternacht klingelt bei Samirs Mutter das Telefon. Alle sind fassungslos vor Freude. In derselben Nacht bricht der Vater auf, um seinen Sohn in Peschawar abzuholen. Noch von unterwegs ruft Samir Pfarrer Andrew an: „Was ist mit meiner Erstkommunion?“, fragt er ihn. Am nächsten Tag kommt Samir nach Hause. Die ganze Pfarrgemeinde hat auf ihn gewartet. Alle weinen, auch Pfarrer Andrew. Eine Woche später empfängt Samir die Erste Heilige Kommunion. In diesem Jahr wird er wieder auf der Pfarrwallfahrt nach Mariamabad zur Ehre der Muttergottes singen können. Im letzten Oktober hat seine Stimme allen gefehlt.