Schenkt dem Herrn das ganze Leben, sagt der Heilige Vater

Generalaudienz im Zeichen des göttlichen Gerichts

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ROM, 12. Januar 2004 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Katechese, die Papst Johannes Paul II. diesen Mittwoch während der Generalaudienz vor Gläubigen aus aller Welt gehalten hat. Thema war der Gesang "Das Gericht Gottes" aus der Offenbarung des Johannes (Off 11,17; 12,10. 12).


* * *



Wir danken dir, Herr, Gott und Herrscher über die ganze Schöpfung,
der du bist und der du warst;
denn du hast deine große Macht in Anspruch genommen
und die Herrschaft angetreten.

Die Völker gerieten in Zorn.
Da kam dein Zorn
und die Zeit, die Toten zu richten:
die Zeit, deine Knechte zu belohnen, die Propheten
und die Heiligen und alle, die deinen Namen fürchten,
die Kleinen und die Großen,
die Zeit, alle zu verderben, die die Erde verderben.

Jetzt ist er da, der rettende Sieg,
die Macht und die Herrschaft unseres Gottes
und die Vollmacht seines Gesalbten;
denn gestürzt wurde der Ankläger unserer Brüder,
der sie bei Tag und bei Nacht vor unserem Gott verklagte.

Sie haben ihn besiegt durch das Blut des Lammes
und durch ihr Wort und Zeugnis;
sie hielten ihr Leben nicht fest, bis hinein in den Tod.
Darum jubelt, ihr Himmel
und alle, die darin wohnen.




1. Der Hymnus, der soeben erklungen ist, kommt direkt vom Himmel. Denn die Offenbarung, der er entnommen ist, stellt den ersten Teil (vgl. 11,17-18) in Verbindung mit den "vierundzwanzig Ältesten, die vor Gott auf ihren Thronen sitzen" (11,16), die zweite Strophe (vgl. 12,10-12) mit einer "lauten Stimme im Himmel" (12,10).

Auf diese Weise werden wir in das großartige Schauspiel am göttlichen Hof eingeführt, in der Gott und das Lamm – das ist Christus –, umgeben vom "königlichen Rat", über das Gute und Böse in der Geschichte des Menschen Gericht halten und dabei ihr letztes Ziel, Heil und Herrlichkeit, zeigen. Die Gesänge in der Offenbarung dienen dazu, das Thema der göttlichen Herrschaft zu illustrieren, die den oft so verblüffenden Gang der Wechselfälle des menschlichen Lebens lenken.

2. In diesem Sinne ist der erste Teil des Hymnus von Bedeutung, der den vierundzwanzig Ältesten in den Mund gelegt ist. Sie scheinen das von Gott auserwählte Volk in seinen beiden geschichtlichen Phasen zu verkörpern, die zwölf Stämme Israels und die zwölf Apostel der Kirche.

Der allmächtige und ewige Gott hat jetzt "die Macht und die Herrschaft" (11, 17) errichtet, und sein Eintritt in die Geschichte hat nicht nur das Ziel, die gewalttätigen Reaktionen der Aufständischen zu blockieren (vgl. Ps 2, 1.5), sondern vor allem jenen, die Gerechten zu verherrlichen und zu belohnen. Sie werden mithilfe von Begriffen definiert, die die spirituelle Physiognomie der Christen charakterisieren: Sie sind "Diener", die dem göttlichen Gesetz in Treue anhangen. Sie sind "Propheten", ausgestattet mit dem geoffenbarten Wort, das die Welt interpretiert und beurteilt. Sie sind "Heilige", die Gott geweiht sind und vor seinem Namen Ehrfurcht besitzen, das heißt, dass sie bereit sind, ihn anzubeten und seinem Willen zu folgen. Unter ihnen gibt es "Kleine" und "Große" – ein Ausdruck, mit dem der Autor der Offenbarung besonders gern das Volk Gottes in seiner Einheit und Vielfalt bezeichnet (vgl. 13,16; 19,5.18; 20,12).

3. So kommen wir zum zweiten Teil unseres Gesangs: Nach der dramatischen Szene der schwangeren Frau, die "mit der Sonne bekleidet" ist, und des schrecklichen roten Drachens (vgl. 12,1-9) intoniert eine geheimnisvolle Stimme voller Freude einen Dankeshymnus.

Die Freude liegt in der Tatsache begründet, dass Satan, der alte Gegner, der am himmlischen Hof als "Ankläger unserer Brüder" (12, 10) aufgetreten war, wie wir im Buch des Hiob sehen können (vgl. 1,6-11; 2,4-5), aus dem Himmel "gestürzt" wurde und deshalb keine große Macht mehr besitzt. Er weiß, "dass ihm nur noch eine kurze Frist bleibt" (12,12), denn die Geschichte steht unmittelbar vor einem radikalen Wandel der Befreiung vom Bösen, weshalb der Teufel mit "großer Wut" reagiert.

Auf der anderen Seite erscheint der auferstandene Christus, dessen Blut das Heilsprinzip ist (vgl. 12,11). Vom Vater hat er die Herrschaftsgewalt über das ganze Universum bekommen, in ihm erfüllen sich "der rettende Sieg, die Macht und die Herrschaft unseres Gottes".

An seinem Sieg beteiligt sind alle christlichen Märtyrer, die sich für den Weg des Kreuzes entschieden haben. Sie haben dem Bösen und seinen Verlockungen nicht nachgegeben, sondern sich dem Vater überlassen und sich mit dem Tod Christi vereinigt, durch ihr Zeugnis der Hingabe und des Mutes, der sie dazu geführt hat, "ihr Leben nicht festzuhalten, bis hinein in den Tod" (vgl. 12,11). Es scheint, als höre man den Widerhall der Worte Christi: "Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben" (Joh 12,25).

4. Die Worte der Offenbarung über jene, die den Teufel und das Böse "durch das Blut des Lammes" besiegt haben, tönen in einem wunderschönen Gebet wieder, das Simeon, Bischof von Seleucia in Persien, zugeschrieben wird. Bevor er mit vielen anderen Kameraden am 17. April 341 in einer Verfolgung von König Sapor als Märtyrer starb, richtete er mit dieses inständige Gebet an Christus:

"Herr, schenke mir diese Krone. Du weißt, ich habe mich immer nach ihr gesehnt, weil ich dich mit ganzer Seele und ganzem Leben geliebt habe. Ich werde glücklich sein, dich sehen zu dürfen, und du wirst mir Ruhe schenken (…). Ich will in meiner Berufung heroisch aushalten, mit Starkmut die Aufgabe, die mir anvertraut worden ist, erfüllen und Vorbild sein für das ganze Volk des Orients (…). Ich werde das Leben empfangen, das weder Leid, noch Sorge, noch Angst kennt – weder Verfolger noch Verfolgten, weder Unterdrücker noch Unterdrückten, weder Tyrannen noch Opfer. Dort werde ich die Drohungen des Königs oder die Schrecken der Präfekten nicht mehr spüren. Niemand wird mich mehr zum Gericht führen oder mich einschüchtern. Niemand wird mich fortschleppen oder mich ängstigen. Die Wunden an meinen Füßen werden bei dir geheilt werden, Weg aller Pilger. Die Müdigkeit meiner Glieder wird bei dir Ruhe finden, Christus, Chrisma unserer Salbung. Durch dich, Kelch unserer Erlösung, wird die Trauer meines Herzens verschwinden. Von dir, unser Trost und unsere Freude, werden die Tränen meiner Augen getrocknet werden" (vgl. A. Hamman, Gebete der ersten Christen, Düsseldorf 1963 – "Preghiere dei primi cristiani", Milán 1955, S. 80-81).

[Übersetzung des italienischen Originals durch Zenit. Abschließend verlas ein Mitarbeiter des Papstes folgende Zusammenfassung auf Deutsch:]

Gott ist der Herr der menschlichen Geschichte. Durch die Auferstehung seines Sohnes hat uns der Vater die Gewissheit geschenkt, dass das Gute am Ende siegen wird. Am Sieg Christi nehmen die Märtyrer teil, die in ihrem Leben den Weg des Kreuzes gewählt haben, um ihren Glauben und ihre Liebe zum Herrn zu bezeugen.

Die Offenbarung des Johannes stellt uns in einer Vision diese Wahrheit vor Augen: Umgeben vom himmlischen Hof halten Gott Vater und Jesus Christus über das Gute und Böse der Geschichte Gericht. Diese findet ihr letztes Ziel in Gottes Heil und Herrlichkeit.

[Alle deutschsprachige Pilgern begrüßte der Heilige Vater mit den Worten:]

Sehr herzlich heiße ich die Pilger und Besucher aus den Ländern deutscher Sprache willkommen. Gott lenkt und leitet Zeit und Welt. Legt in seine Hände euer ganzes Leben! Der Geist des Herrn führe euch auf all euren Wegen in diesem neuen Jahr!