Schuld und Sühne

Vortrag von DDr. Martin Schlag, Regionalvikar des Opus Dei in Österreich

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GRAZ, 16. Oktober 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen den Vortrag, den DDr. Martin Schlag, Regionalvikar der Personalprälatur Opus Dei in Österreich, am 13. Oktober beim Interdisziplinären Kongress „Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“ in Graz gehalten hat.



Der Priester wies während des Workshops über „Schuld und Sühne“ darauf hin, dass der Mensch nicht bloß „besserungsfähig“ sei, sondern erlösungsbedürftig. „Aus eigener Kraft schafft er es nicht, die Neigung zum Bösen zu überwinden.“

Vor diesem Hintergrund sei die Beichte das „Sakrament der Freude“, da sie den Menschen wieder in die „Freiheit der Gottes- und Nächstenliebe“ zurückführe; zu dem, „was das Leben schön und ganz werden lässt“. Die Gnade Gottes befähige den Menschen zu dem, was ihn eigentlich ausmache: zu Selbsttranszendenz, Opferbereitschaft, Freude.

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Zunächst einige empirische Daten: Ich bin seit 11 Jahren und vier Monaten Priester. In dieser Zeit bin ich mehr als 1.000 Stunden im Beichtstuhl gesessen. Ich erblicke darin eine meiner wichtigsten und schönsten Aufgaben. Auf Grund des Beichtgeheimnisses darf ich aus dieser Tätigkeit keine Fallberichte vorlegen. Insgesamt und allgemein kann man aber festhalten: es gibt eine (bescheidene) Renaissance von Beichte und geistlicher Begleitung.

Die meisten Menschen, die zu mir kommen, sind psychisch gesund. Sie suchen bei mir nicht Heilung von psychischen Krankheiten, sondern Ansporn im christlichen Leben. Sie merken ihr Versagen in den Tugenden, das heißt ihre Sünden, und erbitten die sakramentale Gnade der Lossprechung als Hilfe Gottes in ihrem Bemühen oder einfach ein spirituelles Gespräch. Manche kommen mit einem diffusen Gefühl, dass „es so in ihrem Leben nicht weiter gehen kann“. Sie spüren, dass „etwas nicht in Ordnung ist“, besitzen aber noch kein klares Sündenbewusstsein und empfinden noch keine thematische Reue. Sie sind dankbar für Anleitung bei der Gewissenserforschung an Hand der Zehn Gebote. Auch wenn sie wegen mancher Handlungen keine Schuldgefühle empfinden können, möchten sie doch bereuen, weil sie Gottes Geboten vertrauen und zumindest bereuen sie, dass sie nicht bereuen.

Schuldgefühle hingegen entstehen bei den meisten Pönitenten, wenn sie andere verletzt haben, entweder durch Unbeherrschtheit oder durch Unterlassungen, zum Beispiel in der Familie. Nicht selten treten solche Gefühle erst nach Jahren auf. Manchmal haben sie keine objektive Grundlage. Es kommen selten Schuldgefühle auf bei Verfehlungen gegen den unsichtbaren Gott und überhaupt bei Sünden, die keinen sichtbaren Schaden zu verursachen scheinen. Für Gefühle ist Sichtbarkeit und sinnliche Erfahrbarkeit wohl wichtig.

An neurotische Schuldgefühle im strengen Sinn kann ich mich in keinem einzigen Fall erinnern. Häufiger trifft man auf „übertriebene Schuldgefühle“, besonders bei Menschen, deren religiöses Leben noch relativ unreif ist. Sie neigen dazu, wegen der Verlockungen der Versuchungen oder Regungen anderer Art, die sie fühlen, schlechtes Gewissen zu haben. Oder aber sie verwechseln Reue mit Ärger darüber, einen Fehler begangen, unabsichtlich jemanden verletzt oder gekränkt zu haben, etc.

Wir Priester sind nicht da, um Schuldgefühle (das Symptom) zu nehmen, sondern deren Ursache, das heißt Schuld. Schuldgefühle sind nicht unbedingt negativ. Sie können ein Zeichen der Vollkommenheit des Menschen sein, denn wer ohne Schuldgefühle Böses tut, tut dennoch Böses. Wer sich hingegen seiner Schuld bewusst wird, kann sein Verhalten ändern und wiedergutmachen.

Die Tiefenpsychologie hat der Theologie geholfen, Sünde und Schuld mit größerem Realitätssinn und Gespür für den Einzelfall zu sehen. Sie trägt dazu bei, die Bedingtheiten menschlicher Freiheit besser zu verstehen und so von Schuld und Sünde auch so zu reden, dass es ernsthafter und glaubwürdiger klingt [1]. Andererseits tut sich die Psychotherapie - trotz der Vielfalt der verschiedenen Schulen [2] - als empirische Wissenschaft schwer, Schuld und Schuldgefühl zu unterscheiden, weil sie auf Grund ihrer Methode Schuld als moralische Größe nicht erkennen kann. Die klassische Psychoanalyse deutet Schuldgefühle als neurotische Reaktion der Psyche: Die zerstörerischen Impulse, die durch die Vorschriften der Moral, des Über-Ich daran gehindert werden, sich an äußeren Objekten zu entladen, entfalteten ihre destruktive Wirkung im Innern der Psyche. Schuldgefühle seien insgesamt eine neurotische Fehlentwicklung. Die orthodoxe Psychoanalyse verfügt über kein Kriterium, um angemessene und krankhafte Schuldgefühle zu unterscheiden [3].

Tatsächlich nehmen falsche Schuldgefühle in den seelischen Erkrankungen einen breiten Raum ein. So kann es passieren, dass Psychoanalytiker übersehen, dass es auch berechtigte Schuldgefühle gibt, die auf wirklicher Schuld beruhen [4], also Regungen des Schuldgefühls, die nur als adäquate Reaktionen der Psyche auf eigene moralische Schuld verstehbar sind. E. Schockenhoff nennt Schuldgefühle, Schulderlebnis, Reue, schlechtes Gewissen, etc. die „immanenten Sanktionen des Moralischen“ [5]. Berechtigte Schuldgefühle sind im seelischen Haushalt für das Gelingen des Lebens notwendig. Gefühle sind innere Signale über den Wert von Fakten. Sie sind irrtumsanfälliger als die äußere Sinneswahrnehmung. Daher darf man ihnen nicht rückhaltlos vertrauen. Sie bedürfen der Kontrolle [6].

Meine Aufgabe als Priester und Seelsorger ist in diesem Zusammenhang die Erziehung zu richtigen Schuldgefühlen: sie zu nehmen, wo keine Schuld (mehr) besteht oder aber sie zu erwecken, wo die Sünde nicht bewusst geworden ist. Nicht selten werden moralische Fehler, die auf Grund begleitender emotionaler Erschütterung oder äußerer Auswirkungen relativ leicht identifizierbar sind, überbewertet, während mehr geistige, innere Sünden unterschätzt werden, die gerade die höchsten Tugenden zertreten: die Gottesliebe, die Gerechtigkeit, die Erfüllung von Standespflichten, etc. [7]. Dies ist ein Dienst an der Menschenwürde des Sünders, denn Verantwortung bildet die Kehrseite von Freiheit. Es entwürdigt, der Wahrheit über sich selbst nicht ins Auge zu blicken oder sich anhören zu müssen, das eigene freie böse Handeln sei ein Produkt gesellschaftlicher oder psychischer Zwänge gewesen.

In der „Pädagogik des Schuldbewusstseins“ sehe ich auch eine der Vorzüge der Beichtpastoral für Kinder: Sie lernen früh, über sich selbst nachzudenken und zu sprechen, erleben Verzeihung und erlernen es daher auch gegenüber anderen.

Was ist Schuld? Was ist Sünde?

Noch vor 20, 30 Jahren sprach man von einem „Unschuldswahn“, der unsere westlichen Gesellschaften befallen habe. Unsere Gesellschaft suche „sich selbst immer mehr vom Gedanken der Schuld freizumachen“. „Unheimliche Entschuldigungsmechanismen“ seien in ihr wirksam: Verdrängung, Verleugnung unserer Zuständigkeit, Suche nach Alibis angesichts der Katastrophen- und Unglücksseite unserer Geschichte, etc. [8]. Meines Erachtens trifft diese Diagnose in dieser Schärfe nicht mehr zu. Der Fortschrittsglaube und der naive Optimismus der 70er- und 80er-Jahre sind verflogen. Es hat sich eine neue Nachdenklichkeit breit gemacht. Wir merken, dass unser bisheriges naturwissenschaftliches, technisches Weltbild nicht ausreicht, um human zu leben: Technik ohne Ethik wird zur Bedrohung, ist manipulativ. Das globalisierte Wirtschaftssystem stößt innerhalb der reichen Staaten auf immer mehr Widerstand. Uns allen steckt der Schock des 9/11 in den Knochen, aber auch das dunkle Bewusstsein, an den Ursachen für diesen Terrorismus, der sozialen Ungerechtigkeit, dem Nord-Süd-Konflikt, der globalen Armut, etc. nicht ganz unschuldig zu sein [9].

Paul Ricœur hat sich eingehend mit dem Begriff der Schuld befasst. Er unterscheidet an Hand einer Auslegung religionsgeschichtlicher Bekenntnistexte drei Grundauffassungen des Bösen: als Makel (souillure), als Sünde (péché) und als Schuld (culpabilité). Der Makel oder die Unreinheit entsteht durch Befleckung gleichsam von außen, oft mehr aus Unglück denn aus eigenem Verschulden und bringt die Furcht vor rächender Strafe mit sich. Die Sünde bezeichnet die Situation des fehlbaren Menschen gegenüber dem persönlichen Gott und seinen unendlichen Forderungen; sie fürchtet den strafenden Gotteszorn, erhofft jedoch göttliche Vergebung auf Grund von Sühneriten. Während Makel und Sünde eine objektive, ontologische Situation im Auge haben, ist die Schuld, nach Ricœur, im Bewusstsein oder Gewissen beheimatet, als Bewusstsein der Sündenlast [10].

Die klassische Ethik geht von einer anderen Einteilung aus. Schuld im weiteren Sinnliegt vor, wenn zwei Voraussetzungen erfüllt sind: Es muss erstens eine freie menschliche Handlung vorliegen, die dem Guten widerspricht (malum). Zweitens muss diese Handlung auch subjektiv vorwerfbar und zurechenbar sein (culpa) [11]. Dies ist dann der Fall, wenn der Mensch die Handlung vorsätzlich verwirklicht oder wenn er die gebotene Sorgfalt nicht aufbringt. Strafrechtlich würde es heißen: die Handlung muss rechtswidrig und schuldhaft sein.

Die Kirche verkündet nicht Schuld und Sünde, sondern die Frohbotschaft von ihrer Vergebung durch Umkehr und Buße. Das Evangelium, die Gute Nachricht, ist gerade die Offenbarung der Erlösung von der Sünde durch Jesus. Der Engel kündigt Jesus an als denjenigen, der „sein Volk von seinen Sünden erlösen wird“ (Mt 1,21). Im Handeln und in der Lehre Jesu wird Schuld immer nur im Zusammenhang mit Vergebung thematisiert [12]. Ebenso in den Paulusbriefen [13]: „Wo jedoch die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden“ (Röm 5,20).

Sünde wird im Christentum erst von der Erlösung her erkannt. Man muss Christus als den Quell der Gnade erkennen, um Adam als den Quell der Sünde zu erkennen. Der Heilige Geist ist gekommen, um die Welt der Sünde zu überführen (Joh 16,8), indem er den offenbart, der von der Sünde erlöst [14]. Die Rede der Kirche über die Sünde befindet sich von Anfang an im Horizont der Barmherzigkeit Gottes, ja darüber zu reden ist Barmherzigkeit, denn die Sünde zerstört den Menschen. Wir müssen Sünde klar und deutlich beim Namen nennen, um den Menschen die Heimkehr in die Heimat zu ermöglichen.

„Das Schuldgefühl, das als innere Sanktion auf der Übertretung moralischer Gebote lastet, erwächst aus dem Bewusstsein, anderen etwas schuldig geblieben zu sein, auf das sie einen Anspruch haben. Durch die absichtliche Schädigung des Nächsten und die intentionale Verletzung der Güter, die wir von ihm bei uns selbst unter allen Umständen geachtet wissen wollen, verletzen wir das Grundgebot einer elementaren Mitmenschlichkeit, die wir einander schulden. Wer die Spielregeln der Moral missachtet, stellt sich dadurch außerhalb des Raumes unseres gemeinsamen Menschseins, der durch unsere wechselseitige Anerkennung als einander Gleiche und Ebenbürtige eröffnet wird. Die willentliche Missachtung der anderen, die ihnen die geschuldete Hilfeleistung und die Achtung ihrer fundamentalen Rechte vorenthält, zerstört diesen Raum gemeinsamer vernünftiger Existenz. Die eigentliche Sanktion der Moral, die der böse Wille nach sich zieht, meint deshalb ein Leben im Draußen, abseits der Vernunft, den frei gewählten Auszug aus der Sphäre gemeinsamer Verantwortung, die wir für das Wohlergehen aller von unseren Handlungen Betroffenen tragen“ [15]. Sein eigener böser Wille verleitet den Sünder dazu, frei das moralische Übel zu wählen. Er handelt dabei zwar unter dem Reiz außermoralischer Vorteile, der die Versuchung zur Übertretung darstellt, aber die Bosheit des bösen Willens ist letztlich nicht zu erklären – sie bleibt ein Geheimnis [16]. Die menschliche Natur wird erst begreiflich durch die Unbegreiflichkeit, die wir auf ihrem Grunde entdecken. Der Mensch ist nicht bloß „besserungsfähig“, sondern erlösungsbedürftig: aus eigener Kraft schafft er es nicht, die Neigung zum Bösen zu überwinden [17]. Der moralische Missetäter verliert seine moralische Integrität. Das ist weit mehr als ein natürlicher Mangel, der einem Menschen anhaften kann wie zum Beispiel eine Behinderung, eine fehlende Begabung oder wie eine nachteilige Disposition seines Naturells. „Der Verlust der moralischen Integrität bezeichnet einen Defekt der Person, der ihr Menschsein als solches betrifft“ [18].

Sünde ist nicht nur eine Entscheidung für einen falschen Gegenstand, sondern die Verfügung über sich selbst in dieser freien Entscheidung, und zwar als Verhältnis zu Gott [19]. Durch den Diebstahl werde ich zum Dieb, durch die böse Tat werde ich böse. Der Verlust der moralischen Integrität entzieht dem Schuldigen nicht nur die Möglichkeit vernünftiger Selbstachtung, sondern in der Regel auch die Voraussetzung gesellschaftlicher Anerkennung, denn der böse Wille verleitet den Schuldigen dazu, die Spielregeln eines geordneten Miteinanders einseitig zu durchbrechen und das Band der Solidarität zwischen den Mitmenschen zu zerreißen, das die Grundlage des menschlichen Zusammenlebens ist. Das Buch Genesis beschreibt daher die Folgen der ersten, allein dem bösen Willen des Menschen Kains entstammende Sünde als Verlust von „Rast und Ruhe“ (Gen 4, 14), von Heimat und Geborgenheit unter den Menschen [20].

Das Alte Testament verwendet verschiedene Worte für unseren Begriff „Sünde“. Das häufigste Wort ist der Stamm ht’, was „sich verfehlen“ bedeutet im Sinn von „vom Weg abirren“, „ein Ziel verfehlen“ (etwa beim Steinwurf) [21]. Dieser Begriffsinhalt ist aufschlussreich auch für das biblische Verständnis für die Gebote Gottes, die uns den Weg zum Leben weisen. Die Bibel versteht die Zehn Gebote Gottes als Befreiung aus dem Sklavenhaus der Sünde und als Weg des Lebens [22]. Die Erzählung über den Sündenfall des Menschen müssen wir vom Bundesschluss auf dem Berg Sinai und dem dortigen Verständnis des göttlichen Gebots her lesen, da ja die Hl. Schrift rückblickend aus der wachsenden Glaubenserfahrung Israels aufgezeichnet wurde. Im dritten Kapitel der Genesis wird in bildhafter Sprache ein Urereignis beschrieben, das zu Beginn der Geschichte der Menschen stattgefunden hat. Als geistbeseeltes Wesen kann der Mensch die von Gott angebotene Freundschaft nur in freier Unterordnung unter Gott, unseren Schöpfer, leben. Ausdruck davon ist der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, der die unüberschreitbare Grenze bildet, die der Mensch als Geschöpf freiwillig anerkennen und vertrauensvoll achten soll. Der Mensch hängt vom Schöpfer ab, er untersteht den Gesetzen der Schöpfung und den sittlichen Normen, die den Gebrauch der Freiheit regeln [23].

Gottes Gebote sind nicht willkürlich. So wie die Zehn Gebote das große Geschenk Gottes an sein auserwähltes Volk beim Bundesschluss am Berge Sinai sind, so ist es auch symbolisch das eine Gebot „am Anfang“ der Menschheitsgeschichte. Wie können wir sagen, dass eine Sammlung von Geboten ein „Geschenk“ ist? Weil Gott unser liebender und weiser Vater ist, der uns nicht heteronom, von außen als Tyrann irgendwelche Gebote auferlegt, mit denen er uns knechten und unterwerfen wollte: das wäre eine Entfremdung, ein Joch, das uns beengt und unfrei macht. Gott ist unser liebender und weiser Vater, der uns glücklich machen will. Deshalb gibt er uns bei unserer Erschaffung auch die „Gebrauchsanweisung unserer Natur“ mit. Die Zehn Gebote – und noch allgemeiner die Tugenden – stellen die Regeln des geglückten Lebens dar. Sie sind die Magna Charta unserer Freiheit, sind sicherer Weg durch die Wüste heraus aus dem Sklavenhaus unserer Sünde und unserer ungeordneter Leidenschaften: ein Abirren führt unweigerlich ins Unglück. Gott verwirklicht den Sinn unserer Freiheit. Die Sünde zerstört unser eigenes Glück und deshalb ist sie Beleidigung Gottes [24].

„Die Folgen, die moralisches Fehlverhalten nach sich zieht, treten nicht deshalb ein, weil sie von einer strafenden Instanz (einem erzürnten Gott oder dem weltlichen Gesetzgeber) verhängt würden. Sie gehen vielmehr aus der bösen Tat, dem schuldhaften Nicht-Handeln oder einem andauernden Sich-Gehenlassen als immanente Tatfolgen hervor, die sich der Handelnde durch sein eigenes Tun zuzieht. Wenn deshalb das eigentliche Wesen der Sünde theologisch als Verstoß gegen die Liebe und als freiwillige Übertretung der göttlichen Lebensordnung zu qualifizieren ist, verweisen auch diese religiösen Grundformeln im Sinne des biblischen Tun-Ergehen-Zusammenhangs auf die immanenten Sanktionen ethischer Gebote: Gott kann, wie Thomas von Aquin sagt, vom Menschen nicht anders beleidigt werden, als indem dieser gegen sein eigenes Gut handelt“ [25, 26]. Wer liebt (Gott), leidet mit dem Geliebten (Mensch) mit.

Es wäre verfehlt, zu denken, dass es jenen, die nicht nach den Zehn Geboten leben, „besser geht“, weil sie es leichter hätten. Gegen die Zehn Gebote lebt man nicht wie ein Mensch, sondern auf unmenschliche Art und Weise. Die Sünde ist Unwahrheit bezüglich des Menschseins. Wie Falschgeld kein Geld ist, sondern nur dessen Schein, so ist Sünde nicht menschliche Natur, sondern „Falschmenschlichkeit“ – zum Verwechseln ähnlich, aber dennoch falsch [27]. Wir erleben an uns ständig die Sünde, dennoch gehört sie nicht zu dem, was uns zu Menschen macht. Manchmal mag es scheinen, dass das Leben ohne Sünde nicht lustig, nicht wirklich lebenswert wäre, aber das stimmt nicht. Nur das Gute führt uns ein in die Weite der Freiheit der Gottes- und Nächstenliebe. Die Tugenden nehmen uns nichts von dem, was das Leben schön und ganz werden lässt. Im Gegenteil, sie machen erst das aus, was den Menschen eigentlich zum Menschen macht: Selbsttranszendenz, Opferbereitschaft, Freude [28].

Gott gibt uns als liebender und weiser Vater aus Liebe die Entfaltungsregeln unseres Glücks und möchte sich uns durch Gnade in Liebe schenken. Die Sünde ist das Nein des Geschöpfs gegen diese Teilname an der göttlichen Natur. Sünde ist ein Schuldigbleiben gegenüber dem Mitmenschen, gegenüber Gott oder gegenüber sich selbst, das die eigene moralische Integrität und das Glück des Sünders verletzt und daher eine Beleidigung Gottes ist. Wie die Ursünde ist jede persönliche Sünde Misstrauen gegen Gottes Güte und Ungehorsam gegen Gott. In der Ursünde zog der Mensch sich selbst Gott vor und missachtete damit Gott: Er entschied sich für sich selbst und gegen Gott, gegen die Erfordernisse seines eigenen Geschöpfseins und damit gegen sein eigenes Wohl [29].

Die Sünde als Schuldigbleiben verlangt einen Ausgleich, die wir als Sühne bezeichnen. Wo andere Menschen Schaden erlitten haben, geschieht diese „Sühne“ zunächst nach den Regeln der Ausgleichs- oder Verteilungsgerechtigkeit. Die staatliche Rechtsordnung hat diese Aufgabe. Sie erfüllt sie im horizontalen Verhältnis der Rechtssubjekte zum Beispiel durch das Schadenersatzrecht; im Übrigen durch das Strafrecht. Dennoch können Sünde und Schuld als solche im Tiefsten von keinem Menschen vergeben werden, weil ein „etwas“ bleibt, das das Zwischenmenschliche übersteigt. Es ist das Bewusstsein der Verletzung einer objektiven Ordnung, die im Gewissen hörbar wird, und wiederum nur von dieser Instanz freigesprochen werden kann.

Das Gewissen ist das Heiligtum im Innersten des Menschen, zu dem nur ich selbst und Gott Zutritt haben. Die Tatsache meines schlechten Handelns kann kein Mensch aus der Welt schaffen. Was geschehen ist, ist geschehen. Es kann nie unwahr werden, dass es geschehen ist. Auch wenn die Handlung schon vergangen ist, bleibt es in Ewigkeit wahr, dass sie begangen wurde [30]. Die Tat als solche bleibt. Bleibt auch Schuld auf ewig?

Diskutiert wurde und wird diese Frage im Zusammenhang mit den von den NS-Schergen begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Jankélévitch vertrat bekanntlich die Unvergebbarkeit des Unverzeihlichen. Jean-Marie Lustiger, selbst ein Opfer der KZ, hielt im Blick auf die NS-Verbrechen fest: „Selbst wenn das Opfer vor dem Sterben dem Henker das angetane Leid zu verzeihen vermocht hat, kann dies das Gewissen des Henkers vom getanen Bösen nicht befreien. Der alleinige Mensch kann die Sünde eines andern Menschen nicht verzeihen. Darin liegt die Tiefe des Übels und seine Unheilbarkeit (…). Gott allein kann verzeihen“ [31]. Nur der allmächtige Schöpfer und Herr der Geschichte kann die ewige Tatsache meines schlechten Handelns aus der Welt schaffen. Vergebung ist Neuschöpfung, ja mehr als Neuschöpfung – überbordende Schöpfung. Der Versuch, therapeutisch Schuld zu vergeben, ist eine Aporie: Nur Gott kann das! Es wird – wie wir wissen – auch dadurch nicht besser, dass man Schuld leugnet. Ohne Erkenntnis Gottes wird Sünde nicht verständlich als Verletzung des tiefen existentiellen Zusammenhangs zwischen Mensch und Gott. Ohne Gott ist die Sünde lediglich eine psychische Schwäche. Ohne Erkenntnis Gottes gibt es jedoch vor allem keine Vergebung. Besser gesagt: Ohne den Kreuzestod Christi gibt es keine Vergebung.

Gemäß der Bibel gewährt nur JHWH die Sühne (kpr). Die Akteure sind die Priester, die mittels der Blutzeremonie ein Sühnopfer darbringen [32]. Im Buch Lev 17, 11 heißt es: „Denn das Leben des Körpers ist in seinem Blut. Und nur für den Altar habe ich es euch überlassen, damit es eure Seele entsündige. Denn das Blut entsühnt durch das in ihm liegende Leben.“ Ohne Blut kein Nachlass von Sünden. Das hat Gott ein für allemal für uns getan, indem er seinen eigenen Sohn dahingab am Altar des Kreuzes. Wir sind durch das Blut dieses reinen Opferlammes rein gewaschen.

Bedeutet in den nicht jüdisch/christlichen Religionen Sühne wesentlich Wiederherstellung des durch Sünde gestörten Gottesverhältnisses mittels sühnender Handlungen der Menschen, so ist Subjekt der Sühne im Christlichen Gott selbst. Aus der Initiative seiner Liebesmacht heraus stellt er selbst das gestörte Recht wieder her und übt eine Gerechtigkeit, die zugleich Barmherzigkeit ist. Das Blut- und Lebensopfer Jesu am Kreuz ist Ausdruck jener „törichten“ Liebe Gottes, die sich selbst weggibt in die Erniedrigung hinein, um die Menschen zu retten. So erhält unsere Sühne, wie unsere ganze Existenz eine neue Richtung: Das Beschenktsein bestimmt die gesamte Struktur der christlichen Existenz [33], und die zentrale Kulthandlung des Christentums heißt Dank, Eucharistie. Sühne und Versöhnung sind Werk Gottes allein, der den Sünder sucht und sich über seine Umkehr freut [34].

Die Neigung zur Sünde und das eigene freie Tun des Bösen beherrschen zwar unheilvoll alle Menschen, aber die neuschöpferische Wirklichkeit der Rechtfertigungsgnade Christi greift universal durch. Dennoch hält die Widerständigkeit der Sünde im persönlichen Leben an [35]. Sie kann die Hinwendung zu Christus hindern, die eine wirkliche innere Erneuerung des ganzen Menschen sein muss, soll sie echt sein. Es entspricht dem Charakter der Gratuität auch dieser Hinwendung, dass nach katholischem Verständnis Gott ein eigenes Sakrament der Versöhnung gestiftet hat, das dem Sünder Reue und Vergebung schenkt, wenn sich in ihm ein Minimum an Einsicht und Umkehrbereitschaft findet. Im Bekenntnis der Sünden vor Gottes Vertreter objektiviere ich meine Schuld, indem ich sie in Worten ausspreche und damit in den intersubjektiven Raum stelle: Schuld ist nicht mehr mein Eigenstes, an dem ich festhalte und das ich selbst beurteile; ich unterstelle sie der Beurteilung durch die Kirche. Mit dem Aussprechen meiner Schuld gebe ich mich selbst in die Hände der Kirche, die mit der Vollmacht Christi handelt. Im Bekenntnis komme ich zur Wahrheit über mich selber, indem ich mir meiner eigenen Lebenslügen bewusst werde und indem ich mich für Worte öffne, die mir neue Wert- und Lebenshorizonte erschließen können. Die Beichte ist daher – in der Regel und bei richtigem Vollzug – ein Sakrament der Freude. In der Beichte erfahren wir immer wieder – durch die Vermittlung eines Menschen, der mit der Vollmacht Christi ausgestattet ist – dass Gott auf unsere Sühne verzichtet: Er hat uns seinen Anspruch auf gerechten Ausgleich für unsere Sünden geschenkt. Er tut das, damit auch wir einander verzeihen lernen.

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[1] Vgl. H. Weber, Allgemeine Moraltheologie, Graz (1991), 273.
[2] Vgl. aus christlicher Sicht, zB J.B. Torelló, Psychoanalyse und Beichte, Wien (2005), 64 ff; ebenso H. Weber, Allgemeine Moraltheologie, Graz (1991), 264-272.
[3] Vgl. E. Schockenhoff, Grundlegung der Ethik, Freiburg (2007), 368.
[4] Vgl. A. Görres, Schuld und Schuldgefühle, Communio 1984, 430 ff, 430.
[5] Vgl. E. Schockenhoff, Grundlegung der Ethik, Freiburg (2007), 365.
[6] Vgl. A. Görres, ebda, 433.
[7] Vgl. J.B. Torelló, Psychoanalyse und Beichte, Wien (2005) 100.
[8] Vgl. W. Kasper, Die Kirche als Ort der Sündervergebung, Communio 1989, 1 ff, 3; vgl. auch Beschluss «Unsere Hoffnung», I.5, in: Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland (Gesamtausgabe I), Freiburg u.a.²1976, 93 f, zitiert nach H. Windisch, Hoffnungsthema Umkehr, Communio 2004, 151 ff, 152.
[9] H. Weber, Allgemeine Moraltheologie, Graz (1991), 261, spricht von „Verlagerungen im Schuldempfinden“.
[10] Vgl. P. Ricœur, Finitude et culpabilité. II. La Symbolique du mal. Paris 1960, Première Partie : »Les symboles primaires : souillure, péché, culpabilité«, 31-150, zitiert nach einer Zusammenfassung von P. Henrici SJ, »…wie auch wir vergeben unsern Schuldigern«, Communio 1984, 389 ff, 392 f.
[11] Vgl. Thomas von Aquin, De Malo, q 2 a 2.
[12] Vgl. etwa das Gleichnis vom unbarmherzigen Gläubiger Mt 18, 23-35 und von den ungleichen Schuldnern im Gesamtkontext der Vergebungshandlung Lk 7, 36-50; der verlorene Sohn Lk 15, 11-32; die ehebrecherische Frau Joh 8, 1-11; und viele weitere Stellen.
[13] Vgl. zB Röm 5, 12-21.
[14] Vgl. Katechismus der Katholische Kirche (KKK), Rz 388.
[15] E. Schockenhoff, Grundlegung der Ethik, 370.
[16] Vgl. 2 Thess 2, 7: „to mysterion … anomías“.
[17] Vgl. P. Henrici, Die Philosophen und die Erbsünde, Communio 1991, 329 ff, 331.
[18] E. Schockenhoff, Grundlegung der Ethik, 369.
[19] Vgl. K. Rahner, LThK, 2. Auflage, 1179 f.
[20] Vgl. E. Schockenhoff, Grundlegung der Ethik, 370.
[21] Vgl. Jenni/Westermann, Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament I, Gütersloh, 5. Auflage (1994), 543; H. Weber, Allgemeine Moraltheologie, Graz (1991), 275.
[22] Vgl. Dtn 30, 16: Wenn du „den Herrn, deinen Gott, liebst, auf seinen Wegen gehst und auf seine Gebote, Gesetze und Rechtsvorschriften achtest, dann wirst du leben und zahlreich werden.“; Dtn 5, 15: „Denk daran: Als du in Ägypten Sklave warst, hat dich der Herr, dein Gott, mit starker Hand und hoch erhobenem Arm dort herausgeführt.“
[23] Vgl. KKK 390 und 396.
[24] Diese Einsicht steht wohl hinter der kühnen Aussage des hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, 2. Auflage, Köln (1989), Rz 1005: „Mit jedem Tag bin ich tiefer davon überzeugt: Die Glückseligkeit des Himmels ist für die, die es verstehen, bereits hier auf Erden wahrhaft glücklich zu leben.“
[25] E. Schockenhoff, Grundlegung der Ethik, 366.
[26] „Non enim Deus a nobis offenditur nisi ex eo quod contra nostrum bonum agimus.“ (Summa c. Gentiles III, 123.)
[27] Vgl. P. Henrici, Die Sünde als Un-Wahrheit, Communio 1989, 22 ff, 24.
[28] Vgl. Benedikt XVI. Homilie 8.12.05.
[29] Vgl. KKK 397 f.
[30] Vgl. hl. Bernhard von Clairvaux, De Consideratione ad Eugenium Papam V, XII, 26, in Bernhard von Clairvaux. Sämtliche Werke I, 818: « Quod factum est, factum non esse non potest. Proinde etsi facere in tempore fuit, sed fecisse in sempiternum manet. »
[31] Jean-Marie Lustiger, Die Gabe des Erbarmens, in: ders., Wagt den Glauben, Einsiedeln (1986), 412 -417, 414 f, zitiert nach J.-H. Tück, Das Unverzeihbare verzeihen? Communio 2004, 174 ff, 182.
[32] Vgl THAT, 843-851.
[33] Vgl. J. Ratzinger, LThK, 2. Auflage, 1157 zu „Sühne. V. Systematisch“.
[34] Allein in den Gleichnissen Jesu vom verlorenen Schaf, der verlorenen Drachme und dem verlorenen Sohn kommt das Wort Freude/sich freuen zehnmal vor, aber nicht die Freude des Sünders, sondern die Freude Gottes und der Engel, vgl. R. Slenczka, „Die Freude im Himmel“, Communio 2004, 158 ff, 160.
[35] Die neutestamentliche Zentralstelle für die Harmatologie ist Röm 6-8. In diesem Kapitel kommt 36mal das Wort „Sünde“ vor. In allen anderen Briefen insgesamt nur neunmal. Vgl. K. Kertelge, Die Sünde Adams im Lichte der Erlösungstat Christi nach Röm 5, 12-21, Communio 1991, 305 ff, 312.

[Vom Autor zur Verfügung gestelltes Original]