"Schneeballsystem" am Amazonas

Das beunruhigende Phänomen der Sekten in Brasilien

München, (KIN) | 341 klicks

Sie tragen Namen wie „Versammlung Gottes“, „Universelle Kirche der Herrschaft Gottes“ oder „Gott ist Liebe“. 16 000 religiöse Vereinigungen sind in Brasilien registriert; viele davon muss man als echte „Sekten“ bezeichnen.

Sie arbeiten mit unlauteren Methoden, sind mafiöse „Glaubensunternehmen“, denen es nur ums Geld geht. Sicher gibt es auch zahlreiche freikirchliche Gemeinden, bei denen wirklich der Glaube im Mittelpunkt steht. Sie erkennt man daran, dass sie ihr Geld redlich verwalten und in ihre Gemeinderäume, religiösen Unterricht oder soziale Projekte, wie zum Beispiel Drogenvorsorge, stecken. Doch oft ist der Übergang zur Sekte fließend. Bei der großen Mehrzahl dieser „Wölfe im Schafspelz“ werden die Kollekten nach dem Schneeballprinzip von unten nach oben verteilt; die Sektenführer werden dadurch schnell reich und mächtig. Im Juni 2012 besuchte eine Delegation des weltweit tätigen katholischen Hilfswerks KIRCHE IN NOT das unwegsame Amazonasgebiet im Nordosten von Brasilien und sprach mit katholischen Bischöfen über dieses beunruhigende Phänomen. Die Sektentempel haben sich inzwischen bis in das hinterste Dorf verbreitet. Jedes kleine Nest, egal wie klein und abgelegen, hat eine solche Versammlungsstätte – und meist ist sie das prächtigste Gebäude am Ort. In den Großstädten sind die Bauten regelrecht bombastisch.

Bischof Joaquín Pertíñez Fernández aus Rio Branco im brasilianischen Bundesstaat Acre erklärt sich den gewaltigen Zulauf der Sekten vor allem durch die Wundergläubigkeit der Menschen, aber auch durch den Wunsch nach materiellem Reichtum. „Die Sekten versprechen den Menschen Wunder, Heilung und Wohlstand“, sagt Bischof Fernández. Dabei schrecken sie nicht einmal vor „Taschenspielertricks“ zurück. „Das funktioniert so: Ein unbekannter Fremder wird einer Dorfgemeinde als schwer krank vorgestellt und dann vor aller Augen durch die Gebete des Sektenpredigers geheilt“, erklärt der Bischof. Der Fremde sei dabei ein bezahlter Schauspieler, doch das Spektakel verleite viele Menschen dazu, dem „Heiler“ ihr gesamtes Geld in der Hoffnung auf ein eigenes Wunder zu geben. Wenn das ausbleibe, könne sich der Sektenführer immer noch damit herausreden, dass der Geldbetrag oder das „Gottvertrauen“ der Menschen wohl zu gering gewesen sei. „Die Sekten behaupten: Wenn man zu geizig ist, straft Gott. Und nur, wenn man bezahlt hat, hilft er“, erklärt Bischof Fernández. Falls die Menschen aber tatsächlich alles gegeben haben und nichts geschieht, mangele es eben am Glauben. „Ein echtes Totschlagargument“, sagt der Bischof bitter. Der biblische „Zehnte“ im genauen Wortsinn sei in den Sekten stets direkt an die Gemeindeleitung zu entrichten. Bezahle man diesen Betrag nicht, drohen Fluch und Ausgrenzung aus der Gemeinde.

Die größeren Sekten haben oft viele Hierarchie-Ebenen, die gemäß dem Schneeballsystem aufgebaut sind: Die einfachen „Dorf-Pastoren“ der Sekten geben ihre Beiträge an überregionale Stellen weiter. Die Obersten der Gemeinden seien oft nicht zu identifizieren. „Das liegt daran, dass die Sektenführer ihr Geld im Ausland horten“, erklärt der – inzwischen emeritierte – Erzbischof von Manaus, Luiz Soares Vieira. Dieses „Schneeballsystem“ führe unter anderem auch dazu, dass die Sekten wie kommerzielle Unternehmen aufgebaut sind. „Die Ausbildung der ‚Pastoren‘ geht im Gegensatz zu der unserer katholischen Priester sehr schnell“, betont der 76-Jährige. Es genüge ein Rhetorik-Kurs, Theologie komme in der Ausbildung kaum vor. Die Verkündigung des Evangeliums diene oft nur als „Mittel zum Zweck“, um beispielsweise die Autorität des Sektenführers zu untermauern.

Werden Mitglieder krank, wird ihnen nahegelegt, Heilmittel der Sekte zu kaufen. Manchmal seien das nur Stofffetzen, die vom „Pastor“ berührt wurden. „Wird jedoch der Sektenführer selbst krank, geht er ins beste Krankenhaus nach Sao Paulo oder gleich nach Europa“, sagt Erzbischof Vieira. „Unnötig zu sagen, dass die Mitglieder der Gemeinde das nicht mitbekommen.“ Solche offensichtlich betrügerischen Systeme können nur Bestand haben, weil die Bevölkerung einen sehr niedrigen Bildungsstand hat. „Wir Katholiken müssen meist ohnmächtig zuschauen“, gibt Vieira zu. „Wir haben die Gegend zwar missioniert, aber die Menschen danach oft alleingelassen.“ Die großen Entfernungen und der Priestermangel hätten eine flächendeckende Seelsorge oft unmöglich gemacht. „Die Sekten haben das ausgenutzt, die christliche Lehre aufgegriffen, pervertiert und zu einem Geschäftsmodell gemacht“, betont der Erzbischof.

Die katholische Kirche ist meist der einzige Gegner der Sekten, die durch Korruption enge Verbindungen mit den örtlichen Politikern pflegen. Sie macht im Gegensatz zu den Sekten keine voreiligen Versprechungen. Sie sagt den Leuten nicht, dass man Gott „kaufen“ kann. Sie verkündet die Liebe Gottes, die selbstbewusst und frei macht. Leider ist der Anteil der Katholiken an der Bevölkerung in den letzten Jahren gesunken, wohingegen die Sekten Zulauf bekommen haben. Das liegt wohl auch daran, dass sich die Orden aus Europa, die einst den Glauben brachten, mangels Nachwuchs zunehmend aus Brasilien zurückziehen. Die Ortskirche muss auf eigenen Beinen stehen, doch sie ist arm an Priestern und Geld.

Das wichtigste Mittel im Kampf gegen die Ausbeutung ist Bildung. Hier ist die katholische Kirche weitflächig tätig. Religiös und weltlich gebildete Menschen fallen nicht so leicht auf die Irrlehren und falschen Versprechungen herein. „Wer sich mit dem Wort Gottes auskennt, weiß eben, dass die Praktiken der Sekten nicht zur Liebe und Barmherzigkeit Gottes passen“, erklärt der Bischof von Roraima, Roque Paloschi. Ebenso wichtig wie Bildung sei die Präsenz der katholischen Kirche vor Ort. Das geschehe unter anderem durch intensive Radio- und Fernseharbeit – auf diese Weise gelange das Evangelium täglich zu den Menschen. „Es muss aber auch genügend Seelsorger geben, und die Priester- und Katechetenausbildung will finanziert sein“, betont Bischof Paloschi. „Die Seelsorger brauchen geeignete Fahrzeuge, um zu den zum Teil sehr abgelegenen Gemeinden zu gelangen.“

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