Schritsteller Martin Mosebach: „Kunst ist unnütz und überflüssig“:

Der Inhaber des Georg-Büchner-Preises 2007 sprach mit Regina Einig

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WÜRZBURG, 30. Oktober 2007 (Die-Tagespost.deZENIT.org).- Der Schriftsteller Martin Mosebach nahm am 27. Oktober den Georg-Büchner-Preis entgegen. „Die Auszeichnung gilt einem Schriftsteller, der stilistische Pracht mit urwüchsiger Erzählfreude verbindet und dabei ein humoristisches Geschichtsbewusstsein beweist, das sich weit über die europäischen Kulturgrenzen hinaus erstreckt“, heißt es in der Begründung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.



Mit Mosebach ehrt sie „einen genialen Formspieler auf allen Feldern der Literatur und nicht zuletzt einen Zeitkritiker von unbestechlicher Selbstständigkeit“. Im Gespräch mit der Tagespost äußert sich der bekennende Katholik Mosebach nicht nur zu Literatur und Kunst, sondern spricht auch über seine Liebe zur alten Liturgie.

In „Dichtung und Wahrheit“ schildert Goethe Frankfurt am Main: „Die lutherische Konfession führte das Regiment (...), die Katholiken bemerkte man kaum.“ Unterscheidet sich die Stadt heute von Goethes Erinnerungen?

Goethe bemerkte die Katholiken in Frankfurt nicht, weil er sie nicht bemerken wollte. Sie waren gemeinsam mit den Juden und den Calvinisten von der politischen Macht ausgeschlossen; es gab da wohl einen kleinen Snobismus in der Aufsteigerfamilie Goethe, die sich noch nicht gar zu lang in der Nähe der Macht befand. Heute sind die Katholiken die größte Konfession in Frankfurt, aber das Goethe-Wort gilt heute wahrscheinlich mehr als damals.

Wie haben sich Ihre Aufenthalte in Indien, in der Türkei und in Italien auf Ihr Verhältnis zu Ihrer Muttersprache ausgewirkt?

Ich genieße es, während der Arbeit an einem Buch nicht von meiner Muttersprache umgeben zu sein, das Deutsche also ausschließlich beim Schreiben zu verwenden.

Hat die Lektüre von Nicolás Gómez Dávilas Werken Ihre Selbsteinschätzung als „Reaktionär“ beeinflusst?

Nicolás Gómez Dávila hat den Begriff Reaktionär neu definiert und diese Definition überzeugt mich. Der Reaktionär glaubt bei ihm vor allem an die Erbsünde, an die Imperfektibilität der Welt. Daraus lassen sich dann natürlich auch politische Schlüsse ziehen.

Goethe schreibt über Oliver Goldsmiths „Landprediger von Wakefield“, der Roman habe „den großen Vorzug..., dass er (...) im reinen Sinne christlich ist, die Belohnung des guten Willens, des Beharrens bei dem Rechten darstellt, das unbedingte Zutrauen auf Gott bestätigt und den endlichen Triumph des Guten über das Böse beglaubigt“. Sind Goethes Maßstäbe mit Blick auf den zeitgenössischen Roman obsolet?

Zunächst würde ich sagen: Ja, diese Maßstäbe sind gründlich veraltet, ich würde sie niemals für mich gelten lassen. Der Triumph des Guten über das Böse findet nach christlicher Überzeugung am Jüngsten Tag statt, nicht vorher – bei Goldsmith vermischen sich Christentum und Aufklärung. Aber es ist erstaunlich, wieviele Romane diesem Muster immer noch folgen. Ein wirklich schwarzer Schluss ist selten und wird auch vom zeitgenössischen Leser nur mit Unbehagen aufgenommen. Das verblüfft mich etwas.

Frommen Kreisen bescheinigt Ihr Essay „Was ist katholische Literatur?“, „Entwicklungen auf dem Feld des Ästhetischen meist sehr spät zu registrieren“. Liegt darin die Konsequenz einer Lebensform, die nicht auf weltliche Schönheit ausgerichtet ist?

Es liegt darin die Konsequenz einer Lebensform, die sich schon seit längerem aus der Teilnahme an Kunst und Kultur zurückgezogen hat und die dieser „Weltlichkeit“ aus dem Ressentiment heraus entsagt, bei diesen Gegenständen ohnehin nicht gehört zu werden.

Ihre Veröffentlichungen enthalten offene und indirekte Kritik an der nachkonziliaren Liturgiereform: In „Häresie der Formlosigkeit“ ist vom „Angriff auf die Göttliche Liturgie“ die Rede, in „Westend“ veranschaulicht eine Predigt, in der Gott nicht vorkommt, die geistliche Leere des vielerorts verbreiteten Pastoraljargons. Knüpft Ihr Werk an die jahrhundertelange Tradition der innerkatholischen literarischen Kirchenkritik – von der Carmina Burana bis James Joyce an?

Anders als „innerkatholisch“ könnte sie bei mir schwerlich sein, weil es mir unmöglich ist, einen „objektiven“ Standort außerhalb der Kirche zu beziehen; das wäre ein sehr künstliches, zum Scheitern verurteiltes Bestreben.

In „Die schöne Gewohnheit zu leben – eine italienische Reise“ halten Sie der modernen Kritik an Litaneien („das Leiern des halb benommenen, halb verblendeten Volkes“) entgegen: „Der Leser neuerer Literatur weiß indessen längst, dass in der Aneinanderreihung und der Wiederholung eine der stärksten Zauberkräfte der Poesie verborgen liegt“. Krankt die katholische Kirche auch am Bildungsmangel der Reformer?

Davon hat Papst Benedikt XVI. ja soeben in seinem Brief zu dem berühmten Motu proprio gesprochen, meines Erachtens das erste Mal, dass ein Papst in einem offiziellen Dokument einen Bildungsmangel seines Klerus konstatiert.

In Goethes Erinnerungen an Maria Einsiedeln heißt es, die Gebräuche der römischen Kirche seien „dem Protestanten durchaus bedeutend und imposant“. Haben Sie Ähnliches beobachtet?

Es gibt einen protestantischen Affekt gegen die katholische Liturgie, der sehr aggressiv werden kann, aber es gibt auch eine spezifische Liebe zur katholischen Liturgie unter Protestanten. Man vergesse nicht, dass unter den Kämpfern für die alte Liturgie der Anteil der Konvertiten sehr hoch ist.

In Ihrem Roman „Eine lange Nacht“ wiederholt ein betagter Kirchenhistoriker die landläufigen Vorbehalte gegenüber der traditionellen lateinischen Messe. Benedikt XVI. hat das faktische Verbot der alten Messe durch Pauls VI. mittlerweile aufgehoben, das zum Zeitpunkt der Veröffentlichung Ihres Romans noch galt. Stellt der Roman dem Leser vor dem Hintergrund dieser Entwicklung das nun aufgehobene Verbot der traditionellen Liturgie als eine Art „felix culpa“ der Kirchengeschichte vor, mit der die Lebendigkeit und Lebensfähigkeit des überlieferten Ritus zweifelsfrei unter Beweis gestellt worden ist?

Es stimmt, dass die Gefährdung der alten Liturgie vielen erst die Augen dafür geöffnet hat, welchen Verlust die Welt bei deren endgültigem Verschwinden erfahren würde. Eine „felix culpa“ kann aus dem Traditionsbruch aber nur werden, wenn wir zu einer wirklichen Wiedergeburt des alten Ritus gelangen.

Im selben Roman schildern Sie den scharfen Gegenwind, dem die Frankfurter Indultgemeinde durch das Bistum Limburg ausgesetzt war und assoziieren damit das Bild eines Verstecks von „für einen zukünftigen Heilstag Aufgesparten“. Betrachten Sie die Veröffentlichung des Motu proprio „Summorum Pontificum“ als diesen Heilstag?

Nein, sie ist nur die Beseitigung eines juristischen Hindernisses – wobei für die römische Kirche juristische Akte allerdings von besonderer Bedeutung sind. Liturgieblindheit ist für mich Ausdruck einer reduzierten Humanität – dieser Schaden dürfte nicht mit einem Papstbrief allein zu beheben sein. Sehr wichtig wäre jetzt, wenn wir den Papst einmal die alte Messe feiern sehen würden.

Fordert ein Romanheld wie Ludwig Drais, der zwar nicht weiß, wie man betet, aber während der Eucharistie „allzu bereit ist, das Unverständliche als Chance zu begreifen“ und das Messopfer als „Ausdruck einer Hoffnung gegen jede Vernunft und jeden Augenschein“ betrachtet, routiniert praktizierende Katholiken heraus?

Das kann schon sein. Routine ist immer gefährlich.

Schlüsselszenen Ihrer Romane „Ruppertshain“, „Eine lange Nacht“, „Die Türkin“, „Westend“ und „Das Beben“ drehen sich um Themen, die viele Zeitgenossen angestrengt verdrängen: Tod, Sterben und Trennungsschmerz. Bietet Lesen einer säkularisierten Wohlstandsgesellschaft eine Chance, sich mit dem Leid und Fragen nach den letzten Dingen zu befassen?

Romane sind weniger Spiegel als Fenster; sie bieten dem Leser die Gelegenheit, einmal den Blick von sich selbst und den eigenen Interessen abzuwenden und eine interessefreie Sicht auf die Welt auszuprobieren. Aber ich fühle mich immer unwohl, wenn der Kunst ein moralischer oder gesellschaftlicher Nutzen untergeschoben werden soll. Kunst ist unnütz und überflüssig und muss ihre goldene Überflüssigkeit mit Zähnen und Klauen verteidigen.

[Der Georg-Büchner-Preis wurde zum ersten Mal am 11. August 1923 verliehen und gilt als bedeutendster bundesdeutsche Literaturpreis; © Die Tagespost vom 27. Oktober 2007]