Sant'Egidio-Gründer Andrea Riccardi als Minister in neue Regierung Italiens berufen

Sozialer Zusammenhalt, nationale Integration und Entwicklungshilfe bilden den Weg aus der Krise

| 1833 klicks

ROM, 17. November 2011 (ZENIT.org). - Der römische Historiker und Gründer der katholischen Gemeinschaft Sant' Egidio, Andrea Riccardi (61), ist vom designierten italienischen Ministerpräsidenten Mario Monti als Minister für Internationale Zusammenarbeit und Integration in seine neue Regierungsmannschaft berufen worden. 

Als weitere katholische Führungspersönlichkeit ernannte Monti, der in Personalunion das Wirtschaftsressort führt, den Rektor der katholischen Sacro-Cuore-Universität Mailand, Lorenzo Ornaghi (63), zum Minister für Kulturgüter.

„In einem schwierigen Augenblick der Prüfung für das Land, während eine gemeinsame Anstrengung zur Bewältigung der aktuellen Krise im Gang ist, habe ich die Einladung des beauftragten Präsidenten, Prof. Mario Monti, angenommen, Mitglied der neuen Exekutive zu sein in der Hoffnung, dem Werk der nationalen Erholung dienen zu können. Um auf die anstehenden Herausforderungen unseres Landes zu antworten, stelle ich mich in der Überzeugung zur Verfügung, dass Italien Einheit benötigt.

Der Einsatz für sozialen Zusammenhalt, nationale Integration und Entwicklungshilfe sind Teil meiner Kultur und der in diesen Jahren herangereiften Erfahrungen. Das sind meiner Meinung nach wesentliche Elemente für das Land, um Kraft für einen Ausweg aus der Krise zu finden", hatte Riccardo seine Nominierung kommentiert.

Andrea Riccardi (geb. 1950) ist Historiker. Er lehrte Zeitgeschichte an den Universitäten Bari, La Sapienza in Rom und zurzeit an der Universität Roma Tre (Rom III). Riccardi gilt als einer der bedeutendsten Experten der Kirche und des Dialogs unter den Religionen und Kulturen sowie als Kenner des zeitgenössischen humanistischen Denkens und wird als Stimme auf internationaler Ebene allgemein anerkannt, wie verschiedene verliehene Ehrendoktorwürden für seine wissenschaftliche Tätigkeit, von der Universität Löwen bis zur Georgetown University, bezeugen. Seine Werke wurden in viele Sprachen übersetzt.

Riccardi ist Gründer der Gemeinschaft Sant'Egidio (1968), die heute in 73 Ländern der Welt mit besonderer Ausbreitung in Europa, Lateinamerika und Afrika tätig ist. Zentrales Anliegen der Gemeinschaft Sant' Egidio ist die Verbindung von Glaube und Politik. So ist Sant' Egidio seit vielen Jahren als Vermittlerin in Kriegsgebieten aktiv, wie in Mosambique, Guatemala, bei der Wiedervereinigung der Elfenbeinküste sowie dem „Präventivfrieden" in Niger und Guinea Conakry. Weitere herausragende Initiativen sind das DREAM-Programm zur kostenlosen AIDS-Therapie in Schwarzafrika und das BRAVO!-Programm zur Registrierung von „verborgenen" Kindern bei Einwohnermeldeämtern. Mit seiner Laiengemeinschaft engagiert sich Riccardi außerdem für soziale Belange, die Abschaffung der Todesstrafe und die Ökumene.

Sein bekanntestes Projekt sind die interreligiösen Friedenstreffen von Sant' Egidio, die in der Nachfolge des historischen Treffens von Papst Johannes Paul II. 1986 in Assisi stehen. Das letzte derartige Friedenstreffen mit mehreren tausend Teilnehmern fand im September in München statt. (ZENIT berichtete)

Die Zeitschrift „Time" hatte Riccardi 2003 in die Liste der sechsunddreißig „modernen Helden" Europas aufgenommen und ihm damit professionellen Mut und besonderen menschlichen Einsatz attestiert.

Andrea Riccardi erhielt folgende Preise: Balzanpreis 2004 für Humanität, Frieden und Brüderlichkeit unter den Völkern (derselbe Preis wurde 1963 Papst Johannes XXIII. verliehen); Karlspreis 2009, der Personen und Institutionen zuerkannt wird, die sich in besonderer Weise für den Aufbau eines vereinten Europas und die Verbreitung einer Kultur des Friedens und Dialogs hervorgetan haben. In der Begründung hieß es: „In Würdigung eines herausragenden Beispiels zivilgesellschaftlichen Engagements für ein menschliches und innerhalb wie außerhalb seiner Grenzen solidarisches Europa, für die Verständigung von Völkern, Kulturen und Religionen und für eine friedlichere und gerechtere Welt".

Der Gemeinschaft Sant’Egidio, die heute rund 50.000 Mitglieder in vielen Ländern zählt, wurde 1999 der UNESCO-Félix-Houphouët-Boigny-Friedenspreis für seine internationalen Aktivitäten vor allem in Afrika zuerkannt.

Sie nannte die Besetzung des Ministerpostens mit ihrem Gründer  angesichts der Probleme Italiens ein in die richtige Richtung weisendes Hoffnungszeichen für alle. [jb]