„Schließt die Evolutionstheorie Gott aus?“ IMABE-Fachdiskussion im Rückblick

Von Wolfram Schrems

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WIEN, 21. September 2007 (ZENIT.org).- Auf Einladung des Wiener „Instituts für Medizinische Anthropologie und Bioethik“ (IMABE), einer Einrichtung der Österreichischen Bischofskonferenz, diskutierten am Donnerstagabend in den Räumlichkeiten des Wiener Krankenhauses Sankt Elisabeth der Grazer Zoologe Univ.-Prof. Dr. Karl Crailsheim, der Priester und Philosoph Univ.-Prof. Dr. Martin Rhonheimer (Päpstliche Universität Santa Croce, Rom) und der Hausherr, Internist Univ.-Prof. Dr. Johannes Bonelli über das Thema Gott und Evolution.



Nach einer kurzen Einführung durch Frau Mag. Kummer (IMABE) legte Prof. Crailsheim dar, dass hochkomplexe soziale Systeme bei (etwa bei den „altruistischen“ Honigbienen) Insekten ein Problem für Darwin darstellten. Crailsheim erklärte die Darwinsche Maxime „survival of the fittest“, was nicht Überleben der „Stärksten“, sondern der „am besten Angepassten“ bedeute. „Absolute fitness“ würde die Reproduktionsrate eines Individuums als Zahl jener Nachkommen angeben, die bis zur Geschlechtsreife überleben (was bei den Honigbienen gerade nicht der Fall sei). „Inclusive fitness“ beruhe auf der genetischen Ähnlichkeit von zwei Individuen und schließe den Altruismus unter Verwandten ein (eben bei den Bienen).

Crailsheim gab anschließend einen Überblick über die Entwicklung des Darwinismus über den Neo-Darwinismus bis zur heute üblichen „Synthetischen Evolutionstheorie“, die neue Methoden („modelling“ und simulierte Evolution) und neue Erkenntnisse (etwa auch das Auffinden von „missing links“) einschließe. Der Wissenschaftler kritisierte, dass beide Diskussionsparteien, Darwinisten und ihre Gegner, nicht fair miteinander umgingen und bezog ausdrücklich die Vorgangsweise von Ernst Haeckel in seine Kritik ein. Er schloss mit der Feststellung, dass die Evolution zum Menschen hin ohne „intelligent design“ auskommen könne, was aber das Nichtvorhandensein dieses „designs“ nicht beweise.

Rhonheimer übte in seinem Referat Kritik am Konzept des „intelligent design“, das die Autonomie der Naturwissenschaft, eben auch des Neodarwinismus, nicht genügend berücksichtige. Er stellte gegenüber der Evolutionstheorie die grundsätzliche Frage, wie denn Ordnung durch Zufall entstehen solle, zumal die Entwicklungsgesetze (Mathematik, Physik) ihrerseits wiederum nicht der Entwicklung unterlägen. Der Neodarwinismus, so fügte er hinzu, beanspruche nicht, die Entstehung von Leben zu erklären, da dieses ja vorausgesetzt sei. Ebenso könne man die Entstehung von Materie prinzipiell nicht erklären. Sie könne weder „entstanden“ sein, noch sich aus etwas „entwickelt“ haben, weil ja dann die Frage nach ihrem Substrat das Problem nur verschiebe. Somit bleibe nur die Lösung, dass die Materie entweder ewig bestehe oder aber einen absoluten Anfang in der Zeit habe. Da sich Naturwissenschaft von ihrer Methode her nur mit der Körperwelt befasse, könne sie gar nicht deren Entstehung erklären. Ein „naturwissenschaftliches Weltbild“ wäre daher ein Weltbild für Fachidioten.

Rhonheimer betonte die Transzendenz Gottes und erklärte, dass Gott somit auch kein erklärendes Element innerhalb eines Systems sei, sondern außerhalb dieses Systems stehe.

In der Umkehrung des Dawkinschen Argumentes in „The God Delusion“ meinte er, die Wahrscheinlichkeit der Existenz Gottes steige mit der Unwahrscheinlichkeit der Welt. Auch der redliche Evolutionstheoretiker lehre nicht, dass die Ordnung das Produkt eines Prozesses sei (womit er dem fünften der Gottesbeweise des heiligen Thomas von Aquin indirekt Recht gebe).

Der Priester und Philosoph wies darauf hin, dass man sich von den Naturwissenschaften nicht vorschreiben lassen dürfe, was der Mensch ist. Man könne den Menschen nicht von der Evolution her, sondern nur die Evolution vom Menschen her interpretieren. Der Mensch als Krone der Schöpfung sei ein unhintergehbares Faktum. Die Anthropozentrik ermögliche es dem Menschen zu verstehen, was von der Naturwissenschaft her nicht zu erklären ist.

Dr. Bonelli karikierte in seinem Beitrag die darwinistische Sicht von der Entstehung des Menschen aus dem Affen. Ein fließender Übergang vom einen zum anderen impliziere, dass die Vernunft nur ein zufälliges Produkt des Gehirns wäre. Die katastrophalen Auswirkungen solcher Ansichten fänden in Peter Singer ihren Gipfel. Aufgrund der paläontologischen Befunde sei die Zeit zwischen Affen und Menschen jedenfalls viel zu kurz, um die Entstehung des letzteren aus ersterem darwinistisch zu erklären.

Die anschließende Diskussion unter den Fachleuten, in die das Publikum mit einbezogen wurde, verlief herzhaft und auf hohem Niveau. Bemerkenswert war die Mahnung des Philosophen an den Biologen, nicht nur als Naturwissenschaftler, sondern als Mensch zu denken, also auch den philosophischen Fragen nicht auszuweichen. Die biblischen Berichte und Bilder seien nicht einfach zu übergehen, so etwa auch eine frühe Dekadenzerscheinung der menschlichen Entwicklung, wie sie der Sündenfallbericht beschreibe. Jedenfalls müsse es irgendwo einen Sprung zum Menschen geben.

Crailsheim gab seinerseits zu, dass die naturwissenschaftlichen Informationen unscharf und vorläufig seien, bis sie sich etwa als falsch herausstellen sollten.

Frau Kummer schloss die Diskussion mit dem Hinweis auf die rund 14.500 uns erhaltenen Briefe von Charles Darwin, die einen kultivierten, bescheidenen und toleranten Diskurs bezeugen.

Die Veranstaltung war eine Mahnung, wie leicht man aneinander vorbeireden kann. Zugleich war sie ein Aufruf zur wissenschaftlichen Redlichkeit innerhalb der Grenzen der je eigenen Wissenschaft. Auch ein Naturwissenschaftler ist aber eben nicht nur ein Wissenschaftler, sondern ein Mensch, der das Ganze der Wirklichkeit im Auge behalten sollte, was allerdings über die Methode der Naturerkenntnis hinausgeht. Somit wurde die Berechtigung und relative Autonomie der Biologie betont, aber auch eingemahnt.