Santo Subito

Von Armin Schwibach

| 1322 klicks

ROM, 16. Oktober 2008 (ZENIT.org).- Vierhundert Millionen: Das ist annähernd die Zahl der Menschen, die Johannes Paul II. bei seinen Reisen und in Rom in den fast 27 Jahren seines reichen und fruchtbaren Pontifikats begegnet sind. Achtzigtausend ist die Zahl der Seiten des Schriftwerkes, das sowohl persönlich als auch in Ausübung seines Lehramtes von diesem Papst der Kirche vermacht worden ist. Nicht abschätzbare Milliarden, das ist die Zahl jener Menschen, die am Leiden und Sterben des Heiligen Vaters über die Presse, Fernsehen und Internet teilgenommen hatten. Und dann war da die stille, trauernde und in der Trauer doch freudige Anwesenheit der Millionen von Menschen in Rom, die zuerst den Heiligen Vater in seinen letzten Stunden begleitet und sich dann von ihm im Vorbeizug an seinem Leib und vor seinem Sarg verabschiedet hatten.



Gleich nach dem Tod des Papstes verwirklichte sich die bestehende fama sanctitatis (Ruf der Heiligkeit) in bewegender Weise durch das Zeugnis des zur Beerdigungsfeierlichkeit versammelten Gottesvolkes. „Santo subito – sofort heilig“, war auf dem Petersplatz auf einigen Transparenten zu lesen. Kardinal Ratzinger wurde in seiner Predigt von minutenlangem Applaus unterbrochen, wobei er wartete, bis dieser langsam ausklang. Eine einzigartige Manifestation des Willens und der Teilnahme des Gottesvolkes. Aber nicht nur das: Die im Volk gespürte Heiligkeit Johannes Pauls II. überschreitet die Grenzen und betrifft nicht nur Katholiken.

Die durch die fama signorum (Ruf der Zeichen) gespürte Heiligkeit des Papstes ist eine ökumenische. Sie spricht alle gleichermaßen an, ist für alle gleichermaßen von Bedeutungt, ohne Barrieren oder künstliche Abschottungen. Wie oft konnte man es hören, dass Leute, die nichts mit der Kirche oder dem Glauben zu tun haben, sagten: Er war wichtig für mein Leben, er war heilig im Sinne von „heilend“, es war mir ein Trost zu wissen, dass er da ist… Die fama sanctitatis Johannes Pauls II. ist die wahrer ökumenischer Heiligkeit.

Es war im Jahr 2005 bekannt, dass die Kardinäle in der Zeit vor dem Konklave bereits beschlossen hatten, es dem neuen Papst anzutragen, die Möglichkeit einer Beschleunigung der notwendigen Verfahren zum Beginn eines Selig- und Heiligsprechungsverfahrens zu prüfen. Joseph Ratzinger gehörte zu den Kardinälen, denen die durch die Kirche zu bestätigende Heiligkeit Johannes Pauls II. in besonderer Weise am Herzen lag, war er doch „der treue Freund“, wie ihn Johannes Paul II.  genannt hatte, der seit vierundzwanzig Jahren täglich mit ihm verkehrt und so in besonderer Weise am Wesen des Papstes teil hatte. Und dennoch überraschte es, dass Benedikt XVI. dann nach nur zweiundvierzig Tagen nach dem Tod seines Vorgängers und am fünfundzwanzigsten Tag der Ausübung seines Amtes am 13. Mai, Tag der Madonna von Fatima, der Kirche Roms und der Welt die Aufnahme des Prozesses verkündete.

Die Wahl des Tages war kein Zufall, oder besser gesagt: sie reihte sich in ein erstaunliches Zusammentreffen von Ereignissen ein, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft überspannen. Wer musste nicht an jenen 13. Mai 1981, Tag der Schüsse auf den „in weiß gekleideten Bischof“ denken, an dem das körperliche Leiden des Papstes seinen Anfang genommen hatte? Das heute in der Krone der Madonna von Fatima eingesetzte Projektil, das der Überzeugung Johannes Pauls II: (und einiger seiner Ärzte) nach damals von der schützenden Hand der Gottesmutter von lebenswichtigen Organen ferngehalten wurde, ist sichtbares Zeichen dafür, dass das Verbrechen und Übel des Menschen zu einem höheren Sinn verklärt wird, wenn das glaubende Vertrauen die gesamte Existenz trägt.

Im Jetzt unserer Zeit und für die Zukunft wird an diesem Tat der von der Gottesmutter geliebte Sohn zum Servus Dei (Diener Gottes), dessen Grad an Heiligkeit die heilige Kirche in ihrem Gesamt feststellen will. Die Madonna von Fatima bringt Johannes Paul in die besondere Nähe zu ihr. So offenbart sich der Wahlspruch des Papstes, totus tuus (ganz Dir zu eigen), nicht nur als Beschreibung seines Lebens, sondern gleichzeitig als universale Prophetie für sein sterbliches Dasein und sein unendliches Leben. Die Madonna von Fatima wirkt weiter, indem die Welt sich in dieser liebenden Art ihrem Diener zuneigt.

Bereits zu Lebzeiten des Papstes häuften sich die Zeugnisse besonderer Ereignisse, die zu seinem Rufe der Heiligkeit beitrugen. Johannes Paul hatte die Gewohnheit, ihm übermittelte Briefe mit der Bitte um sein fürsprechendes Gebet mit in seine Privatkapelle zu nehmen, um die oft tragischen und bewegenden Anliegen der Menschen dort „durchzubeten“. Sein Sekretär bereitete diese Briefe vor, so dass der Papst sie zu seiner Gebetszeit auf dem Schemel vorfand. Oft, so ist bezeugt, brachten ihn diese Anliegen bis zu den Tränen. Viele der Bittsteller dankten nach einer empfangenen Gnade dem Heiligen Vater. All diese Zeichen oder, wie einige sie in etwas unbotmäßiger Weise nennen, Wunder, die durch die wirksame Fürsprache des Papstes sich verwirklichen konnten, gehen natürlich nicht in den jetzt begonnenen Selig- und Heiligsprechungsprozess als „beweisende“ Elemente sein. Sie dienen jedoch dazu, Zeugnis dafür abzulegen, in welch inniger Weise der Papst mit seinem Gott verkehrte.

Im Prozess selbst geht es jetzt um die Disziplinierung dessen, was das Volk als seinen Willen ausgedrückt hat. Der Prozess soll dem regierenden Papst helfen, zu einer Entscheidung über den Grad der Heiligkeit des anstehenden Kandidaten zu kommen. So stehen wir vor der besonderen Situation, dass Papst Benedikt XVI. selbst einer der primären Zeugen ist, die am durch heroische Tugenden ausgezeichneten Leben Johannes Pauls II. teilgenommen haben. Im Prozess wird die wirkliche Existenz des heroischen Tugendgrades festgestellt. Dies geschieht normalerweise durch die Befragung von Zeugen und der Analyse von eventuell zurückgelassenem Schriftgut. Im Falle Johannes Pauls war dieser heroische Tugendgrad für die ganze Welt sichtbar. Wohl niemand vor ihm hatte ein Leben, das sich in einer derartigen Weise in der Öffentlichkeit vollzogen hat. Zu dem kommt hinzu, dass entsprechend den Bestimmungen Benedikts XIV. (1740-1758) für die Erstellung der positiones, das heißt der Stellungnahmen, nicht notwendig der ganze Lebenszeitraum, sondern in erster Linie die Zeit des gereiften Glaubens heranzuziehen ist, die man in der Regel in den letzten zwanzig Lebensjahren sehen kann. Dies würde im Falle Johannes Pauls II. also vor allem seine römische Zeit und sein Wirken als Pontifex betreffen. Ähnliches kann man für die Analyse des Schriftgutes annehmen: die zitierten achtzigtausend Seiten bestehen in erster Linie in Schriften, die in Ausübung seines Lehramtes produziert wurden. Es ist anzunehmen, dass diese ipso facto als nicht bezweifelbare Zeugnisse festgestellt werden. Die anderen, vor und nach seiner Wahl zum römischen Pontifex erstellten Schriften, die keinen lehramtlichen Charakter haben (wie z.B. sein letztes Buch Erinnerung und Gedächtnis oder die philosophischen Schriften), sind im Verhältnis wenige. Somit dürfte die auf den ersten Blick praktisch nicht in einem vernünftigen Zeitraum zu bewältigende Last der Schriften im Endeffekt nicht groß sein. Der Prozess dürfte dadurch also nicht erst in einer fernen Zukunft zu einem Ergebnis kommen. Für die Disziplin der Kirche, die sich nicht nur auf Meinungen, Emotionen oder nur rein persönlich gehaltene Erfahrungen basieren kann, sondern maximale Objektivität und Gewissheit für ihre Entscheidungen anstrebt, ist der Prozess in seiner inhaltlich und formal korrekten Abwicklung notwendig. Es ist jedoch zweifellos richtig, dass dieser Prozess nicht durch äußere oder „politische“ Elemente verzögert werden wird, wie dies bei Pius IX. der Fall war oder bei Pius XII. noch immer der Fall ist.

Mit dem Beginn des Selig- und Heiligsprechungsverfahrens hatte Papst Benedikt XVI. der Kirche ein großes Geschenk gemacht. Zum einen handelt es sich um die Anerkennung eines in Liebe gelebten, ganz von Gott bestimmten Lebens, das so für die Gegenwart und Zukunft aller Menschen in besonderer Weise fruchtbar gemacht wird. Zum anderen wird mit diesem Akt die große Erneuerung ins Licht gestellt, die mit dem Namen Johannes Paul II. verbunden ist.

Diese Erneuerung hat sich in der unnachahmlichen Beziehung des Papstes zu den jungen Menschen artikuliert. Das Ereignis von historischer Bedeutung ist, dass Johannes Paul die Ausrichtung der Weltjugend geändert hat, und dies unabhängig davon, ob es sich bei dieser Jugend um eine kirchentreue oder um eine gegenüber den Gepflogenheiten, Normen und Regeln der katholischen Kirche eher distanziert stehende Jugend handelt. In den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts galt der revolutionäre Geist als das an vorderster Stelle Stehende. Viele liefen in jenen Jahren den Ideen eines Mao oder einer umbrechenden Linken hinterher, die sich in allen möglichen Bereichen ihr jeweils zu bekämpfendes Ziel meist in irrationaler, unproduktiver Weise und ohne wahre Zukunftsperspektive suchte. Johannes Paul hingegen polte die Situation um. Er ging hinaus, brachte eine frohe Botschaft und sagte: kommt mit mir. Und sie sind gekommen. Seine Weisheit und seine Kraft haben eine an Oberflächlichkeit und Substanzlosigkeit leidende Welt mit all ihren Krisen und Leiden immer mehr auf die eine befreiende und Güte schaffende Macht konzentriert.

An kritischen Äußerungen dazu fehlte es nicht. Einige meinten, dass der Papst zwar die Plätze voll gebracht habe, dabei aber der eigentlich kirchliche Akzent zu kurz gekommen sei und die Kirchen somit nicht voller geworden sind. Nörgelnde Moralisten von links und rechts, die sich gegen den „Massenandrang“ und die „Schaustellerei“ wandten, meinten sich beschweren zu müssen, dies zumeist auch aus einer zu eng gehaltenen nationalen Perspektive heraus. Es war schwer zu verstehen, dass gelebtes Christentum nichts mit einer emotional ausgerichteten Meditationsstunde oder kuschelnden Einkehrtagen zu tun hat, bei denen man sich durch eine Kerze tiefsinnig in die Augen schaut, um nachher dann genau so weiterzumachen, wie man es vorher schon gewöhnt war. Ebenso wenig geht es um ein bigottes Lippenbekenntnis zu Katechismuswahrheiten, die unfruchtbar im Raum stehen bleiben. Diesen Kritikern von links und rechts ist entgegenzuhalten, dass sie ein falsches Verständnis von Authentizität voraussetzen. Das Reinheitsgebot gibt es nur beim Bier, und selbst dort ist es relativ. Zum einen wird der Papstjugend eine Art von Radikalismus vorgeworfen, andererseits verlangt man ihn selbstwidersprüchlich. Was übersehen wird, ist die freudige Einfachheit, mit der die jungen Menschen gradlinig und problemlos Ja sagen können. Der Geist wirkt in ihnen wirklich. Viele konnten nur stumm staunen, als in Rom im Jubiläumsjahr 2000 die im Zirkus Maximus aufgebauten Beichtzelte nicht leer werden wollten. Hunderte von Priestern standen tagelang und ohne Unterbrechung zur Beichte zur Verfügung. Die Kirche ist nämlich nie, weder im normalen Leben noch bei besonderen Ereignissen, eine Kirche der Vollkommenen, sondern eine Kirche der Sünder, die zur Heiligkeit berufen sind und dafür was tun müssen.

So gehört zu den Wundern Johannes Pauls II., dass durch das Instrument seines Handelns und das Anwesen seiner Gestalt Gott durch sein und in seinem Volk unüberhörbar zum Sprechen gekommen ist. Papst Benedikt hat dies bestätigt und somit die oft gezeigte Kontinuität mit seinem Vorgänger bekräftigt und bezeugt. Er will die gute Saat und die aufgegangenen Pflanzen seines Vorgängers hegen und vorwärts bringen. Wie es Benedikt XVI. zu Beginn seines Pontifikats den Christgläubigen sagte, kann er dies weder als Person noch als Institution alleine zu Wege bringen. Er braucht die Menschen, die einfach und reifend den Weg der Wahrheit einschlagen und in ihrem Gang sich der Güte und Weisheit Gottes anvertrauen wollen. Das Wirkliche der Heiligkeit Johannes Pauls II. ist das Wirkliche der Liebe, die nichts fordert und alles geben will. Es ist so das Wirkliche des sichtbaren Mysteriums. „Subito santo“ – sofort heilig ist somit weniger eine Forderung als vielmehr eine gelebte Feststellung, die aus dem erfahrenen Raum des dreifaltigen Gottes selbst stammt.