Saving Mr. Banks

Film des amerikanischen Regissurs John Lee Hancock, mit Tom Hanks und Emma Thompson, erzählt die Entstehungsgeschichte des Disney-Klassikers "Mary Poppins"

Berlin, (textezumfilm) Dr. José García | 230 klicks

„Mary Poppins“ (Robert Stevenson, 1964) gehört zu den bekanntesten Kinderfilmen überhaupt. Pünktlich zum 50. Jahrestag seiner Premiere startet im Kino „Saving Mr. Banks“, der die Entstehungsgeschichte des Disney-Filmes erzählt: Im Jahre 1961 reist die britische „Mary Poppins“-Autorin P. L. Travers (Emma Thomson) nach Los Angeles. Obwohl sich Walt Disney (Tom Hanks) seit zwei Jahrzehnten bemüht, das Lieblingsbuch seiner Töchter auf die große Leinwand zu bringen, hat sich die Schriftstellerin bislang gegen eine Verfilmung gesträubt. Da aber inzwischen die finanziellen Mittel ihres Beststellers langsam zur Neige gehen, nimmt sie Disneys Einladung an, persönlich mit ihm und mit dem vorgesehenen Drehbuchautor Don DaGradi (Bradley Whitford) sowie mit dem Komponisten-Duo Richard (Jason Schwartzman) und Bob Sherman (B.J. Novak) zu sprechen. Sie lehnt jedoch die Verwendung der Farbe Rot, das auf den Storyboards wiedergegebene Haus der Familie Banks, die Besetzung von Dick Van Dyke als Bert, die Gesangseinlagen, ja im Grunde alle Ideen ab, die ihr präsentiert werden. Weil ihr Walt Disney das letzte Wort beim Drehbuch zuerkannt hatte, stecken die Verhandlungen von Anfang an in einer Sackgasse.

Warum sich P.L. Travers gegen jeden Trivialisierungsversuch ihrer „Mary Poppins“ sperrt, erfährt der Zuschauer aus den in die Haupthandlung eingestreuten Rückblenden, die von ihrer Kindheit handeln. Die „very british“ Autorin wuchs in Wirklichkeit in Australien auf. Die kleine Helen Goff (Annie Rose Buckley) hatte ein inniges Verhältnis zu ihrem Vater, dem Bankangestellten wider Willen Travers Goff (Colin Farrell), nach dem sie sich später nennen wird. Weil die Geschichte ihrer Kindheit parallel zu den zwei Wochen geschildert wird, die P.L. Travers 1961 in Hollywood verbringt, erhält der Zuschauer einen Einblick nicht nur in die Entstehungsgeschichte des Filmes, sondern auch in die wahre Bedeutung der Kinderbuch-Geschichte für deren Autorin. Denn mit „Mary Poppins“ versuchte sie, das Bild einer intakten Familie, deren Ruf und Sicherheit die Trunkenheit des Vaters aufs Spiel setzte, sowie das Andenken an den vergötterten Vater zu bewahren. In einer bestimmten Einstellung wird es sogar dem Zuschauer deutlich, welches reale Vorbild sich hinter „Mary Poppins“ verbirgt. Aus den Erlebnissen ihrer Kindheit erklärt sich auch der kratzbürstige und abweisende Charakter der erwachsenen Helen alias Pamela Lyndon Travers. Das scharfsinnige Drehbuch von Kelly Marcel und Sue Smith liefert die Vorlage für einige sensationelle Parallelmontagen zwischen der Entwicklung des „Mary Poppins“-Filmes und der Biografie der Kinderbuchautorin.

Regisseur John Lee Handcock hat bereits sein Gespür für die Adaption wahrer Geschichten mit tiefer Menschlichkeit sowohl in seinem Regiedebüt „Die Entscheidung – Eine wahre Geschichte“ („The Rookie“, 2002) als auch in „The Blind Side – Die große Chance“ bewiesen. Diese Charakterzüge überträgt der Regisseur in „Saving Mr. Banks“ in die Gespräche von P.L. Travers mit Walt Disney, aber insbesondere auch mit ihrem Chauffeur, dem gutmütigen Ralph (Paul Giamatti). Dadurch gelingt es dem Regisseur, die komplexe Persönlichkeit der Kinderbuch-Autorin einzufangen. Dazu trägt freilich vor allem das ausgezeichnete Spiel von Emma Thomson bei. Denn der britischen Darstellerin ist es gelungen, ein genau ausbalanciertes Verhältnis zwischen Komik und Tragik zu treffen, ohne diese Figur zur Karikatur verkommen zu lassen. Emma Thomson schafft es sogar, dass der Zuschauer die ichbezogene, auf äußere Konventionen penibel pochende, wenig sympathische Frau doch noch mag. Obwohl Tom Hanks Walt Disney äußerlich kaum ähnlich sieht, gelingt es ihm, durch die Begeisterung für die Verfilmung von „Mary Poppins“ etwas vom Wesen des echten Walt Disneys zu vermitteln und dadurch die Antriebskraft des bekannten Hollywood-Produzenten für die Erschaffung einer wunderbaren Märchenwelt, seinen Enthusiasmus, mit dem er seine Umgebung ansteckte, verständlich zu machen. Die beiden Hauptdarsteller tragen eigentlich den Film. Ihre Rededuelle stehen im Mittelpunkt einer Geschichte, die komische und emotionale Momente miteinander verknüpft, ohne in die Rührseligkeit abzugleiten. „Saving Mr. Banks“ ist aber auch in den Nebenrollen bestens besetzt, so etwa mit Paul Giamatti als Chauffeur Ralph, dem es in Hollywood als Einzigem gelingt, ein Vertrauensverhältnis zur Schriftstellerin herzustellen, und insbesondere auch mit Colin Farrell, der in der Parallelgeschichte von Helens Kindheit den liebevollen Vater und sensiblen Feingeist verkörpert, der an der harten Lebenswirklichkeit zerbricht.

Der Filmtitel „Saving Mr. Banks“ bringt die Intention der Schriftstellerin P.L. Travers anschaulich zum Ausdruck: In ihren Augen soll „Mary Poppins“ nicht die Kinder, sondern Mr. Banks retten, und damit letztlich ihren eigenen Vater. Die Wendung vom kühl distanzierten Erziehungsberechtigten, der seine Arbeit der Familie vorzieht, zum liebevollen Vater, der mit seinen Kinder Drachen steigen lässt – so der Schluss des Filmes von 1964 – wird als Hommage an den perfekten, von der Schriftstellerin ein Leben lang vermissten Vater. Nach der Erlösung von Mr. Banks kann sich der Wind getrost drehen, und mit ihm Mr. Poppins zu anderen, ihren Vater vermissenden Kindern weiterziehen.

*

Filmische Qualität: Vier Sterne   
Regie: John Lee Hancock
Darsteller: Emma Thomson, Tom Hanks, Colin Farrell, Paul Giamatti, Jason Schwartzman, Bradley Ehitford, Ruth Wilson
Land, Jahr: USA / Großbritannien / Australien 2013
Laufzeit: 126 Minuten
Genre: Komödien/Liebeskomödien
Publikum: ohne Altersbeschränkung
Einschränkungen: --

im Kino: 3/2014

Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.