Schönheit und Wahrheit - die lebendigen Wurzeln der Kunst

Vorsitzender der Liturgiekommission zu einem neuen Buch von Rodolfo Papa

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Von Kardinal Antonio Cañizares Llovera

ROM, 7. Juni 2012 (ZENIT.org). - Den zerstreuten Besuchern der Museen entgeht häufig das Herz eines Gemäldes, das Licht der Gnade!

Das ist ein Werk, auf das wir gewartet haben, weil wir es dringend nötig haben: Das Werk von Rodolfo Papa, das in die Tiefe der christlichen Kunst geht und ihre innerste Identität im Wesen herausarbeitet. Dieses Wesen und diese Identität wurzeln in der Wahrheit der Ars Sacra, die der Wahrheit der Kunst überhaupt entspringt, insoweit nämlich, als Wahrheit und Schönheit untrennbar sind. Glaube und Kunst, aber auch Glaube und Schönheit sind einander ganz und gar in einer untrennbaren Einheit zugeordnet, die ähnlich dem ist, was Glaube und Vernunft verbindet.

Dazu hat sich auch Papst Benedikt XVI. in einem bemerkenswerten Interview vom November 2010 bekannt, wo er sich vor Journalisten an Bord des Flugzeuges nach Spanien -zuerst nach Santiago di Compostela und in der Folge nach Barcelona zur Weihe der von Antonio Gaudí gebauten Basilika der Heiligen Familie wie folgt äußerte: „Sie wissen, dass ich immer wieder zum Thema der Beziehung zwischen Glaube und Vernunft zurückkehre, dass der Glaube, der christliche Glaube, seine Identität nur in der Öffnung zur Vernunft findet, und dass die Vernunft nur sie selbst wird, wenn sie sich auf den Glauben hin übersteigt. Aber genauso wichtig ist die Beziehung zwischen Glauben und Kunst, weil die Wahrheit, das Ziel der Vernunft, sich in der Schönheit ausdrückt und in der Schönheit sie selbst wird, sich als Wahrheit erweist. Also muß dort, wo die Wahrheit ist, die Schönheit entstehen. Wo der Mensch sich in richtiger, guter Weise verwirklicht, drückt er sich in der Schönheit aus. Die Beziehung zwischen Wahrheit und Schönheit ist unauflöslich, und deshalb brauchen wir die Schönheit. Von Anfang an, auch in der großen Einfachheit und Armut der Verfolgungszeit, waren in der Kirche die Kunst, die Malerei, der Ausdruck der Rettung durch Gott in den Bildern der Welt, der Gesang und dann auch das Gebäude grundlegend. All das ist grundlegend für die Kirche und wird es immer bleiben. So war die Kirche jahrhundertelang die Mutter der Künste: Der große Schatz der westlichen Kunst – sowohl die Musik als auch Architektur und Malerei – ist innerhalb der Kirche aus dem Glauben heraus entstanden. Heute gibt es gewisse ‚Meinungsverschiedenheiten', das aber schadet sowohl der Kunst als auch dem Glauben: Eine Kunst, die die Wurzel in der Transzendenz verlöre, würde nicht mehr auf Gott zugehen, sie wäre verkürzt, sie würde die lebendige Wurzel verlieren. Und ein Glaube, der nur in der Vergangenheit Kunst hervorgebracht hätte, wäre kein Glaube in der Gegenwart mehr; heute muss er erneut als Wahrheit ausgedrückt werden, die immer präsent ist. Deshalb sind der Dialog oder die Begegnung -ich würde sagen beides-, zwischen Kunst und Glauben in das tiefste Wesen des Glaubens eingeschrieben. Wir müssen alles tun, damit auch heute der Glaube in echter Kunst Ausdruck findet wie bei Gaudí in der Kontinuität und der Neuheit. Und die Kunst darf den Kontakt zum Glauben nicht verlieren" (Benedikt XVI, 6. November 2010).

Als das Buch geschrieben wurde, waren diese Worte noch nicht gesprochen; dennoch stellt dieses Werk von Rodolfo Papa – Glaubensmensch, Künstler, scharfer Denker und Wahrheits- und Schönheitssucher – eine Vertiefung, Erklärung und einen treffenden Kommentar dieser Worte und Gedanken von Papst Benedikt XVI. dar, für den das Binom Glaube-Kunst, die Anmut der sakralen Kunst, die Basiseinheit zwischen Kunst und Liturgie wichtige Themen in seinem Pontifikat sind.

Man kann die Freundschaft zwischen Kirche und Künstlern im Laufe der Zeit bis in die heutigen Tage also sehr gut verstehen; diese von den früheren Päpsten – von Paul VI. bis Benedikt XVI. – wiederholt bestätigte Freundschaft, die Einheit und nötige Gegenseitigkeit ausdrückt; und auch den Aufruf, im künstlerischem Werk das Binom Glaube-Kunst, Glaube-Anmut unzertrennlich von denen von Glaube-Vernunft, Glaube-Wahrheit und Glaube-Güte auszudrücken, wie es der Autor dieses Buches so herrlich macht. Von diesem Verständnis der Kunst her generell gesehen, insbesondere aber der sakralen Kunst, kann man den nachhaltigen Charakter der Kunst, ihre nicht-flüchtige Natur, ihre Universalität, die über Umstände der Epochen und Modeerscheinungen hinausgeht, ihre religiöse Dimension und die Verbindung des Künstlers und seiner gesamten Person mit dem Werk verstehen, besonders im Fall von sakraler Kunst oder Werken, die der Liturgie dienen, seien es Musik, Gemälde, Skulpturen oder architektonische Werke, die die Initiative Gottes, das göttliche Handeln ausdrücken, das allem künstlerischen Schaffen, aber auch der Liturgie selbst und der gesamten Schöpfung vorausgeht.

Beim Niederschreiben dieser Besprechung denke ich an die zahllosen Künstler, die ein getreues Spiegelbild und wahre Zeugen dieses Verhältnisses – Glaube und Kunst – sind, ein Verhältnis, das der Autor und die von ihm genannten Künstler so gut illustrieren. Es kommt mir zum Beispiel der geniale Maler des „Goldenen Zeitalters“ Spaniens, El Greco, in den Sinn, dessen 400. Todestag wir bald feiern. Weder die Person, und folglich auch nicht das das Werk El Grecos können von ihrer religiösen Dimension, vom christlichem Glauben, getrennt werden. Alles in ihm spiegelt die Größe eines Mannes von Geist mit einer speziellen „göttlichen Berührung“ wider, der fähig ist, in seinen Pinselstrichen und Farbenspielen seiner Gemälde die höchste Schönheit, die unendliche Tiefe der Lieblichkeit zu erfassen. In der Gesamtheit seines großen und einmaligen Werkes zeigt er ein Bild der Tiefe seiner Seele, Abbild seines Schöpfers, der sie mit seinen „göttlichen Pinseln“ gestaltete. In seinem Gesamtwerk zeigt sich der erhabene Geist, der das „Geheimnis“ geschaut und durchdrungen hat, und er drückt dies mit der vollkommenen künstlerischen Größe aus, die aus einer den oberflächlichen Blick transzendierenden und die höchsten Gipfel des Geistes erreichenden Erkenntnis des Wesens entspringt. Er hat sich so auf selbstverständliche Art die Breite des Evangeliums und das Geheimnis der Inkarnation – der Menschwerdung Gottes und seines Opfers am Kreuz für die Menschen oder den Sieg über den Tod, den größten Feind des Menschens, einverleibt, die sein Werk mit solch einer Dramatik wie auch mit Anmut darstellt.

So schafft es El Greco mit einem starken, traditionsreichen Glauben, gut vorbereitet und fähig, den Sinn seiner Wahrheiten darzustellen, in seinen Gemälden fundamentale Weisheiten zu übermitteln, den Ungebildeten die mysteriösesten Geheimnisse nahzubringen, zu katechisieren, zur Besinnung, zum Wunder, zur Verehrung und zur Anbetung zu bewegen; er schafft es, des Glaubens Sinn zu übermitteln, die Symphonie und Harmonie seiner Anmut und seine Verwurzelung in der lebendigen und wahren Natur des Menschen zu zeigen. All dies schuf er in seinem historischem Augenblick; trotzdem spricht uns auch heute ebenso wie damals seine Kunst noch an: mit einer unglaublichen Gegenwärtigkeit, denn es ist nicht der Umstand, der flüchtige Moment, der für ihn zählte; er drückt viel größere Wahrheiten aus, Wahrheiten, die nicht vergehen, und diese sprechen in einer Sprache „der Seele“, geschrieben mit Pinseln und Farben aus den Tiefen der Seele, wo alle Menschen sich verstehen und betroffen sind, gleich welcher Generation sie angehören.

Als Mensch mit bodenständigem „Christ-Sein" und Sohn seiner Zeit spiegelt El Greco den Menschen unzertrennlich wider, indem er dessen lebendige und einzigartige Passion manifestiert. Wer erkennt diese Passion nicht in „Entierro de Señor de Orgaz", „El Expolio", oder in „Apostolado", der Sakristei des Doms in Toledo, oder im „San José" desselben Doms? Die Hände, die Augen, das Gesicht, die Bewegung der Körper seiner Protagonisten, alles, sein ganzes Werk ist ein Ausdruck dessen, wie er den Menschen und sein Drama sieht: Der Mensch, der leidet und liebt, der dieses Drama der Existenz und seine Sehnsucht nach Freude lebt, von Gott geliebt; der Mensch, von Ihm geliebt und erhöht, der Mensch, der gerettet wurde und gerufen wurde, an Seiner Herrlichkeit teilzuhaben: Das ist die Wahrheit des Menschens, wie er vor Gott dasteht. „Gottes Herrlichkeit […], dass der Mensch lebt" (Hl. Irenäus von Lyon), spiegelt sich in seinem Werk. All sein Werke erklärt den Menschen, drückt aus, wie er in der Tiefe der Menschlichkeit eingeht; aber nicht wie ein Heide oder der einfacher Humanist es sehen würde; es gibt einen nennenswerten Unterschied: Es ist der Glaubensweg, der dazu führt, dass wir mit einem eigenen Blick, dem Blick der Wahrheit schauen, der untrennbar ist von der Schönheit. Hinter den Gesichtern oder den Körpern, den Händen oder den Augen, den Farben und den Falten der Kleider oder der Bewegung des Körpers liegt die Wahrheit, die der Glaube über den Mensch lehrt.

Dieser rein christliche, gleichzeitig aber auch anthropologische menschliche Glaube ist der Schlüssel zum Durchdringen und Eintauchen in den Reichtum El Grecos, der echtesten Kunst des Abendlandes. Seine Werke, wie andere durch den christlichen Glauben inspiriert, sind Werke, deren Aura der Schönheit man sich nicht entzogen hat - und auch nicht entziehen kann -; sie sind noch nicht zu einfachen, durch ihre Ästhetik definierten Objekten des Genusses für belesene Kenner und für die verspielte Neugier der Besucher in Ausstellungen und Museen geworden, noch wollen wir oder werden wir erlauben, dass es passiert. Dort, wo das Heilige und der Gläubige sich treffen, ist die Schönheit ein Glanz der Gnade. Dort beruft sich die Schönheit auf etwas Fremdes, über das wir nicht verfügen, aber das uns anzieht, uns besänftig und versöhnt. Durch die Schönheit fließt eine Kraft, die nicht erdrückt oder unterwirft, sondern die stützt. Dort scheint eine Freiheit in der Tiefe gesammelt auf, woher unermüdlich mehr Freiheit ausströmt, die uns aus der Mitte unseres Wesen befreit: Diese Freiheit quillt aus der Wahrheit und der Schönheit. Dort wird vor allem die Kommunikation der göttlichen Gaben und der Liebe möglich, die uns in Ihm mitgeteilt werden; dort öffnet sich die Hoffnung und dort zeichnet sich die Zukunft einer neuen Menschheit und einer Menschheit mit Zukunft ab.

Zum Schluss möchte ich meine Glückwünsche für Rodolfo Papa und meine Wertschätzung für dieses Werk ausdrücken, das uns nicht nur in die Kenntnis des Wesens der Ars Sacra einführt, sondern eine große Hilfe dabei ist, dass das Wissen um die Untrennbarkeit von Liturgie und Schönheit nicht nur existiert, sondern vielmehr noch deutlicher gesteigert und bekräftigt wird. Ich kann nur einladen, sich in dieses Buch zu vertiefen und so die Seele und den Blick mit seiner Lektüre zu bereichern.

Buchtipp (italienisch): Rodolfo Papa, Discorsi sull'arte sacra, Cantagalli, Siena, 2011.