„Schismen sind schnell machbar und sehr schwer zu beheben“

Ein Gespräch mit dem Philosophen Robert Spaemann über die Auseinandersetzungen um die Traditionalisten

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Von Regina Einig

WÜRZBURG, 16. Februar 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Das Pontifikat des Heiligen Vaters wird in diesen Tagen immer wieder als rückwärtsgewandt, als restaurativ beschrieben. Stört Sie das?

Es stört mich nicht so sehr, weil diejenigen, die das sagen, doch weitgehend nicht wovon sie reden. Der Papst lehrt genau das, was er immer gelehrt hat in den letzten Jahrzehnten. Er hat auch in frühen Zeiten leichte Wandlungen - keine sehr tiefgreifenden - durchgemacht. Und was heißt hier rückwärtsgewandt? Das sind so Vokabeln. Der Papst muss natürlich immer auf der Tradition aufbauen, sonst gibt es keinen Fortschritt in der Kirche. Benedikt XVI. betont immer wieder die Kontinuität. Er will ja auch das Zweite Vatikanische Konzil eben nicht als Bruch verstanden wissen - so als gäbe es eine vorkonziliare und eine nachkonziliare Kirche. Ich bin nun alt genug, um zu sehen, dass die meisten Urteile über die so genannte vorkonziliare Kirche wirklich auf Unwissenheit beruhen. Wenn ich zum Beispiel bei der Messe an die aktive Teilnahme der Gläubigen an der Liturgie denke, die Pius X. schon gefordert hat: Ich muss sagen, da, wo die alte Messe gefeiert wird, ist die actuosa participatio größer als in den normalen Pfarrkirchen. Wir sind im übrigen alle rückwärtsgewandt in dem Sinne, dass wir uns orientieren an der Lehre eines Menschen, der vor 2000 Jahren gelebt hat, Jesus Christus.

Für Holocaust-Leugner sei in der Kirche kein Platz, heißt es mit Blick auf Bischof Williamson. Teilen Sie diese Sicht?

Das kommt darauf an, wie man das versteht. Die Zugehörigkeit zur Kirche kann nicht davon abhängig gemacht werden, dass der Betreffende in Bezug auf irgendwelche Weltereignisse, seien sie auch noch so bedeutend, Irrtümer vertritt. Wenn man den Satz wohlwollend interpretiert, könnte man sagen: Für die Holocaust-Leugnung ist in der katholischen Kirche kein Platz. Wenn jemand so etwas quasi als Lehre der Kirche auf der Kanzel verkündet, dann ist das untragbar.

Mehrere Obere der Piusbruderschaft haben unmittelbar nach der Aufhebung der Exkommunikation erklärt, dass in künftigen Gesprächen das Konzil als solches auf den Prüfstand soll. Nun macht sich die Angst vor einem Pyrrhussieg unter den Gläubigen breit. Welchen Preis ist die Einheit wert?

Wenn die Frage gestellt werden soll, ob das Zweite Vaticanum überhaupt ein rechtmäßiges und gültiges Konzil der katholischen Kirche war dann kann man nur sagen: Nein, diese Diskussion werden wir nicht führen. Was auf den Prüfstand kann, sind einzelne Erklärungen, einzelne Lehren, einzelne Sätze des Konzils. Niemand kann im Ernst bezweifeln, dass eine solche spätere Prüfung sinnvoll ist. Denken Sie an die Erklärung „Gaudium et spes". Sie ist in den sechziger Jahren entstanden, als große Utopien existierten und die Hoffnungen auf die Technik und die befreiende Wirkung der modernen Wissenschaft bestanden. Diese Hoffnungen sind schnell zusammengebrochen und zwar nicht in der Kirche, sondern in der Gesellschaft insgesamt. Wenn Sie heute junge Leute fragen, ob sie glauben, dass es ihren Kindern in Zukunft besser geht als ihnen, dann hören Sie fast nur die Antwort Nein. Das ist einmalig. Die Jugend war normalerweise immer zukunftsoptimistisch. „Gaudium et spes" atmet einen Geist, der eigentlich vollkommen passé ist - im Gegensatz zu dem Dekret über die Kirche. Das ist ein wunderbarer Text, der das Selbstverständnis der Kirche hervorragend zum Ausdruck bringt.

Innerhalb der Kirche gibt es einen harten Kampf um die Auslegung der Konzilstexte. Gehen Sie davon aus, dass Gespräche mit der Priesterbruderschaft, die erwartungsgemäß emotional verlaufen dürften, nun Öl ins Feuer der schwelenden Querelen gießen?

Das glaube ich nicht. Jedenfalls sind diese Gespräche unbedingt notwendig. Die Piusbruderschaft muss aufhören, das Zweite Vatikanische Konzil wie eine Räubersynode zu behandeln, so als sei es kein ordentliches, rechtmäßiges Konzil der katholischen Kirche gewesen. Andererseits ist zu beachten, dass dieses Konzil keine Dogmen verkündet hat. Für das Zweite Vaticanum gilt, was Martin Luther gesagt hat: Ehrwürdiger Vater, auch Konzilien können irren und haben geirrt. Es ist ja offenkundig, dass viele Beschlüsse von der Mehrheit der Bischöfe nicht akzeptiert werden. Das Konzil hat zum Beispiel festgeschrieben, dass Latein die eigentliche Liturgiesprache der katholischen Kirche ist und der Gregorianische Choral der Gesang der Kirche. Ich sehe nicht, dass diese Konzilsaussage tatsächlich befolgt würde. Man muss also diskutieren. Dass da am Anfang Emotionen hochkochen könnten, das ist ja möglich, aber das muss man dann eben akzeptieren, da muss man weiterreden. Was man von der Piusbruderschaft verlangen muss, ist, dass sie endlich von ihrem hohen Ross herunterkommen und dass sie wirklich diesen ernsthaften Dialog führen.

Worüber zum Beispiel?

Es geht vor allen Dingen um das Dekret über die Religionsfreiheit, das von der Piusbruderschaft angegriffen wird. Hier liegt eine Art Leiche im Keller, denn das Konzil hat bei dieser Erklärung ausdrücklich erst einmal gesagt, „es befragt die heilige Tradition und die Lehre der Kirche, aus denen es immer Neues hervorholt, das mit dem Alten in Einklang steht." Dann sagt es noch einmal, dass diese Erklärung „die überlieferte katholische Lehre von der moralischen Pflicht der Menschen und der Gesellschaften gegenüber der wahren Religion der einzigen Kirche Christi unangetastet lässt." Es wird nun von vielen behauptet, diese Übereinstimmung mit der traditionellen Lehre der Kirche sei tatsächlich gar nicht gegeben. Die Liberalen sagen: Das sind so ein paar fromme Sätze am Anfang, aber die eigentliche Erklärung über die Religionsfreiheit ist eine Revolution und man muss sehen, dass es hier einen Bruch mit der traditionellen Lehre der Kirche gibt. Das muss man akzeptieren. Die Piusbrüder sagen: Das ist ein Bruch mit der Tradition und deshalb kann man es nicht akzeptieren. Den Konzilsvätern muss man vorwerfen, dass sie sich nicht die Mühe gemacht haben, die Vereinbarkeit der traditionellen Lehre der Kirche mit dieser Erklärung zu zeigen und zu begründen. Die eigentliche Schlussfolgerung hätte sein müssen, darüber nach dem Konzil ein ernsthaftes Gespräch zu beginnen. In Frankreich gibt es gewichtige Publikationen, die diese Vereinbarkeit zu zeigen suchen - Harmonisierungsversuche. Diese sind unbedingt notwendig, denn es ist das Prinzip von Konzilien, immer im Einklang mit der Tradition zu stehen.

Nicht nur die Medien, sondern auch Theologen spielen lehrverbindliche Texte, Predigten, Audienztexte und Interviews undifferenziert gegeneinander aus. Riskiert die Kirche nun zusätzliche Verwirrung in einer Öffentlichkeit, die immer weniger über den Glauben weiß, indem sie sich auf eine emotionale Debatte mit Traditionalisten einlässt?

Diese Gespräche sollten überhaupt nicht in der Öffentlichkeit geführt werden. Auch früher verhandelte Kardinal Ratzinger im Auftrag des Papstes mit Erzbischof Lefèbvre nicht in der Öffentlichkeit, sondern die Öffentlichkeit wurde mit dem fertigen Ergebnis konfrontiert. Das sollte auch in diesem Fall so sein. Wenn sie zu einem Ergebnis führen, muss der Öffentlichkeit dieses Ergebnis mitgeteilt werden, wenn sie zu keinem Ergebnis führen, wird, so nehme ich an, die Piusbruderschaft hinterher das Ganze sowieso publik machen.

Unter den Gläubigen, die Ecclesia-Dei-Gemeinschaften angehören, gibt es unterschiedliche Haltungen gegenüber den Lefèbvrianern. Viele betrachten sie als Abtrünnige, die ihre Brüder 1988 im Stich ließen. Trauen Sie den Ecclesia-Dei-Anhängern eigentlich die innere Kraft zu, den Heiligen Vater in seinem Anliegen um die Einheit zu unterstützen?

Diese Frage betrifft die Kraft der Liebe und die Kraft der Hoffnung. Der Heilige Vater ist den Piusbrüdern entgegengekommen. Sie haben schon vor langer Zeit für den Dialog zwei Bedingungen gestellt: die Aufhebung der Exkommunikation und die allgemeine Wiederzulassung der alten Messe. Darin ist er ihnen entgegengekommen, allerdings darf man das Motu proprio über die alte Messe nicht als eine Konzession an die Piusbruderschaft betrachten. Es ist die tiefe Überzeugung des Papstes, dass die alte Messe ein kostbares Gut ist, das der Kirche nicht verlorengehen darf. Aber jetzt muss sich zeigen, ob die Kraft der Liebe, die den Heiligen Vater bewegt, auch eine Wandlung in den Herzen vollzieht. Da mache ich kein Wahrscheinlichkeitskalkül, sondern denke: Ja, so sollte es sein. Ich glaube an die Kraft der Liebe.

Wer Texte von Piusbrüdern liest, stößt auf Thesen, die der katholischen Tradition direkt widersprechen, etwa die Auffassung, die Exkommunikation könne durchaus eine Gnade gewesen sein, in dem Sinne, dass sie die Wahrheit versiegelt hat. Was ist von einer Gruppe zu halten, die sich die Deutungshoheit über die Tradition vorbehält?

Natürlich kann in einem gewissen Sinn aus allem eine Gnade werden. Zu dem Wort des heiligen Paulus „Denen, die Gott lieben, werden alle Dinge zum Besten gereichen" fügt Augustinus hinzu: „Auch Sünden." Ein Mensch kann nachträglich sehen, dass auch Sünden, in die er gefallen ist, einen providenziellen Sinn haben in seinem Leben. Wenn man das in diesem Sinne versteht, dann ist das eine Äußerung, gegen die man gar nichts sagen kann. Aber wenn man damit die Exkommunikation als solche in Frage stellen will, dann ist das ja eigentlich das Umgekehrte: Man sagt dann nicht, es ist eine Gnade, sondern man bittet ja um die Aufhebung. Das haben die Bischöfe von der Piusbruderschaft getan; sie haben den Papst inständig gebeten, sie aufzuheben. Dann können sie nicht sagen, wir haben ihn gebeten, eine Gnade aufzuheben.

In Frankreich haben Intellektuelle, die der katholischen Kirche eng verbunden sind, gegen die Aufhebung der Exkommunikation protestiert. Es ist nicht anzunehmen, dass hier die mediale Hysterie Früchte getragen hat. Hat der Papst durch einen Akt der Barmherzigkeit gegenüber einer Gruppe, die sich am rechten politischen Rand bewegt, bei den Intellektuellen Kredit verspielt?

Mir tut das Ganze sehr leid, weil darunter Kollegen sind, die ich sehr hochachte. Meiner Ansicht nach befinden sie sich trotzdem im Irrtum. Der Papst verhält sich eben wie der gute Hirte, von dem Jesus sagt, dass er 99 Schafe im Schafstall lässt, um einem verlorenen Schaf nachzugehen. Nun schreien die Leute, weil es ihrer Meinung nach auf diese 99 im Schafstall ankommt. Es ist ein Akt der Barmherzigkeit. Die Intellektuellen, die in Frankreich gegen die Aufhebung der Exkommunikation protestiert haben, scheinen tatsächlich auch nicht zu wissen, was eine Exkommunikation ist. Die Priester und Bischöfe der Piusbruderschaft sind ja nach wie vor suspendiert. Sie üben ihre Ämter nicht im Einvernehmen mit der katholischen Kirche aus. Die Aufhebung der Exkommunikation kann der Papst gar nicht verweigern, wenn Leute inständig darum bitten und diese Bitte mit dem Bekenntnis zum katholischen Glauben verbinden und die Unterwerfung unter das Amt des heiligen Petrus erklären. Er kann die Aufhebung der Exkommunikation nicht verweigern und an weitere Bedingungen knüpfen. Nehmen Sie das Beispiel des Patriarchen von Konstantinopel. Paul VI. hat den Bannspruch sozusagen als Vorleistung getilgt. Der andere Präzedenzfall sind die chinesischen Bischöfe der Patriotischen Vereinigung. Alle waren automatisch exkommuniziert, weil sie Priester- und Bischofsweihen gespendet oder empfangen haben, ohne Auftrag und ohne Zustimmung des Papstes. Das hat ja auch eine Spaltung gegeben. Diese nicht papsttreuen Bischöfe haben den Papst gebeten, die Exkommunikation aufzuheben und sie in ihren Ämtern anzuerkennen. Der Papst hat es getan. Auch übrigens mit großem Schlucken der Gläubigen der Untergrundkirche, die schwere Opfer auf sich genommen haben für ihre Treue zum Papst und die jetzt sehen, dass der Papst sehr individuell vorgeht. Der Papst hat von ihnen nicht den Austritt aus der Patriotischen Vereinigung verlangt, obgleich er diese Vereinigung als unvereinbar mit dem katholischen Glauben bezeichnet.

Obwohl Paul VI. und der Ökumenische Patriarch Athenagoras 1965 die Bannsprüche von 1054 tilgten, gibt es aber bis heute noch keine kirchliche Einheit mit der Orthodoxie. In China war die Aufhebung der Exkommunikation auch ein politisches Signal, wovon bei der Priesterbruderschaft keine Rede sein kann.

Der Papst ist extrem großzügig, weil er Kirchenspaltungen verhindern will. Die Piusbruderschaft hat vier Bischöfe. Wenn sie weitere Bischöfe weihen, können sie allmählich eine Gegenkirche aufbauen. Und Benedikt XVI. fühlt sich verantwortlich dafür, das zu verhindern. Schismen sind schnell machbar und sehr schwer zu beheben, wie das Beispiel der altkatholischen Kirche zeigt, die das erste Vaticanum nicht anerkennen wollte.

[© Die Tagespost vom 14. Februar 2009]